Interview

Wird die Jugend überschätzt, Robbie Williams?

Robbie Williams.

Robbie Williams.

Robbie Williams, Sie sind inzwischen 48 Jahre alt. Ihr Freund Elton John beispielsweise ist fast 30 Jahre älter. Gucken Sie sich Karrieren wie seine an und denken: Mit 75 oder 80 will ich den Job auch noch machen?

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Diese Männer sind meine Idole und meine Helden. Ich finde es fantastisch, dass sie noch auf der Bühne stehen und ihr Bestes geben. Rod Stewart wird sein ganzes Leben lang Rod Stewart sein. Elton ist immer Elton. Und ich werde nie aufhören, Robbie Williams zu sein.

Würden Sie gern aus Ihrer eigenen Haut schlüpfen?

Mittlerweile bin ich gern in mir selbst zu Hause. In einer sehr unbeständigen Welt, in der Karrieren kaum noch planbar sind, hatte ich ein fast unverschämtes Glück. Für jemanden mit einem dermaßen fragilen Ego wie mich ist dieser Zustand sehr, sehr wohltuend und beruhigend.

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Warum?

Weil ich abhängig bin vom Gefühl, erfolgreich zu sein. Und weil ich in besonders hohem Maße um mich selbst kreise. Gewissheit darüber zu haben, kein Niemand zu sein und auch keiner mehr zu werden, hat für mich einen hohen Stellenwert.

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„Die verdammten Zwanziger kannst du echt behalten“

Sie singen in „Eternity“, dass die Jugend an die jungen Menschen verschwendet wird: „Youth is wasted on the young“. Würden Sie gern noch einmal Anfang 20 sein und am Beginn Ihrer Solokarriere stehen?

Nein, bloß nicht! Ich denke manchmal an diese Phase in meinem Leben zurück, aber nie mit Wehmut oder Sehnsucht. Ich möchte diese Jahre nicht noch einmal erleben müssen.

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Sie vermissen gar nichts von dem, was der junge Robbie hatte?

Okay, ich hätte gern meinen funktionierenden Rücken von damals. Wenn die Wirbel alle noch in Reih und Glied lägen und die Stoßdämpfer dazwischen noch ordnungsgemäß ihren Dienst verrichteten, wäre das sehr schön. Doch von den Bandscheiben abgesehen, kannst du die verdammten Zwanziger echt behalten (lacht).

Zur Person

 

Mehr als 77 Millionen verkaufte Alben

Als Mitglied der Boygroup Take That kennt ihn heute kaum noch jemand – dabei wurde Robbie Williams (48) nur durch sie von 1990 an weltberühmt. Im Sommer 1995 allerdings stieg der auch für seine Drogen- und Alkoholexzesse bekannte Sänger aus der Band aus, was im Nachgang zum vorübergehenden Aus von Take That führte. 2010 nahm die Band noch einmal gemeinsam das Album „Progress“ auf. Auch wenn Williams viele Jahre eher im Schatten von Leadsänger Gary Barlow stand, zog er mit seiner Solokarriere überraschend an ihm vorbei: 1997 landete er mit „Angels“ einen Welthit, der seine Karriere auf eine neue Ebene hievte. Der Boygroupsänger von einst wurde aus Sicht vieler erwachsen. Als Solokünstler verkaufte Robbie Williams bislang weltweit mehr als 77 Millionen Alben. Mit 18 Brit-Awards erhielt er diese Auszeichnung der britischen Musikindustrie öfter als jeder andere Künstler. Williams wurde im englischen Stoke-on-Trent geboren. Seine Eltern betrieben einen Pub namens Red Lion, er selbst hat keinen Schulabschluss. Williams ist seit 2010 mit der Schauspielerin Ayda Field verheiratet und lebt in Kalifornien. Die beiden haben zusammen vier Kinder. Robbie Williams neues Album „XXV“ erscheint am 9. September. Er feiert darauf 25 Jahre Solokarriere, unter anderem mit seinen bekanntesten Songs wie „No Regrets“ oder „Come Undone“, alle neu aufgenommen mit dem niederländischen Metropole Orkest.

Wird die Jugend generell überschätzt?

Man kann das Leben als junger Mensch natürlich extrem genießen. Aber für mich war diese Zeit halt nicht so toll. Ich war viel zu lange ein Gefangener meiner miserablen psychischen Verfassung. Ich muss also ganz sicher nicht zurück in den Knast in meinem eigenen Kopf.

Sie besuchen den alten, gequälten Robbie allerdings in Ihrem neuen Song „Lost“, der von diesen verlorenen Jahren und Ihren Gefühlen damals handelt. Ist es also etwas anderes, die Vergangenheit in Ihrer Musik, Ihrer Kunst aufleben zu lassen?

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(überlegt) Ja, schon. Es hat etwas sehr Befreiendes, diesen verlorenen Ort mental mit der Sicherheit und Geborgenheit eines mittelalten Mannes aufzusuchen. Und in diesem Zusammenhang weitere Gifte ausschwemmen zu können, die immer noch in meinem Körper stecken aufgrund von früheren Erfahrungen und Ausschweifungen.

Sie haben vor wenigen Wochen bei einem Auftritt in Saint-Tropez sehr offen über Ihre psychischen Erkrankungen und Ihre Süchte gesprochen. Überhaupt hat sich die Gesellschaft in diesen Fragen geöffnet.

Ich habe immer schon über diese Dinge gesprochen, aber es stimmt, seit einiger Zeit hören mir die Menschen genauer zu. Ich habe mir ewig lang das Hirn zermartert, warum ich so bin, wie ich bin, und was an mir nicht stimmt und warum ich so leiden muss, und ich erhielt dafür keine Freundlichkeit, kein Wohlwollen, keine Empathie. Ich wurde verurteilt, mit den üblichen Sprüchen wie „Reiß dich mal zusammen“ oder „Worüber willst denn ausgerechnet du dich beklagen?“. Ich denke, heute verstehen die Leute, dass auch reiche, berühmte Menschen unter einer schlechten psychischen Gesundheit leiden können.

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„Als Popstar hast du auf dem Cover deiner Platte zu sein“

Ihr neues Album „XXV“ ist sehr opulent und schön gemacht. Wie war es für Sie, die alten Hits mit dem holländischen Metropole Orkest neu aufzunehmen?

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Ich finde, es ist eine nette Idee, mir die alten Lieder mit dem Abstand von Jahren oder Jahrzehnten noch einmal vorzunehmen und ihnen durch die Neubearbeitung etwas mehr Gravität zu geben, etwas mehr Gewicht. Für jemanden wie mich, der permanent im Hamsterrad rennt, immer das nächste Ziel vor Augen hat und nach wie vor etwas reißen will in der Karriere, ist es gut, mal zu sehen, dass ich auch früher schon besser war, als ich damals dachte.

Das heißt, Sie mögen Ihre eigenen Songs heute lieber als früher?

Ja, ich betrachte sie mit mehr Liebe. Es ist hart, ein Perfektionist zu sein, der alles als negativ und unzureichend empfindet, was er tut. Daher ist es erleichternd, mich heute diesen Songs widmen und sie bewundern zu können, anstatt sie zu hassen und zu verachten.

Sie sitzen in der Pose des berühmten „Denkers“ von Auguste Rodin auf dem Cover Ihres „XXV“-Albums. Was soll uns das Bild sagen?

Ich würde gern behaupten, es war meine Idee, aber so war es nicht. Tom Hingston, der sehr viele meiner Albumcover designt hat, kam mit der Idee. Als Popstar hast du halt auf dem Cover deiner Platte zu sein, weil dein Gesicht das Zeug verkauft. Ich finde das so ätzend und so langweilig. Ich kenne mein Gesicht ja. Aber diese Idee fand ich interessant und ein bisschen schräg. Ich war da sofort Feuer und Flamme.

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Sie sitzen da splitternackt auf Ihrem Album. Was haben Sie für ein Verhältnis zu Ihrem nackten Körper?

Ich habe kein Problem damit, nackt zu sein. Ich habe nur ein Problem damit, wie ich nackt aussehe. Was man auf dem Cover sieht, ist eine computergenerierte Version der Person, die ein bisschen so aussieht wie ich.

Haben Sie trotzdem was für Ihre Form getan, bevor Sie sich in Pose gesetzt haben?

Der Computer legte keinen Wert darauf, ob ich in Form bin.

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Ihre Frau ist Amerikanerin. Kann sie den Zerfleischer nicht entschärfen?

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Ayda ist von ihrer Art her sehr europäisch. Dieses amerikanische „Alles ist super“-Mantra ist auch nicht ihr Ding.

Bald wird Ihr Leben auch im Kino zu sehen sein. Eine Filmbiografie mit dem Titel „Better Man“ ist in Arbeit. Was hat es damit auf sich?

Es geht sehr gut voran. Ich habe vollstes Vertrauen, dass das Projekt in den richtigen Händen liegt und in die richtige Richtung läuft. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass der Regisseur Michael Gracey einen Film abliefern wird, der wirklich sehr gut ist.

Ist der Film schon abgedreht?

Noch nicht ganz. Bis Ende des Jahres sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, so ist jedenfalls der Plan.

Sie haben auch eine Rolle: Sie spielen sich selbst, oder?

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Ja, ich spiele mich selbst. Aber nur in einigen Szenen, nicht durchgängig.

Wie fühlt sich das an, sein eigener Filmcharakter zu sein?

Voll komisch. Und doch wundervoll. Es ist natürlich abgefahren, im Make-up-Raum neben dem Mann, der deinen Vater spielt, und der Frau, die deine Oma spielt, zu sitzen. Und die Frau, die deine Mutter spielt, ist auch da. Außerdem liegen herum: Howard Donalds Dreadlocksperücke, das Plastikkinn von Jason Orange und Bilder aus deinem gesamten Leben. Es ist wirklich ein unvergleichliches Gefühl.

Wenn Ihre vier Kinder anfangen, Fragen über das Leben ihres Vaters zu stellen, können Sie nun einfach sagen: „Guckt euch ‚Better Man‘ an.“

Nein, ich möchte nicht, dass meine Kinder den Film sehen.

„Der Film ist zu ehrlich, zu schonungslos“

Warum nicht?

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Der Film ist zu ehrlich, zu schonungslos. Da kommen Dinge vor, von denen ich als Vater nicht möchte, dass meine Kinder sie kennen.

Sie werden es nicht verhindern können.

Ich weiß. Ich werde vermutlich oft den Satz „Kinder, es ist nur ein Film“ sagen müssen (lacht).

Der Song „Party Like a Russian“ von Ihrem vergangenen Studioalbum „The Heavy Entertainment Show“ fehlt auf „XXV“. Hat das politische Gründe?

Nein, nein. „Party Like a Russian“ war kein Hit. Deshalb kam die Nummer nicht in Betracht.

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Und wenn sie ein Hit gewesen wäre?

Aktuell können wir diesen Song nicht bringen.

Reiben Sie sich manchmal die Augen, wenn Sie an Ereignisse wie Putins Angriff auf die Ukraine denken? Immerhin sind Sie 2018 noch in Moskau bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM aufgetreten. Wie hat sich Ihr Blick auf Russland in diesem Jahr verändert?

Ich denke, dass wir in einer sehr schnelllebigen Zeit leben. Wer weiß, was als Nächstes mit „Angels“ geschieht? Vielleicht findet jemand heraus, dass die Engel in Wirklichkeit Dämonen sind. Und dann kann ich dieses Lied auch nicht mehr singen.

Sie glauben, die Engel von heute sind die Teufel von morgen – und möglicherweise umgekehrt?

Man versucht immer, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Auf der heutigen politischen und auch moralischen Landkarte, die sich ständig verändert, ist es zunehmend schwierig, richtig zu liegen und sich nicht in irgendeiner Weise angreifbar zu machen. Das gelingt auch mir nicht zu 100 Prozent. Als Popmusiker versuche ich immer abzubilden, was das Jetzt ist. Und die Wahrnehmung dieses Jetzt, die ist im Fluss. Und so kommt es vor, dass das, was vor fünf oder zehn Jahren cool war, heute nicht mehr so cool ist.

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„In Amerika funktionieren die Menschen genau andersherum als ich“

Aber wie sieht es aus mit Sport, speziell, um für eine Tournee fit zu werden? Begeben Sie sich vorher in ein Bootcamp oder so?

Nein. Ich sollte das wirklich machen, aber ich bin ein Faulpelz. Ich habe sogar schon Tourneen absolviert, bei denen ich in komplett miserabler gesundheitlicher Verfassung war und die Konzerte trotzdem irgendwie durchgestanden habe. Seitdem denke ich bedauerlicherweise, es ist egal, wie fit oder unfit ich bin, ich packe das ja trotzdem.

Machen Sie aus Überzeugung keinen Sport?

Doch, doch. Ich bin entweder ein Mann, der jeden Tag Work-outs macht und das dann auch total liebt. Oder ich bin ein Mann, der Training hasst und gar nichts macht. Momentan bin ich Letzterer.

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Sie leben seit Jahren teilweise in Los Angeles. Dort sind alle immer super drauf oder tun wenigstens so. Hat das auf Sie abgefärbt?

Sie haben recht, in Amerika funktionieren die Menschen genau andersherum als ich. Aber ich kann aus Erfahrung sagen: Der Selbstzerfleischer in meinem Kopf hat olympische Ausmaße. Auch Los Angeles hat ihm nichts anhaben können.

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