Homosexueller Katholik nach Segnung im Essener Dom: „Drei Menschen sind gegangen, viele haben applaudiert“

Rainer Teuber, Erzbistum Essen.

Rainer Teuber, Erzbistum Essen.

Essen. Rainer Teuber arbeitet seit fast 25 Jahren für die katholische Kirche – und ist schwul. Als Leiter der Museumspädagogik und des Besucherservices der Schatzkammer im Essener Dom hat er schon unzählige Touren durch das Gotteshaus gegeben. Doch jetzt trat er aus ganz privaten Gründen öffentlich in Erscheinung.

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Sie wurden mit Ihrem Ehemann Karl-Heinz gestern im Essener Dom gesegnet. Herzlichen Glückwunsch! Wie haben Sie den Gottesdienst erlebt?

Rainer Teuber: Das war wirklich sehr bewegend. Ich durfte zu Beginn des Gottesdienstes im Essener Dom ein Eingangsstatement halten. Zum ersten Mal habe ich damit meine eigene Geschichte öffentlich in einem Gottesdienst erzählt. Der Gottesdienst war unter Corona-Bedingungen mit 65 Menschen ausgelastet. Als ich mich vorgestellt habe, sind drei Menschen aufgestanden und gegangen. Viele haben aber laut applaudiert. Es ist schön, wenn man diesen Rückhalt der Gemeinde zu spüren bekommt. Im Johannesbrief heißt es doch: „Gott ist die Liebe“. Mehr muss man dazu doch gar nicht sagen?

Wie war die Segnung selbst?

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Alle, die als Paar beim Gottesdienst waren, durften sich an den Händen halten und sich als Paar auch zeigen. Es waren so ungefähr 15 gleichgeschlechtliche Paare da, aber auch andere. Der Gottesdienst war ja für alle Liebenden, auch für heterosexuelle. Zum Schluss segnete der Seelsorger alle gleichzeitig, die ihre Liebe vor Gott bringen wollten. Das war sehr berührend. Das ist der Moment, den ich in Erinnerung behalten werde. Mein Mann und ich sind getaufte Christen, von Gott gewollt, so wie wir sind.

Welche Erfahrung haben Sie als homosexueller Arbeitnehmer in der katholischen Kirche gemacht?

Mein direktes Arbeitsumfeld weiß, dass ich schwul bin. Mein Mann und ich haben 2004 eine eingetragene Lebenspartnerschaft geschlossen, die inzwischen in eine Ehe umgewandelt wurde. Die Lebenspartnerschaft wäre damals eigentlich ein Kündigungsgrund gewesen: Denn die Angestellten sollen im Einklang mit den Werten der katholischen Kirche leben – da hat die Kirche ein eigenes Arbeitsrecht. Damals wurde das Melderechtsrahmengesetz angewandt. Das Einwohnermeldeamt musste dabei die Daten von den eingetragenen Lebenspartnerschaften an die katholische Kirche weiterleiten – und jetzt wird es besonders absurd – damit diese ihren seelsorgerischen Auftrag erfüllen kann.

Wir haben damals auch große Diskriminierung durch die Stadt Essen erfahren. Doch konnten wir die Meldung unterbinden. Wir wollten auch einen christlichen Segen erhalten, aber in der katholischen Kirche ist mir da kein Priester eingefallen, der so etwas getan hätte. Obwohl ich so viele kannte. Das hat dann ein evangelischer Pfarrer gemacht – allerdings in einer Gaststätte und nicht in einer Kirche, weil wir beide ja Katholiken sind. Das war eine Segnung im privaten Rahmen – aber der Segen ist etwas Öffentliches. Deswegen wollten wir das noch einmal öffentlich machen – auch um sichtbar zu sein. Schwule und lesbische Paare sind in der katholischen Kirche nicht sichtbar. Ich bin inzwischen auch Teil des Runden Tischs Segensfeier, der sich im Bistum Essen für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare einsetzt.

Wie hat Ihr Arbeitgeber auf Ihr Engagement für und Ihre Teilnahme an der Segensfeier reagiert?

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Seit zwei Jahren bin ich jetzt aber auch innerhalb der katholischen Kirche richtig geoutet. Ich dachte ja eigentlich, dass ich mit 50 Jahren das Thema Outing schon längst hinter mir hätte. Das war bei einer Infoveranstaltung, bei der unser Generalvikar über die Maßnahmen aus der Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche gesprochen hat. Und immer wieder wurde Pädophilie und Homosexualität in einen Topf geworfen. Da ist mir der Kragen geplatzt.

Ich fand es sehr befreiend, Stellung bezogen zu haben. Noch am gleichen Tag hat der Generalvikar Klaus Pfeffer angerufen und wir haben ein sehr offenes, gutes und fruchtbares Gespräch geführt. Seitdem bin ich irgendwie so eine Art schwule Galionsfigur der Kirche in Essen geworden.

Wie war die Reaktion in der Kirche darauf?

Außerhalb meines direkten Arbeitsumfeldes im Bistum herrscht vielfach beredtes Schweigen. Das finde ich nicht normal. Die Unsicherheit merkt man auch, wenn manche Priester sagen: „Grüßen Sie zu Hause“ und nicht: „Grüßen Sie ihren Mann.“

Wichtig ist mir hier die Sensibilisierung. Viele Vertreter der katholischen Kirche sind häufig unsicher, wenn sie über Homosexualität sprechen. Da wird oft von Menschen in „diesen Beziehungen“ oder mit „diesen Lebensweisen“ gesprochen. Am schlimmsten ist „von Homosexualität betroffen“. Ich bin nicht betroffen. Betroffen macht mich, wie Kleriker über Homosexualität reden. Man kann doch einfach sagen: „Ich bin schwul und katholisch.“ Aber da stören sich viele dran.

Sie haben Diskriminierung erfahren. Sie könnten ja auch einfach sagen „mir reicht‘s“ und sich von der katholischen Kirche abkehren.

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Ich bin der festen Überzeugung, dass die katholische Kirche sich nur von innen heraus ändern lässt. Es geht um Gemeinschaft – man feiert einen Gottesdienst ja auch nicht alleine. Trotzdem gibt es Rückschläge: Ein Segnungsgottesdienst in München musste unter Polizeischutz stattfinden, weil Erzkonservative Proteste angekündigt hatten. Oder auf der Seite kath.net ist ein Musterbrief veröffentlicht, mit dem Menschen Gemeindepfarrer, die gleichgeschlechtliche Paare gesegnet haben, denunzieren können. Da wird einem wirklich übel. Die sehen sich als Christen. Da kann ich aber nichts Christliches dran finden.

Suchen denn andere in der LGTBQ-Community überhaupt noch die Nähe zur katholischen Kirche?

Ich kann verstehen, wenn homosexuelle Menschen der Kirche den Rücken zuwenden. Da gibt es unfassbare Leidensgeschichten. 2700 Seelsorger haben sich im Frühjahr, nach dem Segensverbot durch den Vatikan, bereit erklärt, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. Aber ich weiß nicht, ob die so wahnsinnig viel zu tun haben werden. Bei homosexuellen Katholiken reden wir über eine absolute Minderheit. Und trotzdem entfacht diese Aktion weltweit Solidaritätsbekundungen. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass es ausgerechnet Homosexuelle sind, die die Kirche hier wieder aufs Gleis setzen und Veränderungen anstoßen.

Die Segnungsaktion für Homosexuelle in Deutschland entgegen dem Gebot aus dem Vatikan ist beispiellos. Warum bewegt sich gerade hier etwas?

Die Deutsche Bischofskonferenz versucht über den Synodalen Weg Änderungen in der katholischen Kirche voranzubringen, zum Beispiel zur Rolle der Frauen oder dem Verständnis des Priesteramtes. So etwas hat der Vatikan gar nicht vorgesehen. Bei dringenden Fragen kann man nicht einfach auf die Weltkirche verweisen. Da braucht man pragmatische Lösungen für die Menschen in der Kirche. Trotzdem hat sich Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, kritisch gegenüber der Initiative Liebe gewinnt geäußert. Er befürchtet möglicherweise, dass der „Laden hier auseinanderfliegt“. Aber Angst hilft nicht mehr. Sollte es so sein, dass die Kirche sich aufgrund dieser Frage spaltet, dann ist es doch schon längst soweit. Das liegt dann nicht an der Debatte über die Segnung.

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Hat die katholische Kirche den Anschluss an die Gesellschaft verloren?

Ja, selbst wenn durch den Synodalen Weg Fortschritte erzielt werden sollten. Wer ausgetreten ist, ist weg. Der kommt nicht mehr einfach zurück. Das ist bei uns am Esstisch auch immer wieder Thema: Ich habe seit 15 Jahren keine positive Schlagzeile gelesen. Es ist doch nicht so, dass die Kirche nichts zu sagen hätte. Wo ist die frohe Botschaft?

Glauben Sie, dass Sie Ihren Mann noch einmal in einer katholischen Kirche heiraten können?

So alt werden wir nicht mehr. Aber wir hoffen auf ein richtiges Segnungsformular, auf ein liturgisches Format. Wir wollen uns nicht mehr mit Segnungen unter dem Radar zufriedengeben. Man fühlt sich damit wie ein Christ zweiter Klasse. Es werden Autos gesegnet und Kläranlagen. Aber homosexuelle Paare nicht.

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