Ständig mehr als 40 Grad

Rekord­temperaturen in China – würgt die Hitze das Wachstum ab?

Pfeiler sind in der Nähe des ausgetrockneten Flussbettes zu sehen, das nach dem Absinken des Wasserspiegels des Jangtseflusses freigelegt wurde. Ungewöhnlich hohe Temperaturen und eine lang anhaltende Hitzeperiode beeinträchtigen weite Teile Chinas und verringern die Ernteerträge und die Trinkwasserversorgung.

Pfeiler sind in der Nähe des ausgetrockneten Flussbettes zu sehen, das nach dem Absinken des Wasserspiegels des Jangtseflusses freigelegt wurde. Ungewöhnlich hohe Temperaturen und eine lang anhaltende Hitzeperiode beeinträchtigen weite Teile Chinas und verringern die Ernteerträge und die Trinkwasserversorgung.

Peking. Der sonst mächtige Jangtse­fluss gibt dieser Tage ein überaus klägliches Bild ab: Durch Rekord­hitze und die historisch niedrige Menge an Regenfällen ist er auf einen Bruchteil seiner Größe geschrumpft, beide Uferenden haben Sand­bänke von der Breite mehrerer Fußball­felder freigelegt.

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Die Volksrepublik China leidet derzeit unter der schlimmsten Hitze­welle seit über sechs Jahrzehnten. In vielen Landesteilen überschreiten die Thermometer seit über zwei Monaten bereits die 40-Grad-Grenze, insbesondere im Südwesten wird die unerträgliche Schwüle noch mindestens eine Woche anhalten. Die Behörden haben dieses Jahr rund doppelt so viele Hitze­warnungen ausgegeben wie sonst üblich. Und es zeigt sich, dass die Folgen der globalen Erwärmung in der Volksrepublik längst kein Luxus­problem mehr sind, sondern den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes empfindlich gefährden.

Preise für Polysilizium und Lithium sind bereits gestiegen

In der südwestlichen Provinz Sichuan, deren 81 Millionen Einwohner ganz besonders stark von Wasserkraft abhängen, sind die Auswirkungen riesig. Etliche Fabriken mussten aufgrund der Strom­rationierungen bereits ihre Produktion drosseln, darunter Werke von Volkswagen und dem Apple-Zulieferer Foxconn.

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Ebenfalls betroffen ist ein Standort von Contemporary Amperex Technology Limited (CATL), dessen Betrieb derzeit vollständig suspendiert ist. Da das Unternehmen nahezu ein Drittel aller weltweit produzierten Lithium-Ionen-Batterien für Elektro­fahrzeuge herstellt, wird die Schließung mit etwas Verzögerung auch Auswirkungen auf die globalen Liefer­ketten haben. Bereits jetzt sind die Preise für Polysilizium und Lithium gestiegen.

Für Chinas heimische Wirtschaft hat die Hitze­welle einen Domino­effekt ausgelöst, der sich über Monate hinziehen wird. Die angeschlagene Stahl­produktion wird den Bausektor nachhaltig lähmen, und auch die zurück­gehende Herstellung von Dünge­mitteln verschärft die Lage für die Landwirtschaft bis mindestens zur nächsten Ernte­saison.

Verzweifelter Wettlauf mit der Zeit

Wie groß der gesamt­wirtschaftliche Schaden sein wird, lässt sich bereits vage abschätzen. Ein Richtwert ist der Verglich zum letzten Jahr, als ebenfalls eine durch Hitze induzierte Strom­knappheit laut Ökonomen mindestens einen halben Prozent­punkt vom Jahres­wachstum geschröpft hat. Laut jetzigem Wissens­stand geht die Hang Seng Bank mit Sitz in Hongkong davon aus, dass die Folgen diesmal rund dreifach so drastisch ausfallen werden – voraus­gesetzt, dass die hohen Temperaturen nicht noch länger als erwartet anhalten werden.

Auf Chinas sozialen Medien wächst unlängst die Anzahl an Debatten, die sich mit den Folgen des globalen Klimawandels auseinandersetzen. „Im Norden nehmen die Niederschläge zu und im Süden die Dürre. Beginnt der große Klimawandel?“, fragt etwa ein Nutzer auf der Online­plattform Weibo. Doch seine Sorge wird erst allmählich vom Mainstream der Gesellschaft geteilt. Bis vor wenigen Jahren nämlich porträtierten die offiziellen Staatsmedien den Klimawandel als höchst abstraktes, in der Ferne liegendes Problem, das nicht den Alltag der Chinesen direkt betrifft – offenbar aus Angst vor Protest­bewegungen á la Fridays for Future, die vom Zensur­apparat vollständig verschwiegen werden.

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Dennoch hat sich innerhalb des Staatsapparats in den letzten Jahren ein Paradigmen­wechsel vollzogen. Spätestens seit den historischen Rekordfluten von 2021, als auf die zentralchinesische Provinz Henan innerhalb weniger Stunden die Regenmassen eines durchschnittlichen Halbjahres einprasselten, spricht die Regierung ganz offen davon, dass China überproportional von den Folgen des Klimawandels betroffen ist. Seit Jahren arbeiten heimische Stadtplaner an Konzepten, wie sie die Metropolen des Landes an die immer extremeren Wetterlagen anpassen können.

Doch die langfristigen Bemühungen wirken dieser Tage wie ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit. Die Hitze­wellen werden im Zuge der globalen Erwärmung immer häufiger auftreten und länger andauern, sagte erst kürzlich Chen Lijuan, Chef­prognostiker der nationalen Wetter­behörde, der Staats­zeitung „China Youth Daily“.

Doch es ist nicht nur eine Hitze­welle, die das Land plagt, sondern mehrere, simultane Extrem­wetter­lagen: Während etwa die Lokal­regierung der nördlichen Provinz Hebei mithilfe von Flugzeugen Silberiodid in den Himmel sprühen lässt, um künstlich Regen auf die ausgetrockneten Felder zu provozieren, sind im Landkreis Datong am Mittwoch­abend mindestens 17 Menschen von blitzartigen Sturzfluten ums Leben gekommen.

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