Der Justizminister und seine Musik: Die düstere Seite des DJ Buschmann

Justizminister Marco Buschmann hat einen Account auf der Musik-Plattform Soundcloud.

Justizminister Marco Buschmann hat einen Account auf der Musik-Plattform Soundcloud.

Hannover. Manchmal hält die Politik doch ganz besondere Überraschungen bereit. Oder hätten Sie gedacht, dass der neue Bundesjustizminister neben Wahlkampf, Talkshowauftritten und (inzwischen auch) regieren nebenbei ganz professionell ein musikalisches Hobby betreibt?

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Marco Buschmann (FDP) produziert und veröffentlicht in seiner Freizeit elektronische Musik, und das schon seit Jahren. Wirklich bekannt wurde das allerdings erst in dieser Woche: „Seit einige Medien meinen Soundcloud-Kanal erwähnt haben, haben sich über 14.000 Menschen meinen letzten Track angehört. Ich fühle mich sehr geehrt. Hoffentlich tun niemandem die Ohren weh“, twitterte Buschmann am Dienstag.

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Die Reaktionen auf das musikalische Werk des Justizministers (sein Pseudonym: „MBSounds“) reichen von Begeisterung („Fett guter Beat“) bis Spott („Erinnert an meinen Sound mit dem Magix Music Maker, als ich 12 war“). Zur Erklärung: Der Magix Music Maker ist eine Software für Hobbyproduzenten und wegen ihrer vorgefertigten Sample-Bausteine unter Profis massiv verpönt.

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Tatsächlich scheint Buschmann aber auf solch lächerliche Hobbytools gar nicht zurückzugreifen. In einem Twitter-Thread erklärt er, wie genau er bestimmte Stücke produziert hat: Mit dem „CS 80-Sound“ etwa – dabei handelt es sich um einen professionellen Hardware-Synthesizer von Yamaha. Und auch der Roland TR 909 kam offenbar zum Einsatz – eine Drum-Machine der Konkurrenz.

Soll heißen: Hier sitzt ein Mann vom Fach an den Tasten und Reglern – und es wird Zeit, das musikalische Werk des Justizministers mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Musikalische Vorbilder

Werfen wir zunächst jedoch einen genaueren Blick auf das Soundcloud-Profil des neuen „Bundesmusikministers“, denn das hält noch ein paar andere Überraschungen bereit. Zum Beispiel, dass Fans von Buschmann sich auch für „DJ Hornhaut“ und „Trotzkopf“ interessieren – die Künstlernamen klingen vielversprechend. Aber auch Buschmanns musikalische Einflüsse lassen sich hier entdecken. Exakt fünf Likes hat Buschmann seit Bestehen seines Accounts an Songs vergeben – und deren musikalische Vielfalt ist groß.

So gefällt Buschmann etwa der Track „Gold“ von Excision und Illenium. Letzterer gilt mit diversen Auszeichnungen (Electronic Music Awards, International Dance Music Awards) als der absolute Star des Future Bass – ein elektronisches Genre, das sich durch seine Halftime-Drops und herrlich romantischen Melodien auszeichnet und in Teilen Ähnlichkeiten mit Trap oder Dubstep aufweist. „Gold“ vereint beide Einflüsse – und sorgt beim Justizminister offenbar für Begeisterung.

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In eine völlig andere Richtung geht derweil ein Steve-Angello-Remix des Songs „Glory“ von Jean-Michel Jarre, den Buschmann ebenfalls geliked hat. Schönster Progressiv-House, der ein bisschen klingt wie aus den frühen 2010er-Jahren – kurz vor der großen EDM-Welle, als fortan alles nach Hardwell klang. Steve Angello ist übrigens Mitglied der Swedish House Mafia, die selbst Nichtkenner dieser Musikrichtung wahrscheinlich aus dem Radio kennen dürften.

Buschmann klingt anders

Ein Faible für Jean-Michel Jarre scheint der Justizminister ganz grundsätzlich zu haben, denn auch ein weiterer Track des französischen Produzenten steht auf seiner Like-Liste – diesmal allerdings in Form eines Remixes der britisch-finnischen Trance-Legenden von Above & Beyond.

Bei diesem Musikgeschmack verwundert es fast ein bisschen, dass Buschmanns eigene Tracks deutlich anders klingen. Sie lassen sich zwar auch dem Genre elektronischer Musik zuordnen und ziemlich häufig sogar Jean-Michel Jarre durchblicken – klingen aber weitaus weniger eingängig und schon gar nicht kommerziell. Und: Sie sind musikalisch ganz schön vielfältig.

Buschmanns aktuellstes Werk trägt den Titel „Excalibur Calls For Arthur“. Vermutlich würde man es im Genre Filmmusik einordnen, denn es könnte perfekt in einen Achtzigerjahre-Horrorfilm passen, gespielt in einer Szene, in dem sich der Serienkiller sein nächstes Opfer sucht – oder das verhexte Kind vom Priester exorziert wird.

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Bisschen altbacken

Das Stück beginnt mit einem dunklen Basslauf, dessen Sound vermutlich aus einem von Buschmanns Hardware-Synthesizern stammen dürfte, ehe ein Cello einsetzt und die Stimmung nicht gerade aufhellt. Ein Kirchenchor tut dann sein Übriges – unklar bleibt, ob es sich hier um ein Sample handelt oder Buschmann tatsächlich einen Chor um musikalische Hilfe gebeten hat. Falls dem so ist, dann konnte dieser nach der Horrornummer vermutlich nicht besonders gut schlafen.

In 3:48 Minuten baut sich das Stück dramatisch auf, gelegentlich durchschlägt ein Becken den düsteren Mix aus Streichern und Synthesizern, ehe es mit dem Sound einer Kirchturmglocke endet. Der Angstschweiß aber bleibt. Glaubt man einem Kommentator des Stücks auf Soundcloud, dann „ballert es“ noch „härter als die Regierungskoalition“. Er dürfte nicht ganz unrecht haben.

Andere Stücke aus Buschmanns musikalischem Repertoire gehen in eine völlig andere Richtung. „Driving To The Bar“ beispielsweise ordnet der Justizminister selbst im Genre House ein, klingt aber eher nach ... New Wave? Dark Wave? Jedenfalls ganz schön altbacken.

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Schwächen im Mixdown

Ein bedrohlich treibender Basslauf zieht sich durch den Track, während die Achtzigerjahre-Synthesizer drumherum scheinbar machen, worauf sie gerade Bock haben. Unterbrochen wird das Stück schließlich durch ein etwas konfuses Drum-Solo, ehe es wieder treibend weitergeht. Der Titel des Stücks („Driving To The Bar“) erschließt sich allerdings nicht ganz: Wenn man mit so einer miesen Stimmung wirklich zur Bar fährt, kann der weitere Abend eigentlich nur besser werden.

Und klar, wir alle wissen: Soundcloud ist der Feind eines jeden Musikproduzenten. Songs werden hier so stark komprimiert, dass am Ende alles nach Matsch klingt und die mühevoll eingearbeiteten Details im Mixdown komplett verloren gehen. Aber bei „Driving To The Bar“ und vielen anderen Stücken lässt sich trotzdem erkennen, dass Buschmann bei Abmische und Mastering gerne mal ein bisschen schludert.

Der wilde Mix aus Synthesizern erdrückt die Drums zeitweise – und insbesondere der Synth-Sound, der die höheren Oktaven spielt, ist zu dominant, fügt sich nicht im Mix ein und wirkt eher wie ein Störfaktor.

Lernkurve erkennbar

Auch im Track „Train To Berlin“ klimpern bedrohlich diverse Synth-Sounds aus Buschmanns Hardware-Fundus. Diesmal vollzieht der musizierende Minister allerdings einen Genrewechsel innerhalb eines einiges Tracks: Zunächst fährt der „Train To Berlin“ auf Breakbeats, später auf etwas altmodischen „4 to the Floor“-Kicks aus der Drum-Machine. Ganz schön kreativ, das muss man ihm lassen.

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„Off to Newar – House Remix“ ist eines von Buschmanns schwächsten Werken. Lieblos dudelt ein Synthesizer irgendwas dahinimprovisiertes über einen stampfenden Beat, der in 4:11 Minuten auch keine weiteren Überraschungen bereit hält. „Immer weiter“ hingegen klingt dank seiner Drum-Sounds fast schon ein bisschen zeitgemäß. Verziert mit einem saftigen 808-Bass und etwas weniger treibender Synth-Fläche könnte sich der Track fast als Instrumental für irgendeinen Deutschrap-Künstler qualifizieren. „To The People of Minsk“ klingt dann wiederum eher wie eine frühe Nummer der Chemical Brothers.

Das musikalische Spektrum des Justizminister ist so vielfältig, dass es unmöglich ist, jeden seiner Tracks zu besprechen. Und abgesehen davon wäre es es auch unfair, in seinen ganz alten Kamellen zu graben – denn jeder Hobbyproduzent lernt ja mit der Zeit dazu und wird besser. Diese Lernkurve ist auf Buschmanns Soundcloud-Profil durchaus erkennbar.

Improvisiert statt gut komponiert

Ein inzwischen sechs Jahre altes Stück sollte hier jedoch nicht unerwähnt bleiben, und zwar der ... nennen wir ihn mal „Fun-Track“ „Wutrede“. Dieser ist mit einer Rede des FDP-Chefs und heutigen Finanzministers Christian Lindner verziert, der im Parlament die Opposition verbal einmal quer durch die Manege zieht. Auch im etwas jüngeren Track „Second Speech of Anger“ ist eine Rede Lindners zu hören.

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Zum viralen Hit wurden die Songs nie, trotz guter Vorlage – was auch mit dem sehr experimentellen Style der Werke zu tun haben könnte. Die „Wutrede“ beispielsweise ist mit scheppernden Industrial-Beats unterlegt, die bei zu langem Anhören vielleicht eine Psychose auslösen, aber keinesfalls für kommerzielle Zwecke geeignet sind.

Das im Übrigen zieht sich durchs gesamte musikalische Machwerk des Justizministers: Buschmann will nicht in die Charts, Buschmann will offenbar experimentieren. Melodien wirken stets wie improvisiert, nie wie mühsam komponiert. Buschmann scheint Spaß am Frickeln der Sounds zu haben, ist aber weit davon entfernt, ein guter Songwriter zu sein.

Ein Drang zur Dramatik

Auch die Struktur der Tracks wirkt häufig konfus. Man geht mit Buschmann auf eine musikalische Reise, und man weiß nie genau, wo die endet und ob der „Train to Berlin“ nicht zwischendurch entgleist.

Aktuelle Musiktrends sind Buschmann völlig egal, bei „MBSounds“ klingt alles nach Achtziger. In gewisser Weise ist der musizierende Minister damit sogar Vorreiter: Die musikalischen Achtzigerjahreeinflüsse, die neuerdings etwa durch Künstler wie The Weeknd in den Mainstream gelangen, hat Buschmann schon 2014 produziert – wenn auch nicht ganz so erfolgreich.

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Was Buschmanns Werke auch verbindet: dieser unaufhörliche Hang zur Dramatik, zum Düsteren. Fast scheint es so, als gebe es auf der Synthesizer-Klaviatur des Justizministers nur Mollakkorde, und die Sounds wurden von Freddy Krueger und Michael Myers persönlich zusammengesampelt.

Ganz schön vielseitig

Nur ganz selten gibt es Ausnahmen – etwa beim ruhigen Pianostück „90 Seconds of Europe“ – Buschmanns Version der Europa-Hymne „Ode an die Freude“. Und auch die Warteschleifenmusik der FDP hat Buschmann komponiert, genauso wie einen Jingle für die Julis NRW.

Wenn man etwas Positives über Buschmanns Musikrepertoire verlieren möchte, dann ist es definitiv die Vielseitigkeit seines Schaffens. Kein Track gleicht dem anderen, Buschmann schert sich offenbar nicht um rote Fäden oder darum, dass irgendwas davon einem breiteren Publikum gefallen könnte.

Und eines muss man dem „Bundesmusikminister“ auch lassen: „Die Ohren“ schmerzen nach einem wilden Ritt durch das Soundcloud-Profil des 44-Jährigen keineswegs – man kann sich das schon unbeschadet anhören. Das muss dann als Lob aber auch reichen.

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