Rückkehr aus Afghanistan

Von Freundschaft und Verzweiflung – Jennifer Lawrence in „Causeway“

Blick auf eine fremd gewordene Heimat: Lynsey (Jennifer Lawrence) kommt als Kriegsversehrte aus Afghanistan nach New Orleans zurück. Szene aus dem Film „Causeway“, der am 4. November bei Apple TV+ startet.

Blick auf eine fremd gewordene Heimat: Lynsey (Jennifer Lawrence) kommt als Kriegsversehrte aus Afghanistan nach New Orleans zurück. Szene aus dem Film „Causeway“, der am 4. November bei Apple TV+ startet.

Zunächst zeigt die Kamera das Halbprofil von Lynsey (Jennifer Lawrence), neben der ein Soldat in Camouflage mit Kladde steht. Ein Auto erscheint, eine ältere Frau steigt aus, die sich als Sharon (Jayne Houdyshell) vorstellt und sie mit „honey“ anspricht. Erst jetzt sieht man, dass die junge Frau im Rollstuhl sitzt. Vorbei geht es im Van an der Stadt New Orleans, am immer noch imposanten Footballstadion der Saints, dem Mercedes-Benz-Superdome, der – nichts ist mehr verlässlich – nach Beendigung der Dreharbeiten den Stern abgab und in Caesars Superdome umbenannt wurde. Lynsey sieht durch ihn hindurch. Sie ist falsch hier. Sie wollte nie mehr nach Hause zurück.

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Man erfährt – Vorsicht, Spoiler! – was ihr passiert ist. Als Wasseringenieurin der US-Army in Afghanistan war sie zu Arbeiten an einem Damm (Causeway) unterwegs, als unter den Fahrzeugen ihres Konvois Bomben hochgingen. Lynsey ist nicht gelähmt, sie zieht das Bein etwas nach, sie kann nichts mehr verlässlich festhalten. Das Zittern der Hände setzt sich in der Seele fort. Ein erstes Lächeln bedeutet nicht, dass man das Furchtbare überwunden hat, dessen Zeuge man wurde. Die Selbstmordrate unter amerikanischen Soldaten ist nach jüngsten Untersuchungen höher denn je. Nie blendet Diego Garcias Kamera zurück zu den Ereignissen im Kriegsland. Stattdessen zeigt er in gemäldeartigen Bildern die Einsamkeit der Heimgekehrten.

Zu Hause fühlt sich fremd an - Lynsey will wieder zurück nach Afghanistan

Und bald schon versucht Lynsey ihren Neurologen (Stephen Henderson) zu überreden, sie gesundzuschreiben. „I’m okay“, sagt sie bei der Untersuchung – und überzeugt niemanden damit. Da ist noch ein anderer Damm, und der muss brechen. Vorerst ist Lynsey gern schweigsam. Aber Schweigen ist maximal Silber, allem Volksmund zum Trotz.

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Ein Superstar kehrt zu seinen Indie-Anfängen zurück

Jennifer Lawrence – Superstar. Sie war 2011 die Mutantin Mystique im Marvel-Film „X-Men: Erste Entscheidung“. Und mit der Rolle der Katniss Everdeen in den „Die Tribute von Panem“-Filmen , glamourös und wehrhaft mit dem Bogen, bekam die damals 22-Jährige 2012 einen festen Platz im „großen“ Hollywood. Immer wieder aber durchbrach sie die Blockbuster-Kette für Auftritte im Schauspielkino und erhielt schon 2013 für die Romanze „Silver Linings“ den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle – als bis dahin zweitjüngste Darstellerin.

„Causeway“ nun erinnert an Lawrence‘ Anfänge im Independent-Film und ist vielleicht ihre intensivste Rolle, seit sie vor zwölf Jahren als Trailerpark-Mädchen Ree in „Winter’s Bone“ auf die Suche nach ihrem verschwundenen Vater ging. Ungeschminkt, in Jeans und T‑Shirt spielt sie eine normale Frau, die Hilfe braucht.

James kommt infrage. Der schwarze Automechaniker ist zur Stelle, als Lynsey eine Panne mit dem Wagen hat. Er fährt sie in seinem schmucken lindgrünen Mercedes-Oldtimer nach Hause, als sie verzweifelt ihren Schatten auf dem Bürgersteig betrachtet, der mit den hochgezogenen Schultern wie der eines verlorenen Vogels aussieht.

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Ein Film über Sprachlosigkeit und den Dialog der fremd Gewordenen

Brian Tyree Henry (zuletzt der Lemon in David Leitchs Eisenbahn-Actionfest „Bullet Train“) spielt diesen James, der zugewandt ist und aufmerksam, der nicht viel redet, der denkt, bevor er spricht und der einfühlsame, ehrliche Worte für Lynsey hat. Er ist selbst gehandicapt, hat seit einem Autounfall eine Beinprothese und wird ausweichend still, wenn Lynsey auf seine Schwester zu sprechen kommt, mit der sie früher einmal Basketball gespielt hat. Es gibt Geheimnisse in diesem Film – ein weiteres dreht sich um Lynseys Bruder.

Für die New Yorker Bühnenregisseurin Lila Neugebauer ist „Causeway“ der erste Spielfilm. Sie erzählt unprätentiös von der Sprachlosigkeit der Menschen. Die Mutter (Linda Emond) nimmt die Tochter nicht in den Arm, sie beklagt nur, dass sie einen Tag zu früh gekommen ist, weshalb das Haus nicht geputzt sei und auch der geplante Begrüßungskuchen noch nicht gebacken. „Wie fühlst du dich?“ „Gut“ „Bist du müde“ „Ja“. Einsilbiger Nichtdialog unter einander fremd Gewordenen. Mama braucht dann erst mal einen Drink.

Und das „Thank You for Your Service“ des Poolreinigungschefs (Frederick Weller), bei dem Lynsey anheuert, klingt selbst für einen aus den tiefsten Tiefen des Big Easy durch die Zähne gezogen, so als kämen ihm die Worte von außen in den Mund wie Krill in die Barten des Wals. Eine Formel, dahingeleiert und bedeutungslos.

Für Henry müsste es einen Preis über dem Oscar geben

James bleibt, auch als Lynsey ihm gesteht, sie date nur Frauen. Er „beschützt“ sie in einer Bar vor einem zudringlichen Gast. Mit ihm kann sie die Straße entlangschlendern und sich wohlfühlen, mit ihm kann sie ganz normal auf einer Bank sitzen, ohne aufspringen und weglaufen zu wollen. Sie werden zusammen betrunken. Sie erzählt ihm von ihrem Unglück, er ihr von seinem. Beider Tragödien werden ein wenig leichter, weil jemand zuhört.

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Und man muss Brian Tyree Henry gesehen haben, wenn er eine Flasche Bier auf seiner Schulter abstellt und immer wieder einen Schluck nimmt, während er sein Herz ausschüttet. Wie sein James von einem möglichen Liebhaber zu einem guten Freund wird, das ist Schauspiel, ganz nah am wahren Leben, so nuanciert, dass es dafür einen Preis über dem Oscar geben müsste. „Zieh zu mir. Du hast deinen eigenen Raum. Manchmal kochen wir zusammen“, schlägt James Lynsey vor.

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Ob er sich später nicht mehr an diese Worte erinnert oder sich nicht mehr daran erinnern will? Etwas geschieht in den letzten 15 Minuten dieses bewegenden Films, mit dem Apple TV+ seinen Ruf als Lieferant erstklassiger Streaminginhalte erneut untermauert. Ein vorletztes und ein letztes Geheimnis werden enthüllt, eine Geste, die zwingend erforderlich erscheint, verwandelt sich zu etwas Missverständlichem. In einem Moment noch sieht man ein Tableau der Menschlichkeit, im nächsten Moment scheint alles Verbindende zerstört zu sein.

Das letzte Bild gehört dann Jennifer Lawrence, lange verweilt die Kamera auf Lynseys Gesicht, ein Ausdruck, den man so schnell nicht vergessen wird. Ihre Augen suchen Halt im Gegenüber.

Es ist der Augenblick, in dem der Damm bricht.

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„Causeway“, Film, 94 Minuten, Regie: Lila Neugebauer, mit Jennifer Lawrence, Brian Tyree Henry, Linda Emond, Stephen Henderson, Jayne Houdyshell (streambar ab 4. November bei Apple)

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