Prozess gegen Mitglieder des Freundeskreis

Angeklagte und Hauptzeugen schweigen

Polizeieinsatz nach der Schlägerei am Albaniplatz am 12. Novermber 2016.

Polizeieinsatz nach der Schlägerei am Albaniplatz am 12. Novermber 2016.

Göttingen. Die Plätze im Zuschauerraum wie auf der Anklagebank sind an diesem Montagmorgen voll besetzt. Hinter der Scheibe haben Mitglieder der linken und rechten Szene, davor vier 22 bis 28 Jahre alte Männer mit ihren Verteidigern Platz genommen. Drei von ihnen wird vorgeworfen, im November 2016 an gewaltsamen Übergriffen am Albaniplatz beteiligt gewesen zu sein. Dieser Tatkomplex soll im ersten Teil der mehrtägigen Verhandlung näher beleuchtet werden.

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Laut Anklage sollen sich die Ereignisse vor der Göttinger Stadthalle am 12. November wie folgt abgespielt haben: Nach einer Kundgebung in Duderstadt tauchte der weiße BMW des damaligen "Freundeskreis"-Chefs Jens Wilke im Göttinger Stadtgebiet auf. Dort wurde der mit fünf Männern besetzte Wagen zunächst wiederholt vor dem Haus einer Göttinger Familie gesehen, wenig später am Albaniplatz von einer Polizeistreife gestoppt.

Mit der flachen Hand gegen den Wagen

Als zwei vermummte Personen – mutmaßlich eine Frau und ein Mann – die Parole „Nazis raus“ skandierend auf den Wagen zuliefen und mit der flachen Hand gegen das Fahrzeug schlugen, sprangen drei Personen aus dem BMW und machte Jagd auf das Pärchen. Der Mann erlitt schwere Verletzungen im Gesicht und an den Beinen – laut Anklage durch Schläge mit einer Metallkette oder einem Schlagstock. Doch wer hat zugeschlagen und womit? Eine Kette wurde nicht gefunden, eine Metallstange nur bei einem Mann gesehen, den die Polizei der linken Szene zuordnete.

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Am Montagmorgen wollen sich weder Wilke, der in diesem Prozess als Zeuge geladen ist, noch das angegriffene Pärchen, das ursprünglich als Nebenkläger auftreten wollte, zu den Ereignissen äußern. Sie machen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Aus der Riege der Angeklagten lässt lediglich der jüngste seinen Verteidiger Klaus Kunze eine Einlassung verlesen. Er beteuert, nicht aktiv an dem Geschehen beteiligt gewesen zu sein und dafür auch keinen Grund gesehen habe.

Polizei kann Angriff auf Mann nicht verhindern

Als weitere Augenzeugen hörte das Gericht die beiden Polizeibeamten, die als erste am Einsatzort eintrafen. Sie hatten dem Fahndungsaufruf folgend den weißen BMW gestoppt. Ihrer Schilderung nach versuchten sie anschließend einen Funkspruch abzusetzen und die beiden Gruppen zu trennen. Sie wehrten einen Angreifer mit Metallstange ab, halfen der jungen Frau gegen zwei „kurzhaarige Männer“ und beobachteten, wie sich der Albaniplatz mit Mitgliedern der linken Szene füllte. Die Schläge wenige Meter weiter vor der Stadthalle, den Täter oder die Tatwaffe konnten sie nach eigener Aussage nicht sehen beziehungsweise verhindern.

Präzisere Schilderungen liefert eine Studentin, die zufällig in der fraglichen Zeit ihr Leergut am Albaniplatz entsorgen wollte und freien Blick auf die Szene hatte. Sie beschreibt, wie das weiße Auto von der Herzberger Straße aus ankam, wie ihm Menschen aus Richtung Cheltenhampark entgegenliefen, drei Männer aus dem Auto sprangen. Sie schildert, wie ein Mann mehrfach von einer schwergliedrigen silbergrauen Kette getroffen wurde, sich am Boden krümmte, und wie sie selber fliehen musste, weil ein Mann aus dem weißen Auto auf sie zukam. Die Frage von Richter Stefan Scherrer, ob sie einen der Angeklagten wiedererkenne, verneint auch sie.

Das Verfahren, in dessen Verlauf auch noch der Angriff auf zwei Fotografen in Friedland im April 2017 und der Besitz einer Schreckschusswaffe aufgeklärt werden sollen, wird am 14. März fortgesetzt.

Von Markus Scharf

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