Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Falsche Verdächtigung

Lügende Polizisten beschuldigen Journalisten

Am Rande der NPD-Demo im Mai 2006 hatten die 48, 35 und 34 Jahre alten Beamten zu Protokoll gegeben, der Journalist habe sich in eine Festnahme eingemischt, versucht, einen Beamten wegzuzerren, ihn getreten und Widerstand geleistet, als man ihn festnahm.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Diese Darstellung ist falsch – soviel steht jetzt schon fest, auch wenn der Prozess gestern vertagt wurde. Ein Videofilm, zufällig aufgenommen von einem 28-jährigen Ingenieur aus Erfurt, der als „Bürgerjournalist“ unterwegs war, zeigt die Szene, wie sie wirklich war: Ein Polizeibeamter überwältigt einen von ihm verfolgten Demonstranten, wirft ihn zu Boden, kniet über ihm und ist gerade dabei, sich wieder aufzurichten, als der Journalist einen Schritt auf die Szene zu tritt. Mit ausgestrecktem linken Arm, den Oberkörper weit vorgebeugt, tippt er dem Polizisten von hinten auf den Arm, ruft dabei „Was soll denn das!“ und tritt sofort respektvoll zurück.

Man könnte die Szene als Akt der Zivilcourage angesichts unangemessener Gewalt betrachten. Doch das mutmaßlich beruhigend gedachte Handauflegen, das gestern auch „Antippen“, „Berühren“ oder „Anfassen“ genannt wurde, bezeichnen die Verteidiger auch nach mehrmaligem Anschauen noch als „Stoßen“ oder „Schubsen“. Selbst der Zugführer, der den Film erstmals erblickt, sieht darin „die Störung einer polizeilichen Maßnahme, für mich Grund genug, die Person zu separieren und zu überlegen, ein Verfahren einzuleiten.“

Dabei, so sagt der Journalist, der später tatsächlich wegen Widerstandes angeklagt wurde, habe er nur auf sich aufmerksam machen wollen, damit der Polizist von dem am Boden liegenden Mann ablässt. Der sei korpulent gewesen, habe vom Polizisten einen Faustschlag gegen die Brust erhalten und sei zu Boden geschubst worden, was er als „aggressiv“ und „völlig überzogen“ angesehen habe. „Ich wollte nicht dazwischen gehen, sondern den Beamten daran erinnern, wie er mit einem Menschen umgeht.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Journalist war nach dem Berühren des Polizisten von einem anderen angegangen worden, war in einen „Porzellanladen“ in der Groner Straße geflohen, habe gerufen „ich bin Journalist, lassen sie mich“, wurde dann in Gewahrsam genommen und für viereinhalb Stunden weggesperrt. Die Anklage gegen ihn wurde vom Gericht nicht eröffnet. Zu gering sei die Intensität des Widerstands. Dabei kannte das Gericht den Videofilm noch gar nicht, den der Journalist erst später über Suchanzeigen in Internetforen auftrieb, als auch noch das Land Niedersachsen gegen ihn klagte. Das wollte Schmerzensgeld, weil der festnehmende Beamte sich angeblich dabei verletzt habe. Diese Klage wies das Gericht angesichts der Filmszene ab. Der Beamte sei „willkürlich gegen ihn vorgegangen“, heißt es im Urteil.

Die drei Angeklagten relativierten gestern ihre Aussagen. Sie hätten die Szene – Antippen oder Anstoßen – jedenfalls als Angriff empfunden. Der Prozess wird fortgesetzt.

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.