Illegale Geschäfte mit menschlichem Leid

Prostitution, Waffenhandel, Geldwäsche: Wie die Mafia vom Krieg in der Ukraine profitiert

Ein italienischer Polizist in Neapel. (Archivfoto)

Ein italienischer Polizist in Neapel. (Archivfoto)

Rom. Gleich zwei Mafiajäger – die beiden renommiertesten des Landes – haben in den letzten Tagen Alarm geschlagen: Federico Cafiero De Raho, der Chef der nationalen Antimafiabehörde, sowie Nicola Gratteri, der Staatsanwalt von Kalabrien, der jedes Jahr Hunderte von ‘Ndrangheta-Mitgliedern hinter Schloss und Riegel bringt. Die Clans, betonten die beiden Magistraten letzte Woche unabhängig voneinander, befänden sich längst in den Startlöchern, um aus dem Krieg in der Ukraine Profit zu schlagen. „Die Mafia schaut wie immer voraus: Während wir uns noch mit der Gegenwart beschäftigen, arbeiten die Clans bereits an den Geschäften von morgen“, sagte Cafiero De Raho.

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Die Geschäftsfelder, in denen die kalabrische ‘Ndrangheta, die neapolitanische Camorra und die sizilianische Mafia aktiv werden wollen – und es teilweise auch bereits sind –, reichen von Waffenschiebereien und Menschenhandel bis hin zur Unterbringung von Geflüchteten und – im Dienste der russischen Oligarchen – Geldwäsche.

„Für die Mafia sind die Waffen das Gold der Kriege“

Das naheliegendste Geschäft ist der illegale Handel mit Waffen, der seit jeher ein wirtschaftliches Standbein der Clans darstellt. „Für die Mafia sind die Waffen das Gold der Kriege“, betont Antimafiachef Cafiero De Raho – und je länger ein Krieg dauere, desto lukrativer werde dieses Geschäft. Sein Kollege Gratteri weist auch noch auf einen anderen Punkt hin: Bei Kriegen könnten die Clans auch ihre eigenen Arsenale wieder auffüllen. „Und wenn man eine Kalaschnikow mit Kokain bezahlt, dann gibt es meist noch einen kräftigen Rabatt.“ Der Bosnienkrieg zum Beispiel sei für die ‘Ndrangheta ein Geschenk des Himmels gewesen: „In ihren Waffenlagern entdecken wir bei unseren Razzien bis heute Restbestände aus diesem Konflikt“, betont der Staatsanwalt von Kalabrien.

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Besonders lukrativ verspricht auch der Menschenhandel zu werden, bei dem die italienischen Clans seit Langem mit der russischen und ukrainischen Mafia zusammenarbeiten. Junge Ukrainerinnen, die mit ihren kleinen Kindern vor dem Krieg fliehen, drohen eine leichte Beute der kriminellen Organisationen zu werden: Diese verhelfen den Frauen zur Flucht, um sie nachher zur Prostitution zu zwingen, ihnen die Kinder wegzunehmen und diese illegal als Adoptivkinder an italienische Paare zu verkaufen.

„Bereits heute haben wir von Hunderten geflohenen ukrainischen Frauen und ihren Kindern keine Spur mehr“, betonte Federico Fossa vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR gegenüber der Römer Zeitung „La Repubblica“. Ob diese bereits „im schwarzen Loch“ von Prostitution und illegaler Adoption verschwunden seien, lasse sich derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. Das UNHCR und die Kinderschutzorganisation Save the Children fordern jedenfalls ein umgehendes Moratorium von Adoptionen in ganz Europa.

Russische Oligarchen greifen auf Dienste der Mafia zurück

Geld hofft die Mafia auch mit der Betreuung und Unterbringung der Geflohenen zu machen – ebenfalls ein altes Geschäftsfeld der Clans. Laut der zuständigen Spezialeinheit der Carabinieri haben ‘Ndrangheta, Camorra und Cosa Nostra bereits ein mafiöses Netzwerk geschaffen, das sich, getarnt als gemeinnützige Vereine, bei den öffentlichen Ausschreibungen für die Betreuung der geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer beteiligen und so einen Teil der von der Regierung dafür zur Verfügung gestellten 428 Millionen Euro abgreifen wolle. Das Unterbringungsbusiness erscheint den Clans umso attraktiver, als auch die EU 3,5 Milliarden Euro für die Geflohenen zur Verfügung stellt, die an die Mitgliedsstaaten verteilt werden.

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Auf die Dienste der Mafia greifen zunehmend auch russische Oligarchen zurück, die nun die Beschlagnahmung ihrer Jachten und ihrer anderen Vermögenswerte in Italien befürchten müssen. Die Mafia, die jedes Jahr Dutzende von Milliarden Euro an Gewinnen aus dem Drogenhandel waschen muss, hat jahrzehntelange Erfahrung mit Geldwäsche. Laut Erkenntnissen der Finanzpolizei sind die versierten Finanzspezialisten der Clans bereits daran, russische Vermögen – gegen großzügige Provisionen – eiligst in sichere Steuerparadiese im Ausland zu schaffen oder in Kryptowährungen zu investieren, die von den Sanktionen kaum erfasst werden können.

Dabei geht es um riesige Summen: Laut Angaben der italienischen Nationalbank sind allein im vergangenen Jahr 13 Milliarden Euro von Russland nach Italien geflossen – 5 Milliarden davon wurden als „suspekt“ eingestuft.

„Wir sind vorbereitet“

Den Oligarchen weht nun aber insbesondere in Italien, wo die Strafverfolgungsbehörden aufgrund ihres jahrzehntelangen Kampfs gegen die Mafia große Erfahrung bei der Verfolgung illegaler Finanzströme und der Bekämpfung von Geldwäsche haben, ein rauer Wind entgegen. Letzte Woche hatte Regierungschef Draghi bekannt gegeben, dass der italienische Staat in den wenigen Wochen seit Kriegsbeginn bereits russische Vermögenswerte in der Höhe von 800 Millionen Euro beschlagnahmt habe; inzwischen ist daraus laut Medienberichten bereits mehr als eine Milliarde Euro geworden.

„Die Regierung ist sich bewusst, dass der bewaffnete Konflikt in der Ukraine den Mafiaclans gefährliche neue Möglichkeiten für illegale Geschäfte eröffnet“, erklärte Innenministerin Luciana Lamorgese in diesen Tagen. „Aber wir sind vorbereitet.“

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