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Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht 1938

„Dafür schämen wir uns bis auf den heutigen Tag“

In Göttingen kamen zum Mahnmal am Platz der zerstörten Synagoge mehr als 700 Menschen.

In Göttingen kamen zum Mahnmal am Platz der zerstörten Synagoge mehr als 700 Menschen.

Göttingen/Duderstadt. Mit Gedenkveranstaltungen haben Menschen am Freitag an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnert. In Göttingen kamen mehr als 700 Menschen zum Mahnmal der zerstörten Synagoge – mehr als in den vergangenen Jahren. In Duderstadt nahmen etwa 50 Menschen an einem Stadtrundgang zur jüdischen Geschichte teil.

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Thomas Oppermann, Göttinger SPD-Bundestagsabgeordneter und Vizepräsident des Bundestages, gab in Göttingen einen kurzen Rückblick auf die Geschehnisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und die Tage danach. Juden seien zu Tausenden öffentlich gedemütigt, erniedrigt und ermordet worden. Und auch in Göttingen sei die Synagoge in Flammen aufgegangen, während die Feuerwehr tatenlos zugesehen habe. Oppermann: „Dafür schämen wir Göttinger uns bis auf den heutigen Tag.“

Göttingen früh NS-Hochburg

Der 9. November 1938 sei „ein besonders schreckliches Kapitel der deutschen Geschichte“. Doch bereits kurz nach der sogenannten Machtergreifung im Jahr 1933 seien die Juden der Stadt systematisch diskriminiert und ihrer Bürgerrechte beraubt worden. Die Stadt Göttingen habe bereits in den Jahren zuvor eine unrühmliche Rolle gespielt: Schon bei den Wahlen in diesen Jahren habe die NSDAP regelmäßig Ergebnisse erzielt, die weit über dem reichsweiten Durchschnitt gelegen hätten: „Göttingen war schon früh eine nationalsozialistische Hochburg.“ Mit dem 9. November, so Oppermann, habe die Judenverfolgung eine neue Stufe erreicht. Nach diesen Tagen hätten sich die Juden in Deutschland „in einem Status der völligen Rechtlosigkeit“ wiedergefunden. Zu der Schande dieser Tage zähle auch, dass sich Göttinger Bürger an der Entrechtung ihrer jüdischen Mitbürger bereichert hätten, beispielsweise durch den als „Arisierung“ beschönigten Raub ihrer Besitztümer.

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„Zivilcourage ist Bürgerpflicht“

1945, nach dem Kriegsende und dem Untergang des Nationalsozialismus, habe in Göttingen kein einziger Jude mehr gelebt. Es sei „ein großes Glück“, dass es jetzt wieder jüdisches Leben in der Stadt gebe. Angesichts etwa 1500 antisemitischer Übergriffe im vergangenen Jahr, sagte Oppermann, müsse die Gesellschaft wachsam sein: „Nie wieder dürfen wir zulassen, dass Menschen klassifiziert werden. Wir müssen unsere offene und freie Gesellschaft verteidigen. Zivilcourage ist Bürgerpflicht“, meinte der SPD-Politiker, auch mit Blick auf den Einzug einer rechtsgerichteten AfD in den Bundestag.

Vor Oppermann hatte Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) das Wort ergriffen. Köhler dankte der Göttinger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit für die Organisation der Gedenkstunde. Die Novemberpogrome des Jahres 1938 seien „der vorläufige Höhepunkt“ der Verfolgung der Juden in Deutschland gewesen – und mit Blick auf die spätere Ermordung von Millionen Juden „der Anfang vom Ende“. Das öffentliche jüdische Leben in der Stadt sei ausgelöscht worden. Viele Bürger hätten damals weggeschaut oder sogar mitgemacht bei dem Prozess der Entrechtung des jüdischen Teils der Bevölkerung.

Wie Oppermann zeigte sich auch Köhler besorgt über die jüngsten politischen Entwicklungen mit einer AfD im Deutschen Bundestag, in deren Reihen sich teilweise ganz offen Rassisten und Antisemiten produzierten. Ihnen müsse man mit Entschiedenheit entgegentreten.

Rundgang in Duderstadt

„Die Synagoge in Duderstadt ist 1898 fertiggestellt worden“, berichtete Hans Georg Schwedhelm, der den vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) initiierten Rundgang leitete. Das sei die Blütezeit der jüdischen Gemeinde in Duderstadt gewesen. „Damals hatte die jüdische Gemeinde 100 Mitglieder, darunter viele wohlhabende Bürger, Kaufleute und Bankiers.“ Bis 1924 habe die Gemeinde sogar noch eine eigene Schule gehabt. 1933 sei die Zahl der Mitglieder auf 30 gesunken.

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Hans Georg Schwedhelm leitet einen Stadtrundgang zur "Geschichte der Juden in Duderstadt"

Hans Georg Schwedhelm leitet einen Stadtrundgang zur "Geschichte der Juden in Duderstadt".

„Über die Synagoge wissen wir leider sehr wenig“, erklärte Schwedhelm. Es gebe auch nur zwei Bilder, davon eines von der brennenden Synagoge. Deshalb sei es eine kleine Sensation gewesen, als 2016 während einer Neuinventarisierung im Bauamt ein Bauantrag gefunden wurde. Die Zeichnungen gäben Aufschluss über die Maße, Ansichten und auch die Innenaufteilung. Das Gebäude habe Maße von 20 mal zehn Metern gehabt. Innerhalb der Synagoge habe es 100 Sitzplätze gegeben und eine Empore für Frauen.

Jüdische Geschäfte geplündert

Die Synagoge an der heutigen Christian-Blank-Straße sei in den Morgenstunden des 10. November 1938 angezündet worden, berichtete Schwedhelm. Darüber hinaus seien zwei jüdische Geschäfte an der Marktstraße geplündert worden. Die beiden Gebäude mit den Hausnummern 40 und 37 bildeten die nächsten Stationen des Rundgangs.

Erste Anlaufstelle war das Textil- und Modegeschäft von Gustav Löwenthal an der Marktstraße 40. Auf einem alten Foto von der 1000-Jahrfeier sei der Schriftzug des Geschäftes zu lesen, berichtete der Referent und zeigte das Foto herum. „Einen Anzug zu kaufen, war damals keine schnelle Entscheidung“, erklärte Schwedhelm. Gerade die Menschen aus den Dörfern hätten gern in den jüdischen Geschäften eingekauft, weil sie dort bereits Ratenzahlung vereinbaren konnten. Johanna und Gustav Löwenthal zusammen mit ihren Kindern Emmi, Anneliese und Erich seien eine von lediglich vier Familien gewesen, die 1938 noch in Duderstadt lebten. Nicht weit entfernt, auf der gegenüberliegenden Seite an der Marktstraße 37, befand sich das Textilgeschäft der Witwe Franziska Rosenbaum mit ihren Kindern Margarete und Ernst.

Hans Georg Schwedhelm leitet einen Stadtrundgang zur "Geschichte der Juden in Duderstadt"

Hans Georg Schwedhelm leitet einen Stadtrundgang zur "Geschichte der Juden in Duderstadt".

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Nur fünf Überlebende

Nach einem Zwischenstopp am Rathaus, wo Schwedhelm über den politischen Wandel referierte, ging die Gruppe zum Abschluss zur Adresse der letzten jüdischen Familie in Duderstadt. Im mittlerweile abgerissenen Haus an der Obertorstraße 59 wurde Viehhändler Joseph Israel mit seinen Angehörigen am 26. März 1942 von der Gestapo verhaftet . Ihre Spur verliere sich in den Vernichtungslagern im Osten. Von den 1933 in Duderstadt wohnenden 35 Juden hätten nur fünf die NS-Zeit überlebt.

Vor den Häusern erinnern Stolpersteine an die ermordeten jüdischen Bürger in Duderstadt. Die Vorsitzende der Duderstädter Geschichtswerkstatt, Brita Bunke-Wucherpfennig, hatte diese am Abend vor dem Gedenktag noch einmal blank poliert.

Stolpersteine in Duderstadt

Stolpersteine in Duderstadt.

Von Matthias Heinzel und Rüdiger Franke

GT/ET

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