Dialekte sind im TV weitverbreitet

Babbeln, schnacken, schwäbeln: als wäre das Fernsehen ein Bauerntheater

Hubert (Christian Tramitz, M.) und Girwidz (Michael Brandner, r.) machen einen Zwischenstop bei Lenerl (Victoria Abelmann-Brockmann, l.) – Szene aus „Hubert ohne Staller: Eine Leiche zum Kaffee".

Hubert (Christian Tramitz, M.) und Girwidz (Michael Brandner, r.) machen einen Zwischenstop bei Lenerl (Victoria Abelmann-Brockmann, l.) – Szene aus „Hubert ohne Staller: Eine Leiche zum Kaffee".

Wolfratshausen ist ein traditionsbewusstes Stück Provinzerde. Am Starnberger See i(s)st und trinkt man oberbayerisch, denkt und lebt oberbayerisch, spricht also auch oberbayerisch. Der globalisierte Münchner Speckgürtel hat das heimische Idiom zwar etwas abgewetzt, weshalb im Revier von „Hubert ohne Staller“ auch Hochdeutsch gesprochen wird. Vom assimilierten Gastwirt Yazid (Hannes Ringlstetter) bis zur Lokalreporterin Hansen (Monika Gruber) pflegen allerdings viele noch Mundart, als wäre das Fernsehen ein Bauerntheater.

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Weil Dialekte die geografische Corporate Identity quasi soziolinguistisch unterfüttern, zählen sie zum Standard der TV-Unterhaltung wie Mordopfer ins Abendprogramm – so auch zum heutigen Wolfratshauser Todesfall „Eine Leiche zum Kaffee“. Schließlich belegt die auch als Wiederholung einen überaus quotenstarken Trend. Nachdem das Lokalkolorit Ende des 20. Jahrhunderts vielerorts vom Röhrenbildschirm verschwunden war, ist es im 21. auf die Flatscreens zurückgekehrt.

Den Anfang machte (wer sonst?) das bodenständige Bayern. Direkt nach dem kuschelpatriotischen Sommermärchen löste die BR-Produktion „Wer früher stirbt ist länger tot“ einen Boom lauschiger Jargons aus, der zwei Jahre später im „Heimatkrimi“ mündete. Wiederum dicht gefolgt vom ARD-Label „Heiter bis tödlich“, unter dem 2011 nicht nur nach Herzenslust, sondern handlungsrelevant gebabbelt, geschnackt, geschwäbelt wurde. Wenn auch meist vor der „Tagesschau“.

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Dialekt ist nicht gleich Dialekt

Während „Tatort“-Kommissare abgesehen von (wem sonst?) den Münchnern sprachlich offenbar größtenteils aus der Region Hannover stammen, wurde der Vorabend zur regionalen Kleinkunstbühne der Huberts und Stallers. 15 Jahre nach dem Abschied des Stuttgarter Mundartermittlers Bienzle sorgt der Boom in Zeiten entwurzelter Riten und Gebräuche also zumindest beim reiferen Stammpublikum für eine Mischung aus Geborgenheit und Binnentourismus.

Es scheint, als wären Fernbedienungen Reisebusse, in denen die Wirtschaftswundergeneration noch mal ihr Land erkundet. Wobei Dialekt nicht gleich Dialekt ist. Während Sächsisch selbst in der Sachsenklinik die Ausnahme bleibt, ist Bairisch omnipräsent und Schwäbisch schwer im Kommen.

Nahezu jeder ortsgebundenen Sprachfarbe wird – sofern es jemand anderes spricht als Standardfiguren von Taxifahrer bis Forensikerin – Klischeehaftigkeit vorgeworfen. Der „fränggische Dadord“ etwa gilt rings um Nürnberg als Karikatur. Was die Würzburger Philologin Monika Fritz-Scheuplein zum Wohle der bundesweiten Verständlichkeit mit einer „gemäßigten Form des Dialekts“ erklärt. Aus gleichem Grund sprechen die fränkischen Charaktere am Nachkriegsdramenschauplatz „Tannbach“ ein Bayerisch, das Spötter als „Seppldialekt“ verspotten.

Fernsehdialekte sind oft Konsensprodukte

Historische Fiktionen aus Zeiten, in denen praktisch jeder Mundart sprach, pflegen in aktuellen Produktionen ein modernes Hochdeutsch, das auch noch voller Slang des 21. Jahrhunderts ist. Dazu zählt zwar nicht das kumpelige „Digger“; aber seit die Hamburger Band Fettes Brot 1995 „Nordisch by Nature“ rappte, erfreut sich deren Kodderschnauze grenzübergreifender Beliebtheit am Bildschirm. Oder ist es doch nur eine Parodie?

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Wenn Jörg Pilawa seine Herkunft bei jeder Quizgelegenheit mit „Joah“ oder „Moin“ belegen möchte, das kein Landsmann so in die Breite zieht, zeigt sich jedenfalls: Fernsehdialekte sind oft Konsensprodukte. Umso schöner, dass der heimatverbundene Maximilian Brückner branchenübliches Boutiquenbairisch zuletzt in Serien wie „Hindafing“ mit urigem Kauderwelsch kontern durfte. Für Friesinnen und Friesen kaum verständlich, für Nostalgikerinnen und Nostalgiker einfach nur schön.

„Hubert ohne Staller: Eine Leiche zum Kaffee“, ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr, mit Christian Tramitz

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