Speisepilz-Workshop in Geismar

Was der Pleurotus mit Integration zu tun hat

Strohpellets "Impfen"

Strohpellets "Impfen"

Göttingen. Im Halbschatten knien die Workshopteilnehmer um einige Eimer herum. Kerstin Hübner nimmt eine Handvoll Strohsubstrat zwischen die Hände und drückt es zusammen. Schnell tropft Wasser heraus und schon landet die hellbraune Masse im zweiten Eimer. „Die Strohpellets haben wir vor zwei Wochen in Wasser eingelegt, damit sie fermentieren. Das soll bewirken, dass weniger Pilze und Bakterien darin sind“, erklärt Hübner. Anschließend verteilt Jan Scharnowfski, der den Workshop leitet, eine weiß-körniges Pulver auf der Strohmasse: Die Pilzbrut. Das ist eine Nährlösung, die von Mycel, also fadenförmigen Pilzzellen durchzogen ist.

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Speisepilze breiten sich aus

Anschließend decken die Hobbygärtner die Eimer mit Plastikfolie ab und hängen sie im Schatten der selbstgebauten Gemeinschaftshütte auf. Nun brauchen die Speisepilze Zeit, sich in dem Substrat auszubreiten. Scharnowfski erklärt, welchen Pilz sie gerade in das Substrat gemischt haben: „Das ist der Pleurotus pulmonarius, der Lungen-Seitling. Ein Anfängerpilz, der sich sehr gut durchsetzt.“ Auch der gelbliche Limonen-Seitling und der Austern-Seitling werden mit dem Substrat vermischt. „Das sind Pilze, die normalerweise auf Holz wachsen. Sie wachsen seitlich aus dem Stamm heraus. Darum heißen sie Seitlinge“, erklärt Scharnowfski.

Der Naturpädagoge hat schon häufiger Pilze gezüchtet, doch für die Teilnehmer ist es eine recht neue Erfahrung. Vor einer Woche sind sie erstmals zusammengekommen, haben Buchenstämme eingesägt und mit Pilzbrut „geimpft“. Von August bis Oktober werden daraus Seitlinge und Shiitake wachsen.

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Jan Scharnowfski mit einem geimpften Baumstamm

Jan Scharnowfski mit einem geimpften Baumstamm

Der Bestand im internationalen Garten Geismar wird durch die Workshops um die Lebensform der Pilze erweitert. Pilze sind Eukaryoten, gehören aber weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen. Letztere sind im internationalen Garten bereits in großer Vielfalt beheimatet: Neben einer Permakultur-Kräuterspirale wachsen auf zahlreichen Einzelparzellen von Vereinsmitgliedern verschiedenste Gemüsesorten und unter dem Motto „Wurzeln schlagen“ haben 2015 Flüchtlinge Obstbäume gepflanzt. Durch die große Pflanzenvielfalt ist es ein Heimatgarten auch für Insekten, speziell für drei Bienenvölker: Hobbyimker Kamal Chowdhury zeigt auf drei Bienenstöcke, erzählt von der Arbeitsteilung der Bienenvölker: „So ein Volk kann eine Stärke von 20000 bis 50000 Bienen haben.“

20 Jahre Internationale Gärten

Vor dreißig Jahren kam der aus Bangladesch stammende Entwicklungsbiologe an ein Göttinger Max Planck-Institut. Heute hat der Rentner viel Zeit für den Garten. Wie viele Vereinsmitglieder bepflanzt er seine eigene Parzelle und erntet regelmäßig frische Beeren, Salate und Hülsenfrüchte. Doch besonders liegt ihm am Herzen, was er den „Hauptzweck“ des Gartens nennt: „Die Integration von sozial benachteiligten Menschen, egal ob Deutsche oder Ausländer, in die deutsche Gesellschaft. Wir haben hier 70 Mitglieder aus über 20 Ländern. Sie kommen hier zwangsläufig bei der Gartenarbeit zusammen und fragen: was machst du da? So kommen sie ins Gespräch.“

„Hier gelingt Integration unauffällig und kostenlos.“

Das Konzept scheint aufzugehen: Seit 20 Jahren bringt der Verein Gartenfreunde verschiedener Herkunft zusammen. Die erste Gartengruppe wurde 1996 in Geismar gegründet, damit bosnische Flüchtlinge wieder gärtnern konnten. Seitdem sind bundesweit mehr als 360 interkulturelle Gärten nach dem Göttinger Vorbild entstanden.

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Nachdem der letzte Eimer am Dach der Holzhütte aufgehängt ist, klingt der Gartentag mit gemütlichem Teetrinken und Klönen aus. In vier Wochen wird das Substrat ganz weiß und mit Mycel durchwachsen sein. Dann wird die Folie abgenommen und die Pilze wachsen innerhalb weniger Tage aus dem Eimer heraus. „Ich fand es eine gute gemeinsame Aktion und ich freu mich auch schon auf die Pilze“, resümiert Hübner.

Von Katharina Meyer

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