Musik

Die sechste Göttinger Oldie Night in der Weender Festhalle

Unter dem Motto „Klein aber fein“ hat die „originale Göttinger Oldie Night“ am Sonnabend, in der Weender Festhalle stattgefunden.

Unter dem Motto „Klein aber fein“ hat die „originale Göttinger Oldie Night“ am Sonnabend, in der Weender Festhalle stattgefunden.

Göttingen.  Nach zwei Jahren Corona-Pause ist sie wieder da: die Göttinger Oldie Night, nun in der sechsten Auflage in der ausverkauften Weender Festhalle. Sechs Bands aus den sechziger Jahren bringt Organisator Klaus Faber aufs Podium: Aorta, Take Five, The Original Beatniks, Rathausrocker, BooM und Hot Docs.

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Oldie Night in Weender Festhalle: Unvermindertes Temperament

Die Musiker auf der Bühne sind grau- bis weißhaarig, im Schnitt etwa Mittsiebziger, von denen man früher dachte, der Weg in den Park zum Entenfüttern sei ihre einzige Bewegungsaktivität. Falsch: Das musikalische Temperament haben sie nicht etwa beim Eintritt in den beruflichen Ruhestand abgegeben, sie rocken weiter, singen kraftvoll, vielleicht nicht mehr mit dem jugendlichen Schmelz von früher, aber sie entzünden das Publikum lichterloh, das an fünf langen, weiß gedeckten Tischreihen im prall gefüllten Saal sitzt.

Aorta ist der Opener: Kali Christmann und Manni Groß an den Gitarren, Tomy Dyba am Bass, Klaus Dohrmann, der Anfang der Achtziger als damals jüngstes Mitglied zu Aorta stieß, am Schlagzeug, Klaus Faber am Keyboard. Der Whitesnake-Song „Here I Go Again“ ist das Motto der Oldie Night, die Textstelle „songs of yesterday” stimmt wörtlich. Als Gast singt Moderator Markus Riese. Der 42-jährige Journalist ist Oldie-Night-Fan seit Anbeginn, damals beim Tageblatt und Blick tätig, heute Redaktionsleiter der Alfelder Zeitung. Aorta bringen die Zuhörerinnen in Bewegung: Die Tanzfläche füllt sich, anfangs fast nur Damen, nach einer Weile trauen sich auch die Herren, erst der Quotenmann, doch dann immer mehr.

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Schwofen, essen und trinken

Fast alles von dem, was Klaus Faber als sein Oldie-Night-Konzept angekündigt hat, kann man in der Weender Festhalle tun: „Oldies hören, schwofen, essen und trinken“. Die Vokabel „schwofen“ mag – wie der Großteil des Publikum – in die Jahre gekommen sein. Doch auch etliche Jüngere kommen auf das kleine Tanz-Geviert vor dem Band-Podium und haben ihren Spaß. Der Plausch mit Nachbarn und Musikern allerdings ist der Lautstärke wegen nicht ganz so einfach.

Wobei die digitale Verstärkung wohl das einzige Zugeständnis an die Gegenwart ist. Aorta und die weiteren fünf Bands dieser Oldie Night – Take Five, The Original Beatnick, die Rathausrocker, BooM und Hot Docs – sind allesamt bestens aufgestellt in handgemachter Musik. Da gibt es keine elektronischen Mätzchen, für jeden Ton ist die Hand oder die Kehle eines Musikers verantwortlich. Für den ruhigen Grundpuls von Aorta sorgt Klaus Dohrmann prima. Die Band liefert ihre Musik so selbstverständlich ab, als lägen nicht gut fünf Jahrzehnte zwischen Bandgründung und heutigem Auftritt. Auch das Grönemeyer-Lied „Alkohol“ („Ich nehm mir mein Frühstück abends um acht“) hat schon fast 40 Jahre auf dem Buckel. Die Mini-Panne zu Beginn nimmt niemand übel: „Ey, da gibt’s ein Klavier-Intro, Klaus, mach mal“, sagt Kali Christmann – und schon greift Faber in die Tasten.

Tanzbegeisterte Schirmherrin

Auch bei der 1967 gegründeten Band Take Five, Stammgast bei der Oldie Night, ist Faber der Keyboarder. Die Drafi-Deutscher-Melodie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ wird augenzwinkernd als nostalgisches Schlager-Zeitdokument zitiert. Gitarrist Engelbert Simons erzählt, wie er mit 15 beim Auftritt der Original Blue Moons „durch die Scheibe geguckt“ und deren Bassisten Siggi Michalsky bewundert hat. Allmählich wird’s auf der Tanzfläche brechend voll, mittendrin OB Broistedt, die sich als persönlich begeisterte Schirmherrin entpuppt. Beim 1965-er Rolling-Stones-Hit „The Last Time“ steigt die Stimmung beträchtlich.

Bevor The Original Beatniks mit „Woolly Bully” ihre musikalische Visitenkarte abgeben, liefert Moderator Markus Riese ein paar historische Stichworte für das Jahr 1962, etwa die Fußball-WM in Chile, bei der Deutschland im Viertelfinale ausgeschieden ist, den ersten Auftritt der Rolling Stones in London, das Scheitern der ersten Probeaufnahme der Beatles beim Label Decca, der Song „Zwei kleine Italiener“ von Conny Froboess (damals 19, heute 79). Anzuhängen wäre für Göttingen, dass damals die Busse noch mitten durch die City fuhren, dass der Reitstall noch stand, dass die Bands der Sechziger in der legendären „Wallnuß“ an der Lange-Geismar-Straße auftraten.

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„Seid ihr jetzt warm?“

Die Beatniks gibt es seit 1965, sie sind weiterhin „mit Liebe und Leben und Lust dabei“, wie Riese treffend formuliert. Denn immer noch haben sie ihr Repertoire derart präsent, dass sie eine knappe Stunde am Stück die Festhalle rocken. Klaus Faber lässt seine Power-Stimme im Neil-Diamond-Song „Sweet Caroline“ durch den Saal tönen, begeistert singen die Fans mit. Auch hier mischt Klaus Faber am Keyboard professionell mit. Die angekündigte „schöne Schmusemusik“ ist eher druckvoll als zärtlich, die Nachfrage von Sänger und Drummer Tom Dyba „Seid ihr jetzt warm?“ ist wohl rhetorisch gemeint. „So, jetzt geben wir mal ein bisschen Gas“: Mit „Born To Be Wild“ ist der Saal akustisch bis zum Bersten gefüllt.

Gut drei weitere Stunden dauert die Oldie Night nach diesem Auftritt noch, mit je dreiviertelstündigen Auftritten von den Rathausrockern, BooM und den Hot Docs. Das heißt: zusammen gut fünf Stunden Live-Musik, fünf Stunden Schwofen mit lauter fitten Mittsiebzigern, hinter deren vielleicht etwas faltig gewordenen Gesichtern immer wieder der Teenager von früher hervorleuchtet. Und Klaus Faber plant, wie bereits zu lesen war, für den Frühsommer 2023 die Oldie Night Nummer sieben. Auch die wird vermutlich wieder frühzeitig ausverkauft sein.

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