Forum Wissen Göttingen

Wenn der Wal am Haken hängt

Der Wal im Zoologischen Museum wird abgebaut, ein Kran hebt den Kiefer durch ein Loch im Dach in einen Container.

Der Wal im Zoologischen Museum wird abgebaut, ein Kran hebt den Kiefer durch ein Loch im Dach in einen Container.

Göttingen. Manchmal müssen Wale fliegen: Der Göttinger Pottwal hat am Donnerstagmorgen sein Zuhause verlassen – per Kran durchs Dach der Zoologie. Vor knapp 20 Jahren, 1999, ist er dort auf gleichem Wege eingezogen. Jetzt geht er wieder baden.

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Der beeindruckende Schädel des Tieres steht auf einem Metallgerüst im zweiten Stock des alten Zoologischen Instituts. Darüber ist die Decke des Gebäudes bereits geöffnet. Auf dem Dach steht Miroslav Behara und zieht die Wellblechabdeckung über dem Loch zur Seite. Licht und ein paar Regentropfen fallen auf den 600-Kilo-Kiefer. Beharas Kollegen Andreas Schmack, Felix Drebing und André Beckmann vom Abrissunternehmen Klöppner schrauben, eine Etage tiefer als Behara, den Schädel vom Gestell – unter den prüfenden Augen von Carsten Wortmann, Präparator des Zoologischen Museums.

Der Wal im Zoologischen Museum wird abtransportiert

Der Wal im Zoologischen Museum wird abtransportiert: Miroslav Behara arbeitet auf dem Dach.

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Der Wal geht heute auf die Reise, wenn auch nur bis ins Außenlager nach Holtensen. Das alte Zoologische Museum wird umgebaut. Bis das neue Forum Wissen am gleichen Platz am Bahnhof eröffnet, soll auch das Göttinger Walskelett wieder tadellos in Schuss sein. „Die Knochen müssen entfettet werden”, sagt Wortmann. Vor 20 Jahren habe man das Skelett zwar gereinigt, aber noch nicht mit modernen Methoden gearbeitet. Wenn die Knochen nicht restlos entfettet sind, halten sie auf Dauer nicht. Bis der Wal also wieder ausgestellt wird, geht er baden. „Das Skelett wird in eine Lauge aus 99 Prozent Wasser, Salz und Tensiden gelagert“, erklärt Katrin Pietzner von der Universität Göttingen. „Als der Wal damals hier ankam, wog er noch 1,2 Tonnen“, teilt sie mit. Durch den Wasserverlust habe sich das Gewicht deutlich reduziert.

600 Kilo – deutlich leichter als vor 20 Jahren

Bevor es ins Bad geht, müssen die Walknochen erst einmal in den dafür vor dem Gebäude geparkten Container gelangen. Der Oberkiefer, so kann es der Kranführer der Firma Klostermeier ablesen, wiegt 600 Kilogramm.

Göttinger Wal-Skelett zieht um

Göttinger Wal-Skelett zieht um

Der muss nun erst einmal ordentlich vertäut werden. „Hier noch mal eine Schlaufe drum”, sagt Drebing. Zwischen zwei Kieferknochen wird ein Stück Holz geklemmt, damit sie beim Transport nicht auseinander brechen. „Miro mach mal die Ketten kürzer”, ruft Beckmann dem Kollegen auf dem Dach zu. „Hier rum”, sagt Wortmann, und zeigt den Arbeitern, wo der Gurt um den Knochen geschlungen werden soll. Schließlich sitzen Ketten und Gurte so, dass der Knochen vom „Gynäkologenstuhl”, wie die Arbeiter das Gestell nennen, gehoben wird. Ganz langsam schwebt er an den gelben Gurten in die Höhe. Oben sorgt „Miro” dafür, dass der monströse Knochen nirgends aneckt und elegant die Kurve kriegt. Dann schwebt er Richtung Boden.

Der Kiefer kommt in den Container

Der Kiefer kommt in den Container.

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Dort wartet schon das Team der Containerfirma Hesse auf die Fracht. Ein Mitarbeiter von Klaus-Jürgen Schwarz steckt noch im Container. Die Spezialisten für aquatische Anlagen statten den Container fachgerecht mit Folien und „Styrodur“ für den Wal aus –schließlich soll der die nächsten zwei, drei Jahre in diesem Bassin unbeschadet und am Ende entfettet überstehen.

Der große Kieferknochen schwebt langsam, aber sicher über dem dreistöckigen Gebäude dem Hof entgegen und in seinen Container. Dann geht es von vorne los. Der Unterkiefer soll auch noch an den Haken.

Wie der Wal nach Göttingen kam

Im Januar 1998 hat die Göttinger Universität das Skelett eines 40 Tonnen schweren in Nordfriesland gestrandeten Pottwals erhalten. Prof. Rainer Willmann vom Zoologischen Institut holte den Kadaver damals mit Wissenschaftlern und Studenten ab. Rund 35 Tonnen Fleisch und Speck des 16,7 Meter langen Tieres musste das Team mit Messern und Kettensägen von den Knochen lösen und das Skelett in seine Einzelteile zerlegen. Schon damals war die Rosdorfer Transportfirma Hesse am Start, sie schaffte das Tier kostenlos nach Göttingen. Von der Fluke wurde 1998 ein Abdruck erstellt - mit einer Tonne Gips. Auch Klostermeiers Kran kam 1999 bereits am Wal zum Einsatz, damals wurde der Schädel seinem ersten Bad entrissen. Monatelang ruhte er damals mit seinem gewaltigen, knapp fünf Meter langen Gaumenknochen im Container-Schaumbad hinter dem Haus. Dann ging es im Jahr 1999 hinauf in den zweiten Stock des Museums. Seit dem Jahr 2000 war der aus 145 Knochen zusammengesetzte Göttinger Wal dort zu sehen.

Von Britta Bielefeld

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