„WSMDS“: Anke Engelke zelebriert die große Kunst des gehobenen Unsinns

Anke Engelke in „Wer stiehlt mir die Show?“.

Anke Engelke in „Wer stiehlt mir die Show?“.

Anke Engelke, das war mal der neueste Stern am Fernsehshowhimmel. Als Harald Schmidt auf dem Weg zur ARD das Rasierzeug bei Sat.1 vergessen hatte, riss sie zwar die Latte seiner Late Night; sieben Jahre später jedoch schien das Hochamt der hiesigen Unterhaltung erreichbar: Am 14. Mai 2011 moderierte sie den ESC mit derart ausgelassenem Glamour, dass alles möglich schien – auch der heilige Samstagabend. Soweit die Theorie.

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In der Praxis blieb Anke Engelke Deutschlands weltbeste Komödiantin; die größte aller Bühnen aber wurde ihr seit dem umjubelten Auftritt vor 70 Millionen Europäern verwehrt. Kein Wunder, dass sie bei der Rückkehr ins Rampenlicht am Dienstagabend vom Glück vor elf Jahren zehrte. Buchstäblich. Nachdem sie am Dienstag zuvor Folge 15 von Joko Winterscheidts Pro-Sieben-Sause „Wer stiehlt mir die Show?“ (von Fans gerne abgekürzt als „WSMDS“) gewonnen hatte, nahm die Kölnerin aus Montreal sein Mikrofon und nutzte es wie einst in der Düsseldorfer Mehrzweckhalle.

Perfekte, massentaugliche Familienbespaßung

„Hello Europe, hello Australia, 180 Million people are watching right now“, übertrieb sie nach der Eurovisionsfanfare im Glanz bengalischer Fontänen maßlos und strahlte mit ihrer roten Robe um die Wette, als hätte 2021 der deutsche Popzwerg Jendrik gewonnen, nicht die italienische Rockband Måneskin. Und weil „Änky Endjälky“ einen Kleiderwechsel später mit Conchita Wurst deren Siegerlied „Rise like a Phoenix“ von 2014 interpretierte, dass mancher deutsche ESC-Teilnehmer vor gesanglichem Neid erblassen müsste, war klar: Wenn jemand das verloschene TV-Lagerfeuer entfachen könnte, dann sie.

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Was folgte, war schließlich die große Kunst des gehobenen Unsinns, den allenfalls ein Hans-Joachim Kulenkampff so virtuos beherrschte und abzüglich aasiger Anzüglichkeiten ein Thomas Gottschalk. Denn Endjälky besitzt etwas, über das nur wenige Showmaster (-innen darf man mangels Masse weglassen) verfügen: Esprit. Den versprühte sie am Dienstag von der 1. bis zur 195. Minute dieses heiteren Schreis nach Diversität. Sie versprühte ihn mit Worten und Gesten, Geber- und Nehmerqualitäten, mit Augenzwinkern und ihrer Fähigkeit, im Minikleid über Killerheels gleichermaßen burschikos und feminin zu wirken. Wobei das Spielkonzept von „Wer stiehlt mir die Show?“ wie immer Nebensache war.

Egal nämlich, ob sie ihren Kandidaten Joko Winterscheidt, Riccardo Simonetti, Mark Forster und Wildcard-Gewinner Steffen im mittlerweile dritten Glitzerdress drollige Fragen aus Schulbüchern wie jene stellt, was die Summe der Innenwinkel eines Dreiecks sei. Ob sie die Prüflinge den Namen des britischen Geheimdienstes auf Holzblöcke nageln lässt. Ob sie sich im Stil dämlicher ESC-Interviews zur Punktevergabe selber befragt und dabei ein paar noch dämlichere Nationalitätenklischees bedient – Engelke singt vom schrillen C-Dur bis zum gedeckten D-Moll alle Höhen und Tiefen massentauglicher Familienbespaßung perfekt.

Das perfekte Bewerbungsschreiben

Zu dumm also, dass die ebenso selbstbewusste wie selbstironische Mittfünfzigerin den falschen Chromosomensatz für die Unterhaltungszwecke von ARD und ZDF hat, wo Barbara Schöneberger demnächst immerhin „Verstehen Sie Spaß?“ leiten darf. Was Anke Engelke daraus wohl machen würde, legte ihr furioser Ritt durch Winterscheidts fröhlichen Kindergeburtstag nahe – auch wenn sie ihn verlor. Leider. „Ernsthaft“, lobte Joko nach seinem Sieg im Finale, den die andere Moderatorin (Katrin Bauerfeind) ohne Zutrauen (meist) männlicher TV-Fürsten ins Potenzial jenseits vom Sidekick kommentieren durfte, „das war das Wahnsinnigste, was diese Sendung jemals gesehen hat“.

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Recht hatte er. Auch mit dem Zusatz: „Auf Augenhöhe mit Bastian“. Pastewka nämlich, der Joko vergangenen Juli die Show gestohlen hatte und nicht ohne Grund mit Anke Engelke das Volksmusikpaar Marianne & Michael als Wolfgang & Anneliese persifliert. Die beiden an der Spitze einer wuchtigen Samstagabendshow – das könnte sie sein, die Rettung des linearen Fernsehens. Ihr Diebstahl der Show im ESC-Gewand war das perfekte Bewerbungsschreiben.

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