Tageblatt-Hilfsaktion „Keiner soll einsam sein“

Durch Krankheit alles verloren: KSES-Spenden lassen diesen Mann aus dem Kreis Göttingen wieder gehen

Lars Leinemann (Name geändert) arbeitete immer hart - dann wurde er krank. Und verlor alles.

Lars Leinemann (Name geändert) arbeitete immer hart - dann wurde er krank. Und verlor alles.

Göttingen. Lars Leinemann ist 42 Jahre alt – und hat unverschuldet alles verloren. Die Tageblatt-Hilfsaktion "Keiner soll einsam sein" (KSES) ermöglicht ihm im wahrsten Sinne des Wortes, durch den Winter zu kommen. Denn ohne das Geld könnte er sich keine orthopädischen Schuhe leisten und auch keine warme Jacke. Und das, obwohl Leinemann (Name geändert) immer hart gekämpft und gearbeitet hat. Der Fehler liegt im System.

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Da sitzt er nun in Annette Andresens Büro beim Fachdienst Hilfeplanung der Stadt Göttingen, in seine Jacke gehüllt, den Blick gesenkt, die Stimme leise, und erzählt seine Geschichte. Sein qualifizierter Assistent Markus Lingemann ist auch dabei. „Wir kennen uns schon einige Jahre“, sagt Leinemann. Der Assistent sei seine einzige Unterstützung, Familie sei kein Thema mehr. Über seine Kindheit will er nicht reden, Lingemann darf nur so viel sagen: „Er hat eine wirklich schwere Kindheit gehabt, sich durchgebissen, immer gearbeitet und sich nie in die ,soziale Hängematte’ gelegt.“ Leinemann schaut zur Seite, kämpft sichtbar gegen aufkommende Emotionen. Dann beginnt er, seine Erlebnisse darzulegen.

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Aufgewachsen ist er im Landkreis, irgendwann löste er sich von der Familie. Seinen Traumberuf hatte er vor Augen: Koch. Also kämpfte er sich durch bis zum Hauptschulabschluss, bildete sich bei „Arbeit und Leben“ weiter, stand dann endlich in der Küche. Viele Küchen sollten folgen. Leinemann ließ sich in den zehn Jahren am Herd auch mal schlecht bezahlen, machte Überstunde um Überstunde, krank oder frei waren Fremdworte für ihn – „es gab immer etwas zu tun“. Doch auch in Leinemann arbeitete etwas. Gegen ihn.

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„Wenn man es merkt, ist es schon zu spät“

„Wenn man es merkt, ist es schon zu spät“, erklärt Leinemann seine Krankheit Diabetes. „In der Küche trinkt man immer viel Wasser. Schmerzen hat man am Anfang auch keine, weil der Zucker langsam die Nervenbahnen zerstört.“ Auch als sein Fuß 2020 schrecklich weh tat, hielt Leinemann das wochenlang aus. Dann ging er doch zum Hausarzt. „Das Loch im Zeh ging bis auf den Knochen“, schildert er. Eine kleine Wunde auf der Fußsohle hatte sich ausgedehnt, ein Keim das Gewebe zerstört.

Der Hausarzt schickte ihn ins Krankenhaus, drei Wochen Antibiose, keine Besserung. Der Zeh musste amputiert werden. „Noch im Krankenhaus bekam ich die Kündigung nach Hause“, erzählt Leinemann mit glänzenden Augen. „Ich hätte sowieso nicht mehr als Koch arbeiten können“, lenkt er selbstlos ein. Denn die Lawine, die darauf folgte und Leinemann in einen körperlichen und psychischen Abgrund riss, könnte eigentlich jede Wut rechtfertigen.

Krank und mittellos, aber Zuzahlungen bleiben

Auch ein zweiter Zeh musste kurze Zeit später entfernt werden, Komplikationen folgten. Wochen im Krankenhaus und das Angewiesen-Sein auf Medikamente und Ausstattung bedeuten auch Zuzahlungen. Die wurden nach Leinemanns Einkommen bemessen, denn er arbeitete ja zum Zeitpunkt der Aufnahme noch. Dann aber nicht mehr. 300 Euro Schulden an die Krankenkasse hat er noch nicht abbezahlt. Auf die Kündigung folgte ein Jahr Arbeitslosengeld (ALG) I, mittlerweile bezieht er ALG II. In jeder Kategorie gelten unterschiedliche Bedingungen. Unmöglich: die Erstattung bereits angefallener Ausgaben im Nachhinein.

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Bei der Krankenkasse, der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter wird Leinemann immer wieder vorstellig, unterstützt von Lingemann. Immer wieder gehen Unterlagen innerhalb der Bürokratie verloren, werden nachgefordert. „Das hat so viel Zeit gekostet. Oft ist anscheinend nicht klar, dass ein Mensch hinter der ganzen Bürokratie steht“, so der Assistent. Immer wieder erreicht Leinemann die Aufforderung, Unterlagen einzureichen, die er schon viermal vorgelegt hat. Einige Quittungen sind nicht personalisiert, hin und her gehen die Briefe und Anrufe.

Vermieter schützt Leinemann vor Obdachlosigkeit

Zahlungen bleiben monatelang aus. Nur weil Leinemanns Vermieter „so nett“ ist, verliert der schwerbehinderte Mann nicht auch noch seine Wohnung. „Der Vermieter hat auch dreimal die Meldebescheinigung und alle Unterlagen ausgefüllt, weil sie immer wieder ,verloren gingen’“, erzählt Lingemann. Ohne solche Menschen stünde Leinemann ganz ohne alles da. Das Schlimme daran: „Wenn er von Anfang an im ALG-II-Bezug gewesen wäre, hätte er nie ein Problem mit den Zahlungen bekommen“, sagt Andresen. Die Wechsel erschwerten es. So etwas könnte jedem arbeitenden Menschen passieren, der schwer krank wird – und nicht familiär oder durch hohe Rücklagen aufgefangen wird.

Nun, da Leinemann Hartz 4 bekommt, ist aber längst nicht alles gut. „Stehen und gehen ist schwierig für mich, ohne die Zehen fehlt mir das Gleichgewicht“, sagt der 42-Jährige. Die Nerven seien kaputt. „Ich könnte in Scherben treten, ohne es zu merken.“ Das belastet ihn – auch die Angst, weitere Körperteile zu verlieren. Im ALG-II-Bezug muss er außerdem weiterhin einiges selbst leisten. „Die Zuzahlungen sind weg, aber es gibt immer noch einen Eigenanteil für orthopädische Schuhe“, erklärt er. „Da ist es ganz egal, wie viel Geld jemand hat.“

Job gesucht

Diesen Eigenanteil finanzieren die Spenderinnen und Spender von KSES – und warme Kleidung. Denn auch die kann er sich nicht einfach so kaufen, sondern müsste sie vom Mund absparen. Das nächste Ziel? „Ich brauche eigentlich eine neue Brille, aber die muss ich komplett selbst bezahlen und kann es nicht.“ Und dann würde Leinemann so gerne wieder arbeiten. Das sei sein größter Wunsch. Auch wenn es nie wieder als Koch sein wird. „Verstecken bringt nichts.“ Eine Arbeit im Sitzen müsste es sein – größere Ansprüche stellt er nicht. Zwischen der Trauer hindurch funkelt noch etwas anderes in seinen Augen: Hoffnung.

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Wie Sie an KSES und damit an weitere Betroffene spenden können

Per Paypal spenden für KSES

Hier können Sie direkt über das Online-Zahlungstool Paypal spenden.

Per Banküberweisung spenden für KSES

Spenden an „Keiner soll einsam sein“ sind möglich an folgende Kontonummern (Empfänger ist „Keiner soll einsam sein e.V.“):

Sparkasse Göttingen: DE 78 2605 0001 0000 0004 22

Sparkasse Duderstadt: DE 94 2605 1260 0000 7711 88

Volksbank Kassel Göttingen: DE72 5209 0000 0043 0425 05

Volksbank Mitte: DE72 5226 0385 0005 0535 44

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