Premiere von „Willkommen“ im DT

Wer zieht ein: Ahmed oder Flüchtlinge?

Willkommen im Deutschen Theater Göttingen - von links: Roman Majewski, Judith Strößenreuter, Marco Matthes, Gaby Dey, Feridun Öztoprak, Christina Jung

Willkommen im Deutschen Theater Göttingen - von links: Roman Majewski, Judith Strößenreuter, Marco Matthes, Gaby Dey, Feridun Öztoprak, Christina Jung

Göttingen. Ein schwuler Anglistikdozent, eine überspannte Fotografin jenseits der 30, ein eher karriereorientierter Banker in Probezeit, eine trinkfeste Mutter und eine naive Studentin teilen sich eine 200 Quadratmeter große Wohnung in Göttingen. Beim abendlichen WG-Essen eröffnet Dozent Benny den Mitbewohnern, dass er für ein Jahr nach New York geht und sein Zimmer während dieser Zeit Flüchtlingen zur Verfügung stellen möchte. Schließlich müsse man ja „Position beziehen”, findet Benny. Die kurze Schockstarre mit dicken Backen und entglittenen Gesichtszügen dauert nicht lange. Bennys Verkündung sorgt für einen turbulenten Streit in dessen Verlauf es um Rassismus, vermeintliche politische Korrektheit und zwischenmenschliche Unzulänglichkeiten geht.

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Während Fotografin Sophie (Judith Strößenreuter) den Einzug einer Flüchtlingsfamilie gleich als künstlerisches „Projekt” inszenieren möchte, sorgt sich Banker Jonas (Marco Matthes) um seine in der Probezeit so dringend benötigte Ruhe. Eichsfelderin Anna (Christina Jung) schweigt angestrengt. Einzig Doro (Gaby Dey) findet klare Worte. „Ich kann arabische Männer nicht ausstehen”. Frauenverächter, die von Ehre und Respekt reden, findet sie „zum Kotzen”. Und das schon nach dem zweiten Glas Wein – sehr viele weitere folgen. Doro will, dass die Gesetze von Feminismus, Grundgesetz und Popkultur in der WG in Kraft bleiben. „Religion ist nichts für erwachsene Menschen. Und ich hasse Intoleranz”, dröhnt Doro. Eignet sich ein Afrikaner als Mitbewohner besser? Ein Jeside oder vielleicht ein afghanischer Zwerg?

„Ich hab nix gegen Rassisten“

Irgendwann bricht auch die piepsige Studentin Anna ihr Schweigen: Sie ist schwanger. Von Ahmed (Feridun Öztoprak). Aus Hannover. Auch Achmed möchte das Zimmer gerne haben, um seiner schwangeren Freundin nahe zu sein. Ahmeds Auftritt in der WG fördert wiederum den mehr oder meist weniger versteckten Rassismus in den eigentlich ach so toleranten Göttinger WG-Bewohnern zu Tage. Achmed möchte keinen Tee, „ein Bier wäre gut”. In der Fahrradwerkstatt - in der sich Anna und Achmed kennen gelernt haben - ist er nicht, wie vermutet, Teilnehmer einer Maßnahme, sondern der Chef. Und der spricht über seine Teilnehmer offen als Kanaken. „Ich hab nix gegen Rassisten, ich bin selber einer”, sagt der Türke. Achmed führt die Vorurteile ad absurdum. Dann liebt er seine Anna auch noch so offen und herzlich, dass es Jonas zu Tränen rührt. Die Frage „Ahmed oder Flüchtlinge” ist also nicht leicht zu beantworten. Am Ende einigen sich Doro, Sophie und Jonas darauf, ein Gästezimmer einzurichten statt das Zimmer zu vergeben.

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Immer wieder verlässt einer der Bewohner entnervt den Raum – ein Tisch mit Stühlen, das ist das Bühnenbild. Währenddessen lästern die anderen kräftig - vor allem die Männer. Über Anna, mit der Jonas mal im Bett war, die er aber „sexy wie Brokkoli” nennt. Und über Sophie, die mal mit Benny (Roman Majewski) liiert war, bevor er beschloss, mit einem Mann zusammen zu leben. Für Sophies Kunst interessiert sich leider niemand.

Das Stück sorgt im Publikum für viele Lacher, Zwischen- und einen kräftigen Schlussapplaus. Die Schauspieler sind auf Socken unterwegs, stopfen Tiramisu und Alkohol in sich rein, es fliegt auch schon mal Knabberzeugs. Die sechs Akteure spielen die Figuren leicht comichaft überzeichnet, was dem Stück viel Schwung verleiht, so dass es manchmal fast wie aus dem Ohnesorg-Theater daher kommt. Allerdings stellen die Autoren Lutz Hübner und Sarah Nemitz in ihrer Komödie nicht banales mitmenschliches Geplänkel in den Mittelpunkt, sondern ein hoch aktuelles Thema. Rassismus. Die Vorurteile und Klischees, mit denen gearbeitet wird, stecken vermutlich auch in vielen Zuschauer-Köpfen. Das Thema Rassismus so locker-flockig und vor allem jede Minute unterhaltsam zu präsentieren, macht Spaß - ohne es zu sehr zu banalisieren. Es muss ja nicht immer als schwere Kost serviert werden.

Weitere Termine: Donnerstag, 22. und 29. März, Dienstag 3. April, Freitag, 13.April und Freitag, 20.April. Beginn: 19.45 Uhr.

Von Britta Bielefeld

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