Jahrhunderte alte Vorurteile

Barbara Danckwortt untersucht Vorstellungen über Sinti und Roma

In den 60er-Jahren: Sinti-Familie vor ihrem Wohnwagen in Leer in Ostfriesland.

In den 60er-Jahren: Sinti-Familie vor ihrem Wohnwagen in Leer in Ostfriesland.

Göttingen. Vor allem kämen da Jahrhunderte alte Vorurteile gegen eine ethnische, ursprünglich aus Indien stammende Minderheit zu Ausdruck.

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Das sagt die Wissenschaftlerin während eines Vortrags im Rahmen der Reihe zu geschichtlichen Entwicklungen seit der Nazi-Diktatur in der Paulinerkirche.

Nach Einschätzung Danckwortts reichen die rassistischen Vorstellungen über Roma und die seit 600 Jahren in Deutschland lebenden Sinti bis tief in die bürgerliche Gesellschaft. Die Historikerin identifiziert einen Göttinger Professor als Schlüsselfigur. Der Aufklärer Heinrich Grellmann habe mit seinem Buch „Die Zigeuner“ (1783) ein Werk geschaffen, das bis in die preußischen Kanzleien hinein gewirkt habe. Der Band fasse alle Vorurteile der Zeit zusammen und verleihe ihnen wissenschaftliche Autorität.

Stereotypen

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Zu den Stereotypen über Sinti und Roma gehört nach Darstellung Danckwortts die Meinung, wonach die Minderheit arbeitsscheu sei. Die Historikerin betont, dass zu Zeiten des Kommunismus alle Roma auf dem Balkan Arbeit gehabt hätten. Mit der sozialen Ausgrenzung nach der Wende sei die Arbeitslosigkeit dann auf heute 90 Prozent gestiegen.

Dass die Betroffenen sehr wohl arbeiten könnten, belege das Schicksal von Roma, die in den 60er-Jahren als jugoslawische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen seien. Die Mehrheitsgesellschaft habe sie bis heute nicht einmal wahrgenommen.

Auch die Sinti, die nach der Verfolgung im Dritten Reich zum Teil ebenfalls in Slums am Rande der deutschen Städte gelebt hätten, seien aufgrund von Wohnungsbau- und Bildungsprojekten in den 50er- und 60er-Jahren weitgehend in die Gesellschaft integriert worden, berichtet Danckwortt. Viele Sinti verleugneten heute ihre Herkunft, um nicht wieder ausgegrenzt zu werden.

Mit Pferd und Wagen unterwegs

Zu den tief verwurzelten Vorstellungen über Sinti und Roma, so die Historikerin, gehöre der Glaube, dass sie ständig mit Pferd und Wagen unterwegs seien. Tatsächlich gebe es nur vereinzelt fahrende Händler. Die überwiegende Mehrheit lebe in Wohnungen. Das Vorurteil bekomme aber neue Nahrung, wenn Deutsche beobachteten, dass Sinti im Frühjahr in Wohnwagen zur Schwarzen Madonna in die südfranzösischen Carmague pilgerten.

Bühnenstücke wie Georges Bizets „Carmen“ oder das Gemälde der sinnlichen Zigeunerin in vielen deutschen Schlafzimmern bestärkten die Mehrheitsgesellschaft in ihrem Glauben, die Sinti- und Roma-Frauen lebten sexuell freizügig, führt Danckwortt aus. Eine Frau, die das wagen würde, werde ausgeschlossen. Sinti erwarteten auch heute noch, dass die Braut jungfräulich in die Ehe komme.

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Frauen können wahrsagen

Verbreitet sei das Vorurteil, dass Roma- und Sinti-Frauen wahrsagen könnten, sagt Danckwortt. Tatsächlich gebe es vereinzelt Wahrsagerinnen. Sie läsen aber weniger in den Händen oder Karten als in den Augen ihrer Kundinnen. Die angewandten Praktiken stammten zudem aus der Kultur der Mehrheitsgesellschaft. Die meisten Sinti lehnten als fromme Katholiken oder Pfingstler magische Praktiken entschieden ab.

Beim nächsten Vortrag der Reihe „Unser Land hat sich so gewandelt“ an Donnerstag, 21. November, spricht Krystyna Oleksy aus OŚwięcim/Polen zum Thema „Zwischen Erinnerung und Gedenken: Die Entwicklung der Symbolik von Auschwitz für unterschiedliche nationale und religiöse Gruppen“. Beginn ist um 18.15 Uhr in der Paulinerkirche, Papendiek 14.

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