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Show wird übertragen

Springsteen auf Netflix statt auf dem Broadway

Mit seinem Musical „Springsteen on Broadway“ hat hat Bruce Springsteen große Erfolge gefeiert. Jetzt sollen Aufzeichnungen des ganzen unter anderem auf Netflix laufen.

Mit seinem Musical „Springsteen on Broadway“ hat hat Bruce Springsteen große Erfolge gefeiert. Jetzt sollen Aufzeichnungen des ganzen unter anderem auf Netflix laufen.

NewYork.Bruce Springsteen ist der wohlhabende Held der Arbeiterklasse, der gute Mensch von Amerika – und nun auch ein Broadway-Star. Nach 236 Aufführungen endet heute (15. Dezember) „Springsteen on Broadway“, seine komplett ausverkaufte One-Man-Show im Walter Kerr Theatr in New York. Springsteens Plattenfirma und der Streaming-Dienst Netflix veröffentlichen derweil Mitschnitte, aufgezeichnet an zwei Abenden im Juli.

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Das erste Wort, das der 69-Jährige auf der Bühne sagt, lautet „DNA“. Es klingt, als handele es sich um ein dunkles Versprechen. Springsteen erzählt von seiner Kindheit, von seinen Eltern, von der Stadt, in der er „von Gott und seiner Verwandtschaft umzingelt“ aufwuchs. Gegen seine DNA, die geerbten und anerzogenen Eigenarten, kämpft er bis heute an. Er weiß aber auch, dass sie ihn zu dem mitfühlenden Singer-Songwriter gemacht haben, der er ist.

Sein Vater förderte ihn im Gegensatz zu seiner lebensfrohen Mutter nicht, sondern verweigerte ihm viele Jahre die Anerkennung. Häufig musste er ihn aus der Kneipe holen, „seinem zweiten Zuhause“. Er rauchte, soff und grübelte. Er war manisch-depressiv.

Der Vater konnte nicht darüber sprechen, Springsteen dagegen hat dies gelernt.

Minutenlange Ansagen kennt man von seinen Konzerten. Am Broadway weitet er sie zu einem Monolog mit Musik aus. Die Show ist kein Theaterstück, auch kein Musical. Bisher gibt es nichts Vergleichbares.

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Dass Springsteen eine ramponierte Seele hat, offenbarte er schon in seinen Memoiren „Born To Run“. Mit 32 begann er eine Therapie. Sie sollte 30 Jahre dauern. Die autobiografische Veranstaltungsreihe scheint das stolze Ergebnis der Selbstrettung zu sein – wie schon sein Buch, auf dem die Show basiert.

Für Fans war „Springsteen on Broadway“ das Nonplusultra. Wo sonst kann man dem Superrocker so nahe sein wie in diesem nur knapp tausend Zuschauer fassenden Theater. Auch finanziell ist die Show ein Hit. 111 Millionen Dollar hat sie bis Anfang dieser Woche eingespielt. Die Ticketpreise von 75 bis 850 Dollar waren auch für Broadway-Verhältnisse relativ hoch. Der Aufwand war dagegen im Vergleich zu anderen Produktionen gering. Schließlich bestand die Besetzung nur aus einem Alleinunterhalter mit Gitarre und Flügel, der in einer Art Fahrradkellerkulisse auftritt. Am Broadway munkelt man, dass demnächst andere Musiker und Theater das lukrative Springsteen-Modell kopieren werden.

„Springsteen on Broadway“ ist tief bewegend, melancholisch und witzig. „Ich habe nie von neun bis 17 Uhr gearbeitet und nie fünf Tage in einer Woche“, sagt er und fügt hinzu: „Bis jetzt“, womit er die 236 Shows am Stück meint. Der 69-Jährige plaudert, das Publikum lacht. Er singe über hart arbeitende Menschen, ohne jemals den Fuß in eine Fabrik gesetzt zu haben. „Ich habe mir das alles ausgedacht. Darin bin ich gut.“ Warum er Lieder über Arbeiter schreibe? Weil sein Vater einer war. „Mein Vater war mein Held.“

Der Musiker lacht viel über sich selbst. Er erzählt, dass er, von Elvis erweckt, der Enge entkommen wollte, dass er, der selbsternannte „Mr. Born To Run“, geboren sei, um abzuhauen. „Und heute lebe ich zehn Minuten von dem Ort entfernt, wo ich groß geworden bin.“ Springsteen spielt seine Erkennungsmelodie am Schluss. Er singt auch „Thunder Road“ und „The Promised Land“, seine anderen großen Songs des Aufbruchs.

Abend für Abend (mit wenigen Ausnahmen) hatte er dieselbe Liederliste. Das ist für ihn ungewöhnlich, denn sonst tauscht er viele Stücke von Auftritt zu Auftritt aus. Die von ihm an der 48. Straße präsentierten 15 Titel sind wohl die Lieder seines Lebens. Zwei, „Tougher Than The Rest“ und „Brilliant Disguise“, singt er im Duett mit seiner Frau Patti Scialfa. Es ist die Liebe seiner Familie, das wird klar, die für ihn eine befreiende, heilende Wirkung hat.

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Zwei Songs haben sein Profil als besorgter Chronist, der die Kluft zwischen amerikanischem Traum und Wirklichkeit beleuchtet, besonders geschärft. „Born In The U.S.A.“, im Original eine Fanfare, wird am Broadway in der rohen, auf das Wesentliche reduzierten Fassung zum Protestsong gegen die zunehmende Spaltung Amerikas. „The Ghost Of Tom Joad“ richtet er gegen die unmenschliche Trump-Politik, Familien an der südlichen Landesgrenze zu trennen. Auch „Land of Hope and Dreams“ singt er; es ist sein „Imagine“.

Springsteens Lebensbeichte kann auch das Publikum zu einer Bilanz inspirieren. Die Gabe, diese außergewöhnliche Verbindung zu seinen Fans herzustellen, nennt er seinen „magic Trick“. Man fragt sich im Verlauf der Show selbst: Bin ich zufrieden? Vielleicht sogar glücklich? Welche Voraussetzungen hatte ich? Was habe ich aus meinen Möglichkeiten gemacht? Konnte ich mich befreien, selbst finden oder selbst verwirklichen? Springsteen hat das wohl geschafft.

Von Matthias Begalke

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