RND-Interview

Schlagerstar Andrea Berg: „Auch bei uns brennt nicht jeden Tag der Himmel“

Fühlt sich gerade wie im Schleudergang: Sängerin Andrea Berg.

Fühlt sich gerade wie im Schleudergang: Sängerin Andrea Berg.

Hannover. Andrea Berg, Sie finden immer so schöne sprachliche Bilder für den Beischlaf. „Komm, lass uns heut‘ Nacht wieder Funken sprühen, bis der ganze Himmel brennt“ singen Sie beispielsweise in „Ich würd‘s wieder tun“.

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Cool, oder? (lacht) Ich bin einfach hoffnungslos romantisch. Das wird sich auch nie ändern. Ich schreibe immer schon sehr gerne diese poetischen, romantischen, Zeilen. Ich kann mich da richtig austoben.

Ist es schwierig, gerade im Schlager, die richtigen Worte über Sex zu finden?

Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Mir macht das wirklich sehr viel Spaß. Und das wird bestimmt auch immer so bleiben. Das Einzige, was ich zum Kreativsein brauche, ist meine Fantasie.

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Das reale Leben reicht dazu nicht?

Na ja, Uli und ich, wir sind ja jetzt schon seit fünfzehn Jahren verheiratet. Auch bei uns brennt natürlich nicht jeden Tag der Himmel. Umso wichtiger ist es, dass du als Paar die Romantik am Leben erhältst, das muss wirklich unbedingt sein.

Was haben Sie beide da für Tricks?

Ich singe Uli was vor. Nein, Quatsch! (lacht) Wir achten vor allem sehr darauf, dass wir bei allem beruflichen Stress auch noch den ganz normalen Alltag leben. Und dass wir uns Freiräume schaffen, um Sachen bewusst als Paar zusammen zu machen. Gerade in der Pandemiezeit war es sehr wichtig, dass das normale Leben für mich und für uns weiterging. So bestand nie die Gefahr, dass ich, wie so viele andere, in ein schwarzes Loch falle, weil ich nichts mehr mit mir selber anzufangen wusste. Auch wenn mir die persönlichen Begegnungen sehr gefehlt haben.

Sie konnten keine Konzerte spielen, Ihr Hotel war monatelang geschlossen, auch Ihr Mann konnte seiner Arbeit als Sportmanager und Spielerberater zeitweise nur eingeschränkt nachgehen.

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Auf der einen Seite war das natürlich eine riesengroße Herausforderung – alle unsere beruflichen Säulen waren betroffen: Hotel, Fußball, Events, meine Arbeit als Künstlerin. Ich hatte mir noch kurz vor der Pandemie im KaDeWe eine schöne Handtasche gekauft, auf die ich mich schon lange sehr gefreut hatte. Plötzlich konnte ich nirgendwo mit dieser Tasche hingehen. Also habe ich sie vorn in den Flur gestellt, wie so ein Mahnmal, und gedacht: „Eines Tages werden wir zusammen unterwegs sein“.

Es gab aber auch positive Aspekte?

Absolut. Wir haben die Ruhe sehr genossen. Wir haben angefangen, mit unseren Alpakas zu wandern, und konnten auch mal intensiv in uns selbst eintauchen, um festzustellen, dass wir zwei, mein Mann und ich, auch ohne Ablenkungen und Störgeräusche prima miteinander klarkommen. Wir können die Stille gut aushalten. Die Erkenntnis, wie wunderbar wir harmonieren, nehmen wir auf jeden Fall positiv aus der Zeit mit. Ich denke, es ist uns gelungen, aus einer schlimmen Situation einen Glücksfall zu machen.

Wandern Sie beide allein mit den Alpakas?

Erstmal mussten wir das wirklich lange allein trainieren. Dafür brauchst du richtig Zeit und musst einfach jeden Tag zu Hause sein. Es war wirklich schön, dass ich jeden Tag in den Stall gehen und mir ohne jegliche Ablenkung Zeit für die Tiere nehmen konnte.

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Wie trainiert man Alpakawandern?

Uli und ich sind zunächst allein ganz lange mit den Tieren spazieren gegangen. Die Ruhe, die die Alpakas ausstrahlen und mit der sie dich quasi anstecken, haben wir dabei sehr genossen. Im Grunde ist so eine Alpakawanderung wie eine Meditation. Inzwischen bieten wir das auch unseren Hotelgästen an.

Jetzt gerade ist aber wieder richtig viel los bei Ihnen. Vor wenigen Wochen haben Sie zwei „Heimspiel“- Konzerte gegeben, Sie veröffentlichen ein neues Album und feiern live an zwei Abenden vor insgesamt 35.000 Menschen in Aspach Ihr Jubiläum „30 Jahre Andrea Berg“, das auch im Fernsehen ausgestrahlt wird.

Ja, gerade ist es für mich wie im Schleudergang in der Maschine. Aber ich genieße das, und wir haben ja auch wirklich richtig was zu feiern.

Vor 30 Jahren hätten Sie sich so eine Karriere wohl kaum vorstellen können, oder?

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Nein, ganz und gar nicht. Ich habe in der Kassenärztlichen Vereinigung in Krefeld gesessen, habe als Arzthelferin dort meinen Job gemacht und bin abends oder am Wochenende auf die Bühne und ins Studio gegangen. Bis heute betrachte ich die Musik als jenes Hobby, das sie damals war. Und ich dosiere meine Arbeit so, dass ich mich auf jeden Auftritt, auf jedes Konzert und auf die Begegnungen mit meinen Fans richtig freue.

Gab es den Plan, „30 Jahre Andrea Berg“ richtig zu zelebrieren, schon lange?

Die Idee, ein Album zu machen, auf dem ich zusammen mit vielen lieben Kolleginnen und Kollegen meine großen Hits als Duette völlig neu interpretiere, aber auch neue Songs schreibe, die ist tatsächlich nicht neu. Während Corona hat sich dann der Wunsch noch verstärkt, dass wir das Leben wirklich feiern müssen, in jedem Augenblick. Waren wir denn nicht alle unglaublich ausgehungert nach Begegnungen? Der Mensch ist ja auch nicht als Einzelgänger konzipiert worden. Wir verkümmern, wenn wir uns nicht berühren und nicht austauschen, uns nicht in anderen Menschen spiegeln können.

Ein kleiner Tritt in den Allerwertesten

Sie sind nicht erst seit gestern bekannt für Ihren unerschütterlichen Optimismus. Wie schaffen Sie es, selbst die schwierigsten Situationen immer wieder ins Positive zu drehen?

Unterm Strich ist es meine tiefe Überzeugung, dass wir das Beste aus allem machen sollten. Jeder Augenblick ist eine Premiere, und vielleicht ist es wirklich meine Aufgabe, manchen einen kleinen Tritt in den Allerwertesten zu geben und zu sagen: „Hört doch mal auf zu jammern“.

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Sind wir zu negativ?

Nicht alle, aber doch viele von uns laufen in so einer Lethargie schlaftrunken durch die Gegend, und wenn sie was sagen, dann meckern sie. Dann heißt es: „Heute habe ich Kopfschmerzen.“ Nur: Wenn wir am nächsten Tag keine Kopfschmerzen mehr haben, dann freuen wir uns nicht darüber, sondern halten es für selbstverständlich.

Ist Ihr Eindruck, dass heute mehr gejammert wird als früher?

Eigentlich zunächst mal ja. Aber ich habe auch das Gefühl, dass gerade ein Lernprozess stattfindet. Bei den „Heimspiel“-Konzerten Mitte Juli habe ich deutlich gespürt, dass die Menschen sich wirklich freuen, dass sie dankbar und euphorisch sind. Vielen von uns ist bewusster geworden, wie wichtig es ist, das Leben zu schätzen. Vielleicht hat sich doch der eine oder andere wachrütteln lassen und beschlossen, dass die Zeit zu wertvoll ist, um Dinge aufzuschieben oder einfach laufenzulassen. Nichts ist selbstverständlich im Leben, und niemand weiß, wie lange er bleiben kann.

Brauchten wir erst eine Extremsituation wie eine Pandemie um zu merken, wie gut es uns eigentlich geht?

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Ja, so scheint es, und ich würde mir wünschen, dass wir wirklich etwas aus dieser Situation mitgenommen haben. Vielleicht gehen wir jetzt ehrfürchtiger mit den Dingen und auch mit Menschen um. Gerade, wenn ich mir anschaue, wie sehr die Menschen in der Ukraine leiden, muss ich doch sagen, dass wir hier auf einem sehr hohen Niveau jammern.

Denken Sie, dass Ihre Arbeit in harten Zeiten besonders wichtig ist?

Unbedingt. Für mich ist es sehr schwer, Unterhaltung zu machen, wenn ich immer mit einem Auge sehe, was alles passiert und mich natürlich auch damit beschäftige. Man kann dabei sehr schnell in dieses Gefühl „Was mache ich hier eigentlich für einen banalen Quatsch?“ rutschen. Aber dann sehe ich an den Reaktionen der Fans, wie viel ihnen meine Musik bedeutet. Einer meiner wichtigsten Songs auf dem neuen Album ist der „Sternenträumer“ mit meinem lieben Freund DJ Ötzi, in dem es darum geht, dass der Tod dir einen geliebten Menschen wegnimmt. Die Menschen halten sich an meiner Musik fest. Sie brauchen meine Lieder als Ankerpunkte für ihre Trauer, aber auch für ihre Hoffnung. Deswegen sollte man nicht sagen „Unterhaltungsmusik ist in dieser Zeit nicht angemessen“. Die Seele muss sich schließlich auch mal ausruhen können.

Kann Musik gesellschaftlich etwas bewirken?

Natürlich kann sie das. Ich finde es bescheuert, zu sagen, wir können sowieso nichts ändern. Wir sollten versuchen, bei uns selbst, im Kleinen anzufangen. Jeder Mensch kann etwas bewegen, und ein Meer aus Tropfen ist ein Ozean.

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Viele Ihrer Lieder handeln vom Sich-Aufrappeln. Warum ist das so wichtig?

Es immer wieder neu zu versuchen, auch nach Enttäuschungen, macht uns Menschen doch aus. Ja, du hast mich tausendmal belogen, du hast mich tausendmal verletzt, aber am Ende würde ich es immer wieder tun. Wir Menschen brauchen die Liebe. Ohne Liebe sind wir nur Roboter.

Welches der Duette auf „Ich würd‘s wieder tun“ bedeutet Ihnen selbst am meisten?

Sie bedeuten mir alle viel, aber ein großer, wahrgewordener Traum ist es gewesen, zusammen mit Al Bano „Sharazan“ zu singen. Ich war 15, 16, als Al Bano und die verdammt hübsche Romina Power dieses wahnsinnig romantische Lied sangen. Romina war eine solch wunderbare Prinzessin. Als ich sie sah, wusste ich, dass ich auch auf der Bühne stehen will. Als ich Al Bano vor einem Jahr bei einer Fernsehshow zum ersten Mal traf, habe ich ihm auch gesagt, er sei der Auslöser gewesen, dass ich angefangen habe, zu singen.

Was ist für Sie das Besondere an Duetten?

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Es ist doch wirklich das Beste, wenn Menschen zusammenkommen und miteinander Musik machen. Als ich vor zehn Jahren Lionel Richie kennenlernte und er mir sagte „Komm‘ doch bei meiner Deutschlandtournee zu mir auf die Bühne und sing mit mir ‚Hello‘“, habe ich erst noch gezögert, weil ich dachte, das finden die Deutschen nicht gut. Und er meinte mit einem Lachen: „Ihr Deutschen seid ja auch bescheuert, denkt musikalisch immer in Schubladen.“ Lionel hatte Recht. Es gibt wirklich kaum etwas Schöneres, als sich gegenseitig zu unterstützen. Das Glück wird wirklich größer, wenn wir es teilen.

Diese Zeile singen Sie gemeinsam mit Ihrer Schwiegertochter Vanessa Mai in „Unendlich“. Ihnen wurde oft eine gewisse Rivalität nachgesagt. Ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um ein Lied zusammen zu machen?

Wir sind keine Rivalinnen. Wir sind eine Familie. Wir unterstützen uns und stehen uns zur Seite. Als wir entschieden, dieses Jubiläumsalbum zu machen und ich aufzählte, wen ich alles dabeihaben will, war natürlich auch Vanessa mit dabei. Es käme mir total unnatürlich vor, wenn meine Schwiegertochter nicht auf diesem Album wäre. Und dieser Song, der von Solidarität und von Zusammenhalt handelt, ist wirklich eine Steilvorlage.

Was ist die Aussage des Songs?

Dass es nicht nötig und nicht möglich ist, immer perfekt zu sein. Weder für sich selbst, noch für den Partner oder die Partnerin. Das macht nur Stress. Um geliebt zu werden, ist es viel wichtiger, du selbst zu sein und dich nicht zu verstellen. Täglich werden Menschen beleidigt oder öffentlich heruntergemacht. Gerade in dieser Zeit ist der Song wirklich wichtig, und vielleicht stupst er manche an, aufeinander zuzugehen und sich trotz aller Schrammen und Macken an die Hand zu nehmen.

Nach dem Stress rund um die Show und das Album gehen Sie im August mit Ihrer Mutter und ihrer Tochter auf Safari.

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Oh ja, die Vorfreude ist schon riesengroß. Meine Mama liest jeden Tag irgendwelche Reiseführer und erzählt uns dann, was uns erwartet.

Gemeinsamer Auftritt: Andrea Berg (rechts) und Schwiegertochter Vanessa Mai beim Konzert in Aspach.

Gemeinsamer Auftritt: Andrea Berg (rechts) und Schwiegertochter Vanessa Mai beim Konzert in Aspach.

Ein Herz für Alpakas

Bevor Andrea Berg als Sängerin erfolgreich war, arbeitete die gebürtige Krefelderin als Arzthelferin. 1992 veröffentlichte Berg, Jahrgang 1966, ihr Debütalbum „Du bist frei“. Seitdem kommen regelmäßig Alben heraus, die meist ebenso regelmäßig Gold-oder Platinstatus erreichen. Insgesamt hat die Schlagersängerin in dieser Zeit 15 Millionen Tonträger verkauft. Gerade ist ihr neues Album „Ich würd‘s wieder tun“ erschienen. Darauf hat sie neben acht neuen Songs ihre großen Hits aufgenommen – und hat dazu zahlreiche Kollegen und Kolleginnen eingeladen wie Giovanni Zarrella, Beatrice Egli, Kerstin Ott, Johnny Logan, Al Bano und Vanessa Mai, die ihre Schwiegertochter ist.

Mit ihrem Mann, dem Sportmanager und Hotelier Uli Ferber, Tochter Lena und einer großen Patchworkfamilie lebt Berg im schwäbischen Aspach. Zum dortigen Hotel der Familie gehören auch zahlreiche Tiere, unter anderem Alpakas.

Zu ihrem 30-jährigen Schlagergeburtstag hat die Sängerin nun nicht nur ein neues Album aufgenommen. Sie feierte in der vergangenen Woche live an zwei Abenden vor insgesamt 35.000 Menschen „30 Jahre Andrea Berg“. Das ZDF zeigt die Show am 6. August.

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