Analysen

TikTok als Kriegswaffe Moskaus: Locker-leichte Staatspropaganda

Über die Plattform TikTok wird russische Staatspropaganda betrieben. (Symbolbild)

New York. Ein Kätzchen, ein kleiner Hund, mitreißender Beat im Hintergrund: ein TikTok-Video aus Russland – locker präsentiert und leicht anzusehen. Und eigentlich nicht der Stoff, aus dem Staatspropaganda gemacht ist.

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Doch genau darum geht es. In dem Clip schlägt ein Husky-Welpe, markiert mit einer digital eingefügten US-Flagge, einem mit einer russischen Flagge gekennzeichneten Kätzchen auf den Schwanz. Mit einem kräftigen Hieb treibt die Katze den Hund dann in die Flucht. Rund 775 000 Aufrufe hatte das Filmchen innerhalb von zwei Wochen. Verbreitet wurde es von einem Account namens „Funrussianprezident“, der sich mit rund 310 000 Followern schmückt. Fast alle Videos, die dort veröffentlicht werden, haben prorussische Inhalte.

Schon 2014 flutete Russland das Internet mit Falschinformationen

„Es kann ein patriotischer Russe sein, der den guten Kampf führt, wie sie es sehen“, erklärt die Forscherin Nina Jankowicz vom Wilson Center in Washington, Expertin für Desinformationskampagnen, „oder es kann auch etwas sein, das direkt mit dem Staat in Verbindung gebracht wird.“ Russland habe diese Propagandataktik zuletzt weiter perfektioniert.

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Schon 2014 flutete Russland das Internet über Fake Accounts mit Falschinformationen über seine Besetzung der Halbinsel Krim. Jetzt, acht Jahre später, sind die Vorstöße zur orchestrierten Desinformation beim Krieg gegen die Ukraine umso ausgefeilter. Beispielsweise wird in vermeintlich spaßigen Videos Stimmung gegen die Ukraine und den Westen gemacht, in anderen wird russischer Nationalismus mit einer Prise Humor serviert. Damit soll sowohl die eigene Bevölkerung gelenkt als auch das Publikum im Westen beeinflusst und gespalten werden.

Ganze Armeen von Trollen und Bots

Ganze Armeen von Trollen und Bots führen den Krieg mit Bildern und Worten. Analysten mehrerer Forschungsorganisationen melden auf AP-Anfrage übereinstimmend, dass sie eine starke Zunahme der Online-Aktivitäten von Gruppen in Beziehung mit dem russischen Staat beobachten. Laut einem Bericht des israelischen Technologieunternehmens Cyabra, das sich mit der Aufdeckung von Desinformationen befasst, sind zuletzt zuhauf verdächtige Konten mit anti-ukrainischen Inhalten im Internet aufgetaucht.

Die Cyabra-Analysten beobachteten dazu Tausende Facebook- und Twitter-Accounts, auf denen in letzter Zeit Postings mit Bezug zur Ukraine erschienen. In den Tagen vor dem russischen Einmarsch im Nachbarland sahen die Forschenden einen plötzlichen und dramatischen Anstieg von anti-ukrainischen Inhalten. Am Valentinstag etwa schoss die Zahl dieser Postings innerhalb der untersuchten Twitter-Konten um 11 000 Prozent im Vergleich zu den Vortagen nach oben.

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Analyse von Artikeln aus staatlichen russischen Nachrichtenkanälen

Dabei gehen die Analysten davon aus, dass ein beträchtlicher Anteil der Konten nicht authentisch ist und von Gruppen kontrolliert wird, die mit der russischen Regierung in Verbindung stehen. „Wenn man einen 11.000-prozentigen Anstieg sieht, dann weiß man, dass etwas im Gange ist“, sagt Cyabra-Chef Dan Brahmy.

Die Denkfabrik Atlantic Council mit Sitz in Washington stellte bei der Analyse von rund 3000 Artikeln aus zehn staatlichen russischen Nachrichtenkanälen ebenso eine deutliche Zunahme unfundierter Behauptungen über ukrainische Angriffspläne auf die Separatisten im Osten fest. Schon im Januar sei die Zahl solcher Behauptungen in den russischen Medien um 50 Prozent nach oben gegangen, vermelden die Forscherinnen und Forscher.

Russische Medienkampagne

„So ziehen sie in den Krieg“, sagt Jim Ludes vom Pell Center für internationale Beziehungen und öffentliche Politik an der Salve Regina Universität in Rhode Island über die russische Medienkampagne. An die russische Bevölkerung und prorussische Separatisten in der Ukraine gerichtet solle so die Botschaft gesendet werden, dass Russland seine Leute gegen vom Westen angeheizte Aggression verteidige. Ähnliche Taktiken seien auch früher genutzt worden, erklärt Ludes, etwa von den Nazis beim Einmarsch in der damaligen Tschechoslowakei.

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Ex-Generalleutnant Michael Nagata, früherer Mitarbeiter im US-Antiterrorzentrum NCTC, spricht von einer mächtigen Waffe. „Wenn man es schafft, die Überzeugung einer ganzen Bevölkerung zu ändern, muss man vielleicht gar nichts angreifen“, sagt er.

Westen legt die russische Desinformationsstrategie offen

Viel mehr als in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten lege der Westen die russische Desinformationsstrategie aber offen und gehe dagegen vor, lobt Analyst Ludes die jüngsten Anstrengungen der USA und ihrer Verbündeten. Die US-Regierung habe bei ihren Gegenreaktionen mit der Nutzung von Geheimdienstkompetenzen „einige Kreativität“ bewiesen, sagt er. „Das haben wir aufseiten des Westens seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr erlebt.“

RND/AP

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