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Gefangen im Netz übergroßer Liebe

„Schatten eines Jungen“: Erstaufführung in Göttingen

"Schatten eines Jungen" mit Marius Ahrendt (Tom) und Andrea Strube (Anna) im Deutschen Theater Göttingen.

"Schatten eines Jungen" mit Marius Ahrendt (Tom) und Andrea Strube (Anna) im Deutschen Theater Göttingen.

Göttingen. Der 1968 geborene Autor debütierte als Dramatiker 1998 und hat seitdem acht Theaterstücke geschrieben. „Schatten eines Jungen“ war das dritte, uraufgeführt 2006 in Oslo. Es hat ziemlich lange gedauert bis zur deutschsprachigen Erstaufführung. Doch das ist keineswegs mangelnder Qualität geschuldet, im Gegenteil: Lygre spielt virtuos mit den Zeitebenen der Handlung, was sowohl die Regie als auch den Zuschauer herausfordert.

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Zentrale Figur in „Schatten eines Jungen“ ist Tom. Als er seinen 14. Geburtstag feiert, lebt er schon einige Monate bei seiner Ersatzmutter Anna. Seine Eltern sind ein knappes Jahr zuvor ums Leben gekommen. Anna, Freundin dieser Familie, hat ebenfalls ein schweres Schicksal hinter sich: Ihr sehnlichst gewünschtes Kind ist kurz nach der Geburt gestorben, ebenso ihr Mann, der auch Tom hieß. Kein Wunder, dass sie dem Pflegekind Tom eine wunderbare Mutter sein will.

Mit diesem Zeitpunkt setzt das Stück ein und erzählt den Rest der Geschichte in zwei zeitlichen Richtungen, zum einen in Rückblenden, die bis zu Toms Zeugung reichen, zum anderen im Ausblick auf die Stationen seines Erwachsenwerdens bis zu seinem 21. Geburtstag. Dabei treten Toms Grundprobleme Stück für Stück zutage. Anna überschüttet Tom geradezu mit ihrer Liebe, lässt ihm schier keine Luft zum Atmen. In der Schule hat er keine Freunde, und als er seine Augen einmal draußen auf ein Mädchen wirft, will ihn Anna mit übermächtiger Eifersucht davon abhalten. Es gelingt Tom trotz seines wachsenden Widerstandes nicht, ein eigenes Leben aufzubauen. Stattdessen mündet seine enge Bindung an Anna in ein sexuelles Verhältnis zu ihr, das nicht ohne Folgen bleibt. Anna will das Kind zur Welt bringen, Tom ist strikt dagegen. Am Ende hält die Nachbarin von Tom und Anna liebevoll den Säugling im Arm und spricht denselben Satz, den Anna zu Beginn des Stückes dem kleinen Tom gegenüber geäußert hat: „Wir kommen schon zurecht. Wir beide.“

In den Rückblenden in Toms frühe Kindheit, ja schon in die Zeit, als seiner Mutter mit ihm schwanger ist, wird ein zweites Bindungsproblem vorgeführt. Mama konnte keine Beziehung zu ihrem Kind entwickeln, ihr mangelt es an Liebesfähigkeit. Das blieb Freundin Anna selbstverständlich nicht verborgen. Das erste Wort, das Klein-Tom über die Lippen bracht, heißt deshalb nicht Mama, sondern Anna.

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Auswege gibt es in diesem Geflecht von Beziehungen nicht, alle sind tragisch ineinander verstrickt. Allen fehlt es an Freiheit, alle lügen sich auch etwas vor, ihre verzweifelte Anspannung sich bricht hier und da in überlauten Schreien Bahn. Aber damit können sie sich nicht aus ihrem Seelengefängnis befreien. Solche Konstellationen kennen wir bei Lygres Landsmann Ibsen. Aber Lygre schreibt keine Ibsen-Kopien, sondern ist sehr eigenständig in seiner Formung.

Das artifiziell Stilisierte bei Lygre übersetzt Regisseur Ingo Berk in eine ebenfalls stilisierte, bisweilen sogar ritualisierte Bühnensprache. Ausstatter Damian Hitz stellt ein klinisch reines Zimmer auf die Bühne und macht damit die Laborsituation des Stücks sinnfällig. Die Szenen werden mit Blackouts voneinander getrennt, die Musik von Patrik Zeller (der die erste Szene mit einer Abwandlung von Bachs F-Dur-Invention unterlegt und bisweilen einen unterschwellig drohenden Tiefton beimischt) unterstützt unauffällig, aber wirkungsvoll die wechselnden Blickwinkel und Zeitebenen.

Marius Ahrendt gelingt es, die unterschiedlichen Altersstufen Toms vom Kleinkind, das mit seiner großen Zehe spielt, bis zum herangewachsenen jungen Mann mit feinen darstellerischen Mitteln zu differenzieren. Die großartige Andrea Strube (Anna) spricht immer ein klein wenig zu schnell, ein wenig abgehackt, sie verdeutlicht damit perfekt den Zustand des ständigen Getriebenseins. Toms Mutter (verzweifelt ruppig: Gitte Repin) kann weder ihr Kind noch ihren Mann (unerschütterlich zärtlich: Benjamin Kempf) wirklich lieben. Komplettiert wird das Ensemble durch Angelika Fornell als Nachbarin, die in diesem Beziehungsgeflecht die relativ Normalste ist und das Geschehen mit ungewohnt warmen Emotionen belebt. Das Premierenpublikum lauschte und schaute gebannt. Angesichts des beklemmenden Schlusses begann der Beifall verhalten, um sich am Ende befreit zu steigern.

Termine: 20. und 28. April, 4. und 18. Mai um 20 Uhr im DT-2, Theaterplatz 11. Karten an der Theaterkasse, in den Tageblatt-Geschäftsstellen, beim Tageblatt-Ticketservice unter (0551) 901 213 und online unter gt-tickets.de.

Von Michael Schäfer

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