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König des Kinderlieds

Rolf Zuckowski wird 75: „Von der ‚Weihnachtbäckerei‘ könnte ich leben“

Gab dem Kinderlied den nötigen Popschwung: Der Musiker Rolf Zuckowski steht mit seiner Gitarre auf einem Balkon am Hamburger Hafen. Der Musiker feiert am 12 Mai 2022 seinen 75. Geburtstag.

Herr Zuckowski, als Sie Kind waren in den Fünfzigerjahren in Hamburg, welche Musik, welche „Kinderlieder“ haben Sie damals am liebsten gehört?

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Vor allem die Schlager aus dem Radio und der Plattensammlung meiner Eltern. Und da wiederum die lustigen – von Gus Backus und Bill Ramsey – „Der Mann im Mond“ oder der „Der Wumba-Tumba Schokoladeneis-Verkäufer“. Und natürlich abenteuerliche Seemannslieder wie „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren“ – die mochte ich auch. Klassische Kinderlieder bekam man in der Schule beigebracht, mein Lieblingslied war „Der Mai, der Mai, lustige Mai“.

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1964 wurden Sie Gitarrist und Sänger der Schülerband The beAthovens (das „Ath“ in der Mitte des Bandnamens soll auf die Hamburger Albrecht-Thaer-Schule hinweisen, Anm. d. Red.). Der Name klingt, als hätten da musikalisch vor allem Chuck Berry und die Beatles dringesteckt.

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Da wurde tatsächlich im Wesentlichen das Repertoire von Chuck Berry gespielt – „Route 66″, „Roll Over Beethoven“ und derlei Titel. Auch von den Beatles, die ja bereits seit 1960 mehrfach in Hamburg gespielt hatten, waren viele Sachen im Programm. Später auch „Satisfaction“ von den Rolling Stones und „My Generation“ von The Who. Und wir streuten auch selbst geschriebene Lieder ins Konzert.

Auf Englisch?

Es waren auch deutsche Songs dabei. Die waren nur etwas schicksalsschwer. Ich hatte 1964 ein Lied geschrieben, das hieß „Morgenrot liegt wieder über Boston“. Darin habe ich von einem Atomkrieg erzählt, dessen einziger Überlebender ich bin. Das waren damals die Ängste der Zeit und wir hatten das Gefühl, man müsse sie rauslassen. Den Song haben wir zweimal gespielt und dann gemerkt, dass die Leute doch lieber Spaß und Party haben wollten.

Die ersten Popkinderlieder kamen von den Beatles – „Yellow Submarine“ und „Octopus‘s Garden“ – jedenfalls wurden sie von den kleinen deutschen Babyboomern über ihre Stimmung wie Kinderlieder empfunden. War das für Sie schon eine Inspiration für den späteren Kinderliedermacher?

„Ob-la-di, Ob-la-da“ gab‘s auch noch. Das war das Kindlichste, was die Beatles geschrieben haben. Diese märchenhaften und filmischen Themen fanden wir aber nicht so wertvoll. Wir spielten diese Lieder nur, weil da tüchtig mitgesungen wurde, bevorzugten aber Songs wie „All My Loving“, die wir auf unser Leben beziehen konnten. Wenn Sie unser beAthovens-Album „Happy to Be Happy“ im Streaming hören – die Plattenfirma hat mir das zu meinem 75. Geburtstag ermöglicht – sind das komplexere Titel mit mutigeren Harmonien und besonderen Textideen. Ich war damals zwar noch nicht Vater – deshalb habe ich da weniger an Kinderlieder gedacht – unsere Single aber hieß „Blow-up-Machine“, und handelte davon, dass sich ein ganz kleiner Mensch eine Vergrößerungsmaschine wünscht, um besser wahrgenommen zu werden. Die Kleinen größer machen – das war damals vielleicht doch schon in mir drin (lacht).

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Als Sie sich dann auf Kinderlieder verlegten, haben die Kollegen vom Rock ‘n‘ Roll da über Sie die Nase gerümpft?

Das war überhaupt nicht so, im Gegenteil, es gab Anerkennung. Um uns herum haben mehrere Paare ihre Kinder jung bekommen. Und fanden es schön, dass es mal ein paar neue Kinderlieder gibt. Und die, die sie mit mir im Studio aufnahmen, waren die erste Garde der Hamburger Studiomusiker und spielten das mit demselben Anspruch ein wie Erwachsenenmusik.

Schon der Titelsong auf Ihrem ersten Album „Vogelhochzeit“ von 1977 zeigt sowohl Tradition als auch Aufbruch. Das bekannte Kinderlied bekommt von Ihnen zusätzlich eine Zweitmelodie und einen komplett neuen Text.

Auf jeden Fall. Das war übrigens eine Vertonung von Buntstiftbildern zum Thema „Vogelhochzeit“ des beAthovens-Schlagzeugers Peter Meetz. Meine Frau war gerade mit Alexander schwanger, unserem zweiten Kind, und die Bilder erzählten genau das, was wir gerade erlebten: Ein Nest bauen, ein Ei legen, ein Kind großziehen, irgendwann das Kind wieder loslassen.

„Die Lieder hatten so wenig mit Anuschkas Leben zu tun“

Waren Ihre Kinder dann auch Ihr erstes Publikum?

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Unsere Tochter Anuschka, 1971 geboren, hat als kleines Kind im Bettchen immer die klassischen Kinderlieder aus einer Liederfibel heraus gesungen. Da waren die Noten kleine Figuren. Meine Frau und ich saßen im Nebenraum und waren davon ganz angerührt. Mir ging durch den Kopf, dass diese Lieder so wenig mit ihrem Leben zu tun hatten. Da klapperte die Mühle am rauschenden Bach – bei uns nicht. Mit ihr an der Hand dachte ich mir im Straßenverkehr kleine Elemente, Zweizeiler aus – so was wie „Zebrastreifen, Zebrastreifen / mancher wird dich nie begreifen“. Im Kinderhaus – damals in den Siebzigern gab es diese Bewegung, bei der Eltern den Kindergarten selbst organisierten – war mein Beitrag, mit den Kindern zu singen. Da wurden aus diesen Elementen dann Lieder. Meine Kinder und die des Kinderhauses waren mein erstes Kinderpublikum.

Neu war außer dem Einbezug der Lebenswelt auch ein Perspektivwechsel.

Die Ichform war wichtig. Wenn ein Lied „An meinem Fahrrad ist alles dran“ heißt, kann ihn sich das Kind aneignen. „Ich geb‘ Acht“ statt „Du musst achtgeben!“ Ich wollte, dass die Kinder sie als ihre Lieder annehmen, nicht als meine Lieder. Das hat sehr, sehr gut funktioniert.

Und schon im „Vogelhochzeit“-Lied ist da die Botschaft der Toleranz: Im Baum ist ein guter Platz für jeden Vogel, spürt man da – denn die Bilder zeigten keine bestimmten Vogelarten.

Und wegweisend war auch, dass die Vogelfrau den Vogelmann anspricht (lacht). Das war überhaupt nicht selbstverständlich.

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War das nach der „Vogelhochzeit“ klar, dass der Ast „Kinderlied“ Ihr Platz im Baum der Popmusik werden würde?

Das war eigentlich erst 1981 klar, als sich das seit 1975 von mir mitproduzierte Schweizer Trio Peter, Sue & Marc trennte und ich mich auf Kindermusik konzentrieren konnte. Die ersten Arbeiten waren noch musikpädagogische Projekte gewesen. Jetzt brachte ich die Single „Du da“ heraus, die wurde von allen Sendern wie ein Schlager gespielt. Jeder kannte das Lied – es war mein erster richtiger Hit. Eine solche Durchdringung der Rundfunklandschaft wäre heute gar nicht mehr zu erreichen, weil alles durchformatiert ist.

Ray Dorset von Mungo Jerry sagte mal, allein das Lied „In the Summertime“ von 1970 bezahle ihm seither die Miete, weil immer irgendwo Sommer ist. Könnten Sie von Ihren bekanntesten Hits „Wie schön, dass du geboren bist“ und „In der Weihnachtsbäckerei“ leben? Zwei Klassiker zu den wichtigsten Tagen der Kindheit?

Von der „Weihnachtsbäckerei“ schon – mit wahrscheinlich etwas bescheideneren Lebensansprüchen. Aber „In the Summertime“ war ein Welthit, „Weihnachtsbäckerei“ ist ein deutscher – das ist schon eine andere Größenordnung. „Wie schön …“ wird zwar ganzjährig gesungen und gespielt, aber vor allem dort, wo kein Geld fließt – in Kindergärten, Schulen und Familien. Das würde finanziell nicht reichen. Aber vom Herzen her ist „Wie schön …“ das Schönste, was ich in die Welt setzen konnte.

Der Song, von dem er leben könnte: 1987 landete Rolf Zuckowski mit „In der Weihnachtsbäckerei“ einen Hit, der zum modernen Kinderliedklassiker avancierte.

Der Song, von dem er leben könnte: 1987 landete Rolf Zuckowski mit „In der Weihnachtsbäckerei“ einen Hit, der zum modernen Kinderliedklassiker avancierte.

Man dachte, nach Ihrer Kinderliedermacher-Generation kämen nur noch das Debil-Krokodil Schni-Schna-Schnappi und Schlumpfentechno. Dann aber tauchten Deine Freunde mit dem Rap-Stück „Schokolade“ auf, ein Trio, für das Sie sogar das Label „nochmal!“ gegründet haben.

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Mein Sohn erzählte mir von denen. Die machten Hip-Hop für Kinder und würden sich gern RolfZuckopfnick nennen, sagte er. Fand ich merkwürdig, wollte sie kennenlernen und besuchte sie in ihrem Wohnzimmerstudio in St. Pauli. Sie spielten mir eine eigene Version von „Wie schön …“ vor – in dieser Rhythmik, die ich nicht draufhabe. Ich fand die Kombination aus starken Melodien und Rap mutig, und dass sie sich in den Texten sehr auf die Seite der Kinder stellten. Den Namen redete ich ihnen aus, weil sie doch zu eigenständig waren, um sich irgendwo anzulehnen. Und das Neue brauchte auch ein eigenes Label. Zehn Jahre später sind sie die erfolgreichsten Tourneekünstler für Kinder geworden.

„Lieder können das Kriegsgeschehen nicht gut aufarbeiten“

Wie Sie findet auch Flo Sump von Deine Freunde, dass die Welt, in der die Kinder leben, in den Liedern enthalten sein soll. Das ergäbe derzeit düstere Lieder, denn von der Pandemie geht es in dieser Welt direkt über zur Weltkriegsangst und über allem schwebt der Klimawandel. In der Ukraine werden auch Kinder Opfer furchtbarer russischer Kriegsverbrechen. Wie könnten Lieder aussehen, die diese Welt abbilden?

Ganz wichtig ist es, dass jetzt die Werte, an die wir glauben und die wir leben, für die Kinder in Liedern verstärkt werden: ein gutes Miteinander pflegen, Brücken bauen – auch zu Menschen, die wir noch gar nicht kennen. Das hat was von Frieden lernen, das kann sie fürs Leben prägen. Und es braucht auch Ablenkung – Inseln, wo nicht alle schlimmen Nachrichten auf sie einprasseln. Damit schafft man jetzt keine heile Welt, wohl aber musikalische Schutzräume. Man kann sich engagieren, viele Familien haben beispielsweise Flüchtlingsfamilien aufgenommen. Oder man kann seine Kinder zu Aktionen für den Frieden mitnehmen und fordern: „Wir möchten, dass Frieden wird, wo er nicht ist“. Lieder können das Kriegsgeschehen für mein Gefühl nicht besonders gut aufarbeiten, das wir im Moment mit Sorgen und Ängsten betrachten. Ich jedenfalls kann es nicht.

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Auch Missbrauch gehört offenbar für viel mehr Kinder zur Erfahrungswelt, als man dachte.

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Ich habe ein unveröffentlichtes Lied zum Missbrauch geschrieben. Es heißt „Wenn dies mein letztes Lied ist“ und appelliert an den vielleicht doch noch vorhandenen Kern derer, die gefährdet sind, zu missbrauchen. Es liegt womöglich für immer in der Schublade, weil ich nicht verhindern kann, dass Kinder es hören, die mit dem Thema hoffentlich nie konfrontiert werden und durch das Lied erst Ängste entwickeln. Das ist meine Verantwortung: Man nimmt Kinder durch Lieder unter Umständen auch in Gedankenwelten mit, die sie vorher nicht hatten.

Stattdessen lieber Ermutigungslieder spielen – wie Ihr „Ich schaff das schon“ mit der Zeile „Ich komm schon wieder auf die Beine“?

Das glaube ich schon. Es gibt auf Tiktok übriges Hunderte Kurzvideos, wo Menschen, meist Frauen, ihre Lebenssituation zu gerade diesem Lied einfangen. Solche Lieder helfen, sich in der schwierigen Welt zurechtzufinden und den Mut nicht zu verlieren. Und nicht nur ich, sondern viele aus meiner Zunft singen solche Lieder.

„Der Tod meines Vaters hat mich sehr, sehr erschüttert“

Sie hatten selbst keine leichte Kindheit. Ihr Vater war Seemann, Trinker und hat sich am Ende das Leben genommen.

Der Tod meines Vaters hat mich damals sehr sehr erschüttert. Wir haben uns aber in sehr vielen Gesprächen in der Familie Gewissheit verschafft, dass wir ihn nicht hätten halten können und dass wir uns auch nicht schuldig fühlen dürfen. Das hat es mir etwas leichter gemacht. Er hatte offenbar schon in seiner Jugend nicht die Anerkennung gefunden, die er sich gewünscht hatte – daraus ist ein gebrochener Lebenslauf geworden. Vielleicht ist das auch ein Kern meiner Ermutigungslieder, wo ich sage: Glaub an dich, geh deinen Weg, lass dich nicht kleiner machen, als du bist. Es würde mich nicht wundern, wenn mir ein Psychologe das so analysieren würde.

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Über Ihrem Vater haben Sie Ihre erste Gitarre bekommen.

Er hat offenbar jemandem in der Kneipe die Zeche abgenommen – das hat mein Bruder mir erzählt. Und dessen Gitarre mitgebracht. Mein Bruder hatte daran kein Interesse und sie mir überlassen. Und das war eine große Tat von ihm – mit vielen Folgen.

Rolf Zuckowski feiert heute (12. Mai) seinen 75. Geburtstag. Der Sänger und Musiker begann 1964 mit der Beatband beAthovens des Hamburger Albrecht-Thaer-Gymnasiums, startete 1977 mit dem Projekt „Vogelhochzeit“ seine Karriere als Liedermacher für Kinder. Zuckowski ist der bekannteste Musiker seines Genres in Deutschland, hat sich 2012 von den großen Bühnen des Showbiz zurückgezogen, gibt aber noch gelegentlich Konzerte und engagiert sich in vielen Projekten. Rolf Zuckowski ist verheiratet, hat drei Kinder und fünf Enkel. Gerade ist im Edel-Verlag seine Autobiografie „Ein bisschen Mut, ein bisschen Glück: Mein musikalisches Leben“ (288 Seiten, 24,95 Euro) erschienen. Sein jüngstes Album – Zuckowski hat auch ein weidliches Repertoire an Erwachsenenliedern – war 2020 „Gemeinsam unterwegs – Lieder im Herbst des Lebens“.

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