Konstruktions-Offensive

Voge 500AC: China setzt bei Motorrädern auf Qualität

Moderner Klassiker: Die Voge 500AC ist ein schnörkelloses Naked Bike.

Moderner Klassiker: Die Voge 500AC ist ein schnörkelloses Naked Bike.

Will man über die Voge 500AC und damit über Motorräder aus chinesischer Produktion sprechen, ist zunächst ein kleiner Exkurs sinnvoll. Lange lautete die Maxime beim Motorrad „Größer, schwerer, schneller“, frei nach dem Diktum, dass man nie genug haben kann an Hubraum und PS. Mittlerweile aber haben sich die Bedingungen geändert. So haben zum Beispiel stetig steigende Kraftstoffpreise nicht wenige Pendler veranlasst, von vier Rädern auf zwei umzusteigen, was vor allem die kleineren Motorradklassen (bis 11 kW und bis 35 kW) gestärkt hat.

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Klassische Formensprache, modernes Design

In beiden Klassen spielen Modelle eine große Rolle, die entweder klassischen Motorräder der 1960er- oder 1970er-Jahre nachempfunden sind oder als sogenannte Neoklassiker daherkommen. Diese Stilrichtung verbindet eine an klassische Motorräder erinnernde Formensprache (aufrechte Sitzposition, bauchig-runder Tank) mit modernen Designelementen aus dem Hier und Jetzt (etwa ein extravagant gezeichneter LED-Scheinwerfer, ein zentrales Federbein hinten oder auch Aluminiumräder).

Weil die Platzhirsche, Honda, BMW, Triumph etc. diese Klassen lange stiefmütterlich behandelt haben, stammt gefühlt die Hälfte dieser Motorräder zwischen 125 und 650 ccm aus chinesischer oder indischer Produktion. Dabei handelt es sich zum einen um traditionsreiche Marken wie Royal Enfield, Benelli, Fantic, Mondial, Moto Morini oder SWM, die zwar in ihrer jeweiligen Heimat designt und entwickelt werden, aber mit Ausnahme von Royal Enfield in China gebaut werden. Zum anderen aber auch um originär chinesische Marken, wie CF Moto, Zontes oder eben Voge, die sich bereit machen, den europäischen Markt in Angriff zu nehmen.

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Gefällig gezeichnet, wertig gemacht

Womit wir wieder bei Voge sind (gesprochen „Woudsch“), einer Tochter des chinesischen Loncin-Konzerns. Loncin hat es dort in knapp 30 Jahren zu einem der größten Motor- und Motorradhersteller gebracht und beschäftigt heute 7000 Mitarbeiter, davon 200 in der Forschung. Neben dem Ausbau eigener Marken produziert man auch für europäische Hersteller wie BMW (die Scootermodelle C400X und C400GT; die Zweizylindermotoren für die 850er-Modelle) – was als Zeichen dafür gelten kann, dass die Zeiten passé sind, in denen Zweiräder aus China, damals zurecht – als qualitativ minderwertige Billigangebote aus dem Baumarkt galten.

Von „minderwertig“ kann bei der Voge 500 Classic, einer 48-PS-Maschine aus dem Neoklassikersegment, wahrlich keine Rede sein. Das sehr gefällig gezeichnete Naked Bike wirkt souverän, zum Teil sogar mit wahrer Liebe zum Detail umgesetzt und macht in jeder Hinsicht einen erwachsenen Eindruck, der sich, so viel sei schon gesagt, im RND-Praxistest bestätigt.

Alles passt wie angegossen

So fühlt man sich auf der gut gepolsterten Sitzbank sofort heimisch, alles passt wie angegossen (Körpermaße des Testers: 1,88 cm, 98 kg; mit einer Sitzhöhe von moderaten 81cm taugt die 500AC aber auch für kleinere Pilotinnen und Piloten). Die aufrechte Sitzposition und der ideal positionierte Lenker versprechen entspanntes, kommodes Gleiten, die gut zur Hand liegenden Hebel, Schalter und Instrumente geben keinerlei Rätsel auf. Ein echter Eyecatcher ist das TFT-Farbdisplay, das unter anderem sogar den Reifendruck anzeigt, was in dieser Klasse ungewöhnlich ist. Dass zudem eine Kopplung mit dem Smartphone möglich ist, sodass während der Fahrt (via Headset) telefoniert oder Musik gehört werden kann, dürfte gar ein Alleinstellungsmerkmal in der 500er-Klasse sein.

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Gut lesbares Zentralinstrument. Das Cockpit der Voge 500 AC präsentiert sich aufgeräumt.

Gut lesbares Zentralinstrument. Das Cockpit der Voge 500 AC präsentiert sich aufgeräumt.

Weil selbst das unterhaltsamste Mäusekino allein aber noch kein gutes Motorrad ausmacht, haben die Chinesen bei vielen originären Motorradparts auf hochwertige Komponenten renommierter Zuliefern gesetzt. Die Upside-down-Gabel etwa stammt von Kayaba aus Japan, dem weltweit größten Hersteller von Stoßdämpfern, die gerade auch für Anfänger gut dosierbare Doppelscheibenbremse vorn von der ebenfalls japanischen Firma Nissin, einem der führenden Hersteller von Bremsanlagen.

Aber auch sonst wirkt vieles durchdacht und wertig. So ist der Edelstahlauspuff ein weiterer Augenschmaus und ebenfalls keine Selbstverständlichkeit in dieser Klasse, was auch für die einstellbaren Hebel und die zwecks besserer Erreichbarkeit abgewinkelten Reifenventile gilt. Apropos Reifen: Bedienten sich manche chinesischen Zweiradhersteller in der Vergangenheit noch einheimischer, qualitativ eher unterdurchschnittlicher Fabrikate, so setzt Voge bei der 500AC auf Pirelli.

Anfänger, Wiedereinsteiger, Motorradwanderer – die 500AC macht jeden glücklich

Und so gut, wie sich all das liest, so gut fährt sich das Motorrad auch. Erstaunlich souverän und unaufgeregt lässt sich die Voge bewegen, und niemand wird hier überfordert. Kupplung und Schaltung lassen sich ohne höheren Kraftaufwand bedienen, Kurven nimmt der Neoklassiker fast wie auf Schienen, und ein nervöses Spurrillennachlaufen bei höherer Geschwindigkeit kennt er schon gar nicht. Allerdings ist Geschwindigkeit nicht die Haupttugend der 500AC.

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Denn in Sachen Topspeed bleibt das Motorrad deutlich hinter der Werksangabe von 160 km/h zurück. Gerade einmal auf 148 km/h brachte sie es im Test, zwar bei aufrechter Sitzposition, musste sich aber selbst bis dahin spätestens ab Tempo 140 deutlich quälen. Ob der Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor mit einem kleineren, leichteren Fahrer vielleicht auch jenseits der 7.000 U/min, bei denen das maximale Drehmoment von 45 Nm anliegt, etwas weniger zäh agieren würde, bleibt Spekulation.

Topmoderne LED-Scheinwerfer, integriert in klassisches Scheinwerferdesign: Detailaufnahme der Voge 500AC.

Topmoderne LED-Scheinwerfer, integriert in klassisches Scheinwerferdesign: Detailaufnahme der Voge 500AC.

Letztlich aber geht es bei der Voge ja auch gar nicht um derlei Aufgeregtheiten wie maximale Geschwindigkeit. Spätestens ab 130 km/h sitzt man so prominent im Zentrum eines gefühlten Orkans, dass jede weitere Tempoverschärfung jenseits von Testzwecken an Masochismus grenzen würde.

Wie gemacht fürs entspannte Surfen

Nein. Die 500AC ist gemacht fürs entspannte Surfen und ist die beste Kameradin, die man sich dafür nur wünschen kann. Zudem dankt sie einem den Verzicht auf mürbe machendes Ausquetschen des Drehzahlbandes mit einem ordentlichen Verbrauch von knapp über vier Litern – was wiederum Nonstop-Etappen von mehr als 400 Kilometern ermöglicht.

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So darf man der Voge 500AC schließlich attestieren, ein ideales Motorrad für Anfänger, Aufsteiger (von 125 ccm), Wiedereinsteiger und Zweiradgenussreisende zu sein. Leicht wird sie es dennoch nicht haben in einem umkämpften Marktsegment, das mittlerweile auch die arrivierten Anbieter für sich wieder entdecken. Zwar liegt die Voge mit rund 6500 Euro noch etwas unter den Preisen vergleichbarer Angebote von zum Beispiel Honda, Kawasaki oder Suzuki, aber eben nicht so viel, dass manch einer sich nicht doch lieber zur vermeintlich besseren Qualität aus Japan oder Europa entscheidet.

Fehlende Erkenntnisse in Sachen Langzeitqualität

Zumal technische Feinheiten, etwa die Wahlmöglichkeit von Fahrmodi oder eine Anti-Hopping-Kupplung, die man bei den Voge-Konkurrenten teilweise findet, bei der 500AC weder gegen Geld noch gute Worte zu bekommen sind. Auch die zwangsläufig noch fehlenden Erkenntnisse in Sachen Langzeitqualität könnten den einen oder anderen potenziellen Interessenten vielleicht abschrecken.

Zumindest diese Bedenken aber lassen sich mit ein wenig gesundem Menschenverstand zerstreuen: Die Chinesen wissen, dass sie die ihnen im Motorradbau fehlende Tradition durch umso größere Qualität wettmachen müssen, wollen sie ihr Ziel, in Europa erfolgreich zu sein, erreichen. Und dass sie dieses Wissen auch umzusetzen verstehen, das belegen eindrucksvoll die Erfolge bei der E-Mobilität und auf dem Smartphone-Markt.

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