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Social Entrepreneurship Meetup

So kann man in Göttingen nachhaltig einkaufen

Der Verzicht auf Plastiktüten wird auch in Göttingen immer populärer.

Der Verzicht auf Plastiktüten wird auch in Göttingen immer populärer.

Göttingen.Ist die Gurke in Plastik eingeschweißt? Hat die Paprika bereits eine weite Flugreise hinter sich? Und wie viel Mikroplastik ist eigentlich in meinem Duschgel? Fragen wie diese spielen bei Herstellern, Händlern und Verbrauchern eine immer größere Rolle. Längst ist Umweltbewusstsein nicht mehr nur ein Spleen einiger Weniger, sondern ein wichtiger Faktor bei der Kaufentscheidung und damit ein Marketing-Argument.

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Während der Lebensmitteldiscounter Aldi in dieser Woche medienwirksam verkündete, künftig auch für Obst- und Gemüsetütchen einen Cent zu kassieren, setzten sich in Göttingen Unternehmer und Experten zusammen, um weitergehende Konzepte zu diskutieren. Eines davon ist die Göttinger Klimakarte, die Anfang April auf den Markt gekommen ist und sich schon nach wenigen Wochen als Erfolgsmodell entpuppt hat.

Witzpreis für Plastikbeutelchen bei Aldi: Ein Cent ist lächerlich – und viel zu wenig

Für Umweltschutz belohnen

Die Idee, Kunden für bewusstes Einkaufen mit einem Bonussystem zu belohnen, stößt bei Einzelhandel und Käufern gleichermaßen auf großes Interesse. Mittlerweile beteiligen sich 35 Unternehmen an dem von der Energieagentur Region Göttingen organisierten Klimakarte. Benjamin Dörr erklärt: "Für viele Menschen ist Klimaschutz immer noch mit Verzicht verbunden. Wir wollen dieses Bewusstsein umdrehen und Menschen für ihre Aktivitäten belohnen."

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Zu diesen Aktivitäten gehört die Vermeidung von Plastikmüll mittels mitgebrachtem Jutebeutel oder der Verwendung eines Mehrweg-Kaffeebechers ebenso wie der Einkauf von regionalen Produkten, deren Ökobilanz deutlich positiver ausfällt, als die einer weit gereisten Tropenfrucht. Einer der an der Klimakarte beteiligten Händler ist Wunderbar Unverpackt.

Bewusster Einkaufen

Deren Geschäftsführerin und Gründerin Denise Gunkelmann stellte ihre Geschäftsidee ebenfalls beim Meetup in dieser Woche vor. Das Konzept, das sie mit Geschäften in Braunschweig und Göttingen verfolgt, sieht vor, dass der Kunde kein Plastik mit nach Hause nimmt, wenn er hier Biolebensmittel oder auch Nonfood-Artikel erwirbt. Nachdem die gebürtige Göttingerin über Jahre hinweg selbst versucht hat, möglichst umweltverträglich einzukaufen, machte sie sich 2016 selbstständig.

"Wunderbar Unerverpackt"-Inhaberin Denise Gunkelmann

"Wunderbar Unerverpackt"-Inhaberin Denise Gunkelmann

Wer nun in einen ihrer Läden kommt, füllt sich die Waren in mitgebrachte Behältnisse ab. Der positive Nebeneffekt sei, so Gunkelmann, dass man gezielter und bewusster einkaufe, da die Waren nicht in festen Gebinden angeboten würden. Wer Kleinstmengen benötige, sollte nicht gezwungen werden, Großpackungen zu kaufen, so ihr Kredo. Der Verzicht auf Plastik betreffe aber auch ihre Zulieferer. Allerdings seien nicht alle Hersteller darauf eingestellt, sie plastikfrei zu beliefern. So sei es beispielsweise bis vor Kurzem noch unmöglich gewesen, Nudeln ohne Kunststoffverpackung zu ordern.

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„Glaubt an eure Idee“

Immer wieder ergänzt Gunkelmann ihr etwa 1500 Artikel umfassendes Sortiment mit Produkten, die ihren eigenen Ansprüchen genügen. So verkauft Wunderbar Unverpackt unter anderem Bienenwachstücher als Alternativen zur Alufolie oder Glasröhren statt Kunststoffhalmen. Außerdem bietet die studierte Betriebswirtin Workshops an, um ihren Kunden die heimische Herstellung von Waschmittel oder Zahncreme zu ermöglichen. Ihr Tipp für potenzielle Nachahmer, die sich ebenfalls mit ökologischen oder sozialen Unternehmungen selbstständig machen wollen: „Glaubt an eure Idee und vergesst nie, warum ihr das macht.“

Ein Tipp, den Katrin Schlick, schon seit langer Zeit beherzigt. Die Unternehmerin, die gemeinsam mit ihrem Mann Andreas Backfisch eine Bio-Gemüsegärtnerei und den Lieferservice Lotta Karotta betreibt, ist ebenfalls Überzeugungstäterin. Für die Bewirtschaftung des 26 Hektar großen Hofes in Rittmarshausen gibt es klare Regeln. Hier wird kein tierischer Dünger verwendet, zwischen den Ackerflächen verlaufen Blühstreifen, der Boden wird nicht gepflügt und bekommt regelmäßige Regenerationszeit. Man achtet auf Artenvielfalt und betreibt eine eigene Jungpflanzenanzucht.

Zwischen Ökologie und Wirtschaftlichkeit

Lotta Karotta-Chefin Katrin Schlick.

Lotta Karotta-Chefin Katrin Schlick.

Der Betrieb mit heute 24 Mitarbeitern existiert seit 1999 und ist seit 2010 ein Familienbetrieb. Das sei auch etwa der Zeitpunkt gewesen, seit dem sich die Unternehmung für sie auch finanziell lohne, so Schlick. Lotta Karotta beliefert im Umkreis von 50 Kilometern etwa 800 Haushalte, 50 Schulen und 25 Firmen. „Es ist immer ein Spagat zwischen Ökologie, Wirtschaftlichkeit und dem Service am Kunden.“ Kompromisse ließen sich in einigen Bereichen kaum vermeiden.

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So gibt es in ihrem Onlineshop zwar definitiv keine Flugware und keine Gentechnik. Der Hof wurde jüngst nach allen Regeln der Nachhaltigkeit saniert. Aber beispielsweise bei Verpackungen sei es immer wieder schwer, einen Idealzustand zu erreichen. So werde zwar derzeit das Sortiment umgestellt, um möglichst wenig Kunststoff in den Handel zu bringen. Vieles lasse sich alternativ in Glas, kompostierbarem Papier oder per Pfandsystem ausliefern. „Manchmal ist die Plastiktüte aber unschlagbar“, gestand Schlick und fügte als greifbares Beispiel Feldsalat an, der eben auf diesem Weg im ansehnlichstem Zustand bei den Kunden ankomme.

Fazit des vom Südniedersachsen Innovationscampus (Snic) organisierten Meetups: Es ist schon heute möglich, nachhaltig einzukaufen, wenn man als Kunde bereit ist, ein wenig Kompromissbereitschaft und etwas mehr Geld mitzubringen. Langfristig bedarf es allerdings einen Wandel im Bewusstsein der Konsumenten. Wie Gunkelmann es formuliert: „Wir haben schon viel erreicht, wenn Menschen anfangen, über ihren ökologischen Fußabdruck nachzudenken.“

Mehr Informationen zum Klimaschutz

Eine Gruppe von Studierenden der Universität Göttingen hat mit einer Homepage eine Übersicht geschaffen, wo in der Stadt Göttingen der Kunde Verpackungsmüll vermeiden kann. Auf der Sero-Waste-Karte sind Lebensmittelhändler oder Secondhand-Geschäfte ebenso eingezeichnet, wie der Gastronomiebetriebe, der Wochenmarkt oder kostenlose Bücherregale. Hinzu kommen „Orte, die euch ermöglichen, die Lebensdauer eurer Sachen zu verlängern“, heißt es auf der Seite.

Unter klimaschutz.goettingen.de bietet die Stadt ein Portal zum Thema Klimaschutz. Dort sind der städtische Masterplan, zahlreiche Projekte, Beratungsangebote und aktuelle Nachrichten zusammengestellt.

Von Markus Scharf

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