Olympiaboykott vor dem TV: Was bringt das?

Unser Autor ist nicht der Einzige, bei dem während Olympia der Fernseher ausgeschaltet geblieben ist.

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Wenn am Sonntag die Olympischen Spiele enden, sind 17 Tage lang Athletinnen und Athleten aus aller Welt durch die Pekinger Luft gerodelt, gesprungen, gefahren, geskatet, geflogen. 17 Tage lang kamen sportliche Höchstleistungen, politische Diskussionen sowie Trauer und Wut in Quarantäne­zimmern zusammen. 17 Tage lang brannte das olympische Feuer. Und 17 Tage lang blieb mein Fernseher aus.

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Ich sehe mir Großereignisse wie Olympische Spiele furchtbar gern an. Sommerspiele noch lieber, aber auch bei Winterspielen saß ich bislang zumeist mitfiebernd vor dem Fernseher. Ich bin auf dem Sofa quasi gemeinsam mit Markus Wasmeier und Alberto Tomba die Skipiste heruntergefahren, habe mit Uschi Disl und Laura Dahlmeier Medaillen im Biathlon geholt und flog mit Jens Weißflog und Sven Hannawald die Sprungschanzen hinunter. Wenn die Spiele begonnen hatten, war ich dabei.

In meinem Wohnzimmer gibt es in diesem Jahr kein Olympia

In diesem Jahr aber haben mich nur ganz nebenbei Meldungen über Goldmedaillen und Dopingfälle, zu Tragödien und Triumphen erreicht. Mein Entschluss stand schon früh fest: Die Winterspiele in Peking 2022 boykottiere ich, in meinem Wohnzimmer fahren in diesem Jahr keine Bobschlitten, keine Langlaufskier.

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Damit war ich nicht allein. Wer sich vor und während der Spiele in Peking Kommentare in den sozialen Medien durchgelesen hat, stieß immer wieder auf Menschen, die erklärten, dass und warum sie die umstrittene Sportveranstaltung ignorieren. Einer der prominentesten war der Schauspieler Heiner Lauterbach. Er schrieb, als Sportliebhaber falle es ihm schwer, aber er werde sowohl die Olympischen Winterspiele in Peking als auch die Fußball-WM in Katar nicht im Fernsehen verfolgen. „Länder, die die Menschenrechte mit Füßen treten und Millionen Menschen verschleppen, einsperren, foltern oder unter miserablen Bedingungen für sich arbeiten lassen, sollten keine Olympischen Spiele austragen.“

Aber ist das nicht oberflächlich und überflüssig? Kein Xi Jinping, kein Emir von Katar, kein Despot dieser Welt wird seine Politik ändern, weil in Deutschlands Wohnzimmern statt Bobfahren Dr. Bob und statt dreifachen Toeloops 3sat laufen. Liegt der Ex-Fußball­national­spieler Thomas Helmer vielleicht richtig, wenn er über die WM in Katar sagt, er freue sich darauf und werde sich an keinen politischen Diskussionen beteiligen?

Ist der heimische Protest sinnlos?

Protestforscher sieht drei Gründe für „einsamen“ Boykott

Der Protestforscher Dieter Rucht sieht mehrere Gründe für einen solch individuellen, „einsamen“ Protest. „Zum einen gibt es bei manchen sicherlich die Hoffnung auf einen Summeneffekt. Sender achten ja zumindest längerfristig auf ihre Zuschauer- oder Hörerzahlen und bevorzugen eher Sendungen, die auch von vielen wahrgenommen werden“, sagt Rucht. Das habe vielleicht kurzfristig keinen Effekt, aber könne die Bericht­erstattung unter Umständen längerfristig beeinflussen.

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Beim zweiten möglichen Grund für einen alleinigen Boykott vor dem Fernseher stellt Rucht das Gewissen in den Vordergrund. Man wolle „unabhängig von einem externen Effekt des eigenen Verhaltens mit sich selbst ins Reine kommen“. Eine solche Motivation habe sich auch in Forschungen zu sozialen Bewegungen, an denen der heute 75-Jährige selbst beteiligt war, bestätigt. Demnach verneint ein bestimmter Prozentsatz von Befragten – bei der riesigen Demons­tration gegen den Irak-Krieg 2003 waren es 10 bis 15 Prozent – die Frage, ob sie glauben, dass ihr Protest irgendeine konkrete Wirkung zeigt. „Und dann gab es noch eine Folgefrage: ‚Warum nehmen Sie dann an der Demonstration überhaupt teil?‘“ Eine Antwort lautete: „Ich möchte meinen Kindern oder Enkeln dann später sagen können, ja, ich habe etwas gemacht.“ Es geht also um innere Entlastung, um das eigene moralische Gewissen.

Bleibt der dritte Punkt: Da geht es dem Berliner Wissenschaftler um die Kraft der Anerkennung in der eigenen Gruppe, bei Freunden oder Kolleginnen. „Die Leute sprechen dann sehr häufig auch über ihr Verhalten, oder sie tasten ab, wie ihre Umgebung in dieser Sache denkt und handelt. Und wenn man dann den anderen verkünden kann ‚Ich gucke auf keinen Fall mehr hin, ich unterstütze dieses System in China oder das IOC in keiner Weise‘, wird man unter Umständen noch von seinem Gegenüber mit Worten verstärkt wie ‚Genauso geht es mir auch! Richtig!‘“, sagt Rucht.

Unterschied zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik

Die Philosophin Ina Schmidt verweist auf die gedanklichen Grundlagen: „In der philosophischen Ethik wird zwischen verschiedenen Ebenen unterschieden, auf denen moralisch gehandelt werden kann. Moral sei hier verstanden als die gelebte Form, das eigene wie das gesellschaftliche Leben auf eine gute Weise zu regeln. Was auch immer ‚gut‘ an dieser Stelle heißen mag.“

An diesem Punkt beginne die Differenzierung. Schmidt beschreibt im Gespräch den Unterschied zwischen Verantwortungs­ethik und Gesinnungs­ethik. Anhänger einer Verantwortungs­ethik sehen dabei „die Folgen des eigenen Handelns als maßgeblich an für das, was eine ‚gute‘ Tat ist. Daraus kann dann die Überzeugung entstehen, dass der Zweck die Mittel heiligen könne, eine Überzeugung, der wir oft genug kritisch gegenüberstehen“, betont Schmidt.

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„Der Verstoß gegen Menschenrechte ist immer verwerflich“

Andere verteidigen daher „den Ansatz universal gültiger ethischer Maßstäbe, in denen die Gesinnung ausschlaggebend für das ist, was als ‚gut‘ gelten kann, die sogenannte Gesinnungsethik. Es kommt also darauf an, was ich für ‚gut‘ halte, egal, unter welchen Umständen“, sagt Schmidt weiter. „Also: Der Verstoß gegen Menschenrechte ist immer verwerflich, Zensur ebenfalls, und das Ausbeuten von Arbeitern für Sportstadien kann auch in keinem Fall gut begründet werden. Hier können keine Umstände oder Bedingungen als Erklärungen herhalten.“

Was ist das Gewissen?

Das Gewissen spielt bei dieser Frage eine große Rolle. Aber was ist das eigentlich? Ina Schmidt, die 2021 ihr Buch „Die Kraft der Verantwortung“ in der Edition Körber veröffentlichte, bietet eine Erklärung: „Unser Gewissen ist das Ergebnis einer ethischen Prägung oder Erziehung und macht Einsichten möglich, die wir eher spüren als erklären können, wenn wir uns zum Beispiel aus Bequemlichkeit selbst in die Tasche lügen oder feststellen, dass ein Freund den Fernseher ausmacht, wir aber nicht.“

Klar ist: Der Protest eines einzelnen Menschen kann durchaus etwas bewirken. Trotzdem ist bei Themen wie Konsumverzicht oder Klimawandel oft ein gegenteiliges Argument zu vernehmen: „Der oder die Einzelne kann doch da nichts machen.“ Selbst wenn es stimmt, kann der Umkehrschluss dann sein, es nicht einmal zu versuchen? Ina Schmidt verneint. „Auch Greta Thunberg hat sicher nicht ahnen können, dass ein Protest mit einem einsamen Pappschild in Stockholm zum Anlass für eine weltweite Bewegung wurde. Aber sie hat eben nicht nur nicht den Fernseher angemacht, sondern hat zumindest einen öffentlichen Raum gewählt, um ihre Haltung deutlich zu machen“, sagt Schmidt. Eine Öffentlichkeit, die heute auch jeder protestierende Mensch im Wohnzimmer durch Twitter und Co. schnell herstellen könne, an die sich aber nicht nur mit einem Dagegen, sondern mit einem Dafür gewendet werden sollte, damit wir von einer Haltung sprechen können.

Die Kraft der Nachfrage

Dieter Rucht betont die politische Dimension, die selbst im Kleinen durch einen individuellen Protest und das anschließende Debattieren – ob in der Küche mit Freunden oder in sozialen Medien – entsteht. „Die Tatsache, dass wir darüber sprechen, vergrößert noch einmal die Wirkung eines Boykotts, und sei es auch nur als eine Option, die die Leute ergreifen oder nicht ergreifen“, sagt Rucht.

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Politisch ist auch die Kraft der Nachfrage: Es geht nicht darum, dass Sender, Zeitungen und Internetportale die Übertragung solcher Großereignisse boykottieren und das Angebot einschränken. Es geht um die mündige Entscheidung von uns allen, ob wir das Angebot der Bilder und Berichte annehmen oder für uns zu dem Schluss kommen, sie zu ignorieren.

Für sich selbst hält der Sportfan Dieter Rucht den stillen Protest vor dem Fernseher für „kein besonders eindrucksvolles Mittel“. Trotzdem habe er im Vorfeld beschlossen, sich die Wettkämpfe nicht im Fernsehen anzuschauen. Er sage auch deutlich, ohne missionieren zu wollen, dass er „das Ganze aus einer politisch-ideologischen Haltung her sehr distanziert“ betrachte. Aber aus welchem seiner genannten Gründe hat er aufs TV-Schauen verzichtet? „Aus dem zweitgenannten Grund: Ich habe bestimmte Überzeugungen und möchte mich auch im Einklang mit diesen Überzeugungen verhalten.“

Spätestens wenn im Winter die Fußball-WM in Katar beginnt, werden sich Sport­begeisterte all diese Fragen erneut stellen müssen. Das Gewissen schaut dann wieder zu. Oder halt weg.

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