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Wochenendkolumne von Christoph Oppermann

Radwege zur autofreien Innenstadt

Göttingen.Feinstaubbelastung, Dieselskandal, Parkplatznot. Es muss etwas geschehen. Ein Blick in die Glaskugel:

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Februar 2019: Ein bisschen Ballerei zu Silvester, und schon ist die Feinstaubbelastung in Göttingen über dem erlaubten Limit. Jetzt ist aber Schluss. Der Rat der Stadt beschließt: Göttingen wird autofreie Stadt.

31. März:In der Langen-Geismar-Straße fährt der letzte SUV vor dem Bioladen vor - und unter anhaltendem Beifall der Passanten gleich wieder weg. Dieser Einkauf bleibt unerledigt.

1. April:Das fast vollständige Autofahrverbot tritt in Göttingen in kraft. Allein Elektrobusse dürfen noch eingesetzt werden.

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3. Mai: Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler enthüllt ein Denkmal auf dem Bahnhofsvorplatz. Es zeigt einen älteren Herren auf einem eBike. Die Skulptur erinnert an Uli Holefleisch, einen der Vordenker und -kämpfer für Zweiradmobilität in Göttingen und ist auch ihm gewidmet. Da auf dem “Platz der skurrilen Züge” gerade ein Platz auf einem Sockel frei war, hat man die Radler-Skulptur einfach auf den bislang sinnarm herumstehenden Klotz gestellt. Ernst-August reloaded. “Dem Radler sein treues Wahlvolk”.

15. Mai: Die Göttinger Innenstadt bietet jetzt schon idyllische Motive: Oberbürgermeister Köhler fährt am Rathaus vor. Den Dienstwagen hat man ihm gelassen, allerdings ist das jetzt ein Sulky. Gezogen von einem Isländer. Ein Araber wäre zwar fixer, aber damit geriete der Rathauschef schnell in den Rassismus-Verdacht. Göttingen ist außerdem nicht so ganz richtig Großstadt, Kleinpferd reicht also. An ihm vorbei zieht ein Koch aus dem „Gebhards” einen Handwagen. Darauf der Einkauf für die Tageskarte. Wie schön.

21. Juni: Letzte Sitzung des Rates vor Sommerpause. Drei wesentliche Beschlüsse. 1) Der Rat der Stadt Göttingen benennt sich auf Antrag der Spaßtruppe “Die Partei” in “Rad der Stadt Göttingen” um. 2) Quote auf dem Asphalt: Maximal noch 20 Prozent der Drahtesel dürfen Herrenfahrräder sein, 50 Prozent müssen Damenräder sein, der Rest unisex. 3) Der Beschluss, generell den Linksverkehr einzuführen, sorgt kurzfristig für Irritationen im Göttinger Rotlichtmilieu.

Juli:In der Sommerpause radikalisiert sich die politische Jugend Göttingens. Ein Teil des ZweiradaktivistInnennachwuchses gleitet in die gewaltbereite Ecke ab und heißt im Polizeijargon sofort “Tret- und Kugel-Lager”.

August: Die Revolution frisst ihre Kinder. Es wird bekannt, dass Strom nicht aus der Steckdose, sondern aus Kraftwerken kommt und diese nicht ausschließlich über Windkraft betrieben werden. Darauf ein erfolgreicher Antrag im Göttinger Stadtrad: eBikes sind ab sofort auch verboten. Das Holefleisch-Denkmal wird wieder vom Klotz runtergepuhlt und eingemottet.

15. September: Rolf-Georg Köhler zieht eine gemischte Bilanz nach dem Soundcheck-Festival. Autos und Parkplätze waren überhaupt kein Problem mehr. Schwierig aber war es, die Übertragungstechnik des NDR mittels Dynamo-Antrieb am Laufen zu halten. Dafür hatte kommunale Betriebssportgruppe “Rad Haus Göttingen” wochenlang trainiert und sich während des Festivals ruhmreich geschlagen.

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Januar 2020:Jürgen Trittin will nicht wieder für den Deutschen Bundestag kandidieren. Als Nachfolger bewirbt sich Stefan Wenzel. Der macht bei der Vorstellungsrunde im bündnisgrünen Ortsverband eine super Figur, patzt aber bei der letzten Aussage: Auf die Frage, ob er einen FührerInnenschein habe, muss er zugeben, eine Fahrerlaubnis für Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren zu besitzen. Das war’s mit der politischen Karriere, die Öko-Basis will sich nicht mehr von Ewiggestrigen vertreten lassen.

Schweißgebadet aufgewacht. F...adammt. Glatt vergessen, den Termin in den Kalender einzutragen. Ein Albtraum. Der Termin der Grünen-Fraktion im Rat der Stadt Göttingen: Donnerstag, 24. Januar, 18 Uhr, Ratssaal, Neues Rathaus, “Wege zur autofreien Innenstadt”.

Sie erreichen den Autor unter E-Mail:
c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

Twitter:
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Facebook:
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Von Christoph Oppermann

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