Unverständnis über Abschaltung

Warum Polens Opposition deutsche Atom­kraft­werke pachten möchte

Die Türme des Kernkraftwerks Grohnde in Niedersachsen.

Die Türme des Kernkraftwerks Grohnde in Niedersachsen.

Es war ein merkwürdiger Vorschlag, den der polnische Oppositions­politiker Adrian Zandberg in der jüngsten Debatte um mögliche Lauf­zeit­verlängerungen deutscher Kern­kraft­werke machte: „Wenn Deutschland diese Kraftwerke nicht nutzen will, sollte die polnische Regierung anbieten, sie zu pachten. Die Schließung der Kernkraftwerke ist eine Klima­verschwendung, die nur Gazprom und dem Regime im Kreml in die Hände spielt“, kommentierte Zandberg, der der polnischen Linkspartei Lewica Razem angehört, einen Artikel der Zeitung „Die Welt“. Dort hieß es, dass die deutschen AKWs grundsätzlich weiter betrieben werden könnten. Deutsche Politiker haben das aber ausgeschlossen.

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Für Polen ist das kurios. Denn im Gegensatz zu Deutschland haben die Nachbarn im Osten eine positive Einstellung zur Kernkraft. Da diese Energiequelle emissionsfrei Strom produziert, ist sie nach Ansicht vieler polnischer Experten ein guter Ersatz für die im polnischen Energiemix dominierende Kohle. Bis zu 70 Prozent der polnischen Elektrizität stammt aus Kohlekraftwerken.

Polen hat allerdings noch kein eigenes Atomkraftwerk – und sucht händeringend nach Partnern, die insgesamt sechs neue Reaktoren für das Land bauen sollen. Die Kernkraft soll die desaströse Klimabilanz Polens retten und den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energie­quellen ermöglichen. Laut der Energiestrategie der polnischen Regierung soll der erste Reaktor bereits 2033 mit der Strom­produktion beginnen. Polen führt aktuell Gespräche mit Atom­kraft­konzernen aus Frankreich, Südkorea und den USA. Über die Auftragsvergabe soll demnächst entschieden werden.

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Irritation über deutsche Sicht: Warum sollten Kernkraftwerke abgeschaltet werden?

Die polnische Öffentlichkeit ist seit Jahren über die Abschaltung von Atomkraftwerken vor dem Hintergrund der Notwendigkeit von Klimaschutz und Energie­sicherheit irritiert. Diese Irritationen haben sich nach der Invasion Russlands in der Ukraine am 24. Februar noch weiter verstärkt. Die Gazeta Wyborcza, die dem links-liberalen Lager zuzuschreiben ist, fragte sogar, ob Deutschland nicht zufällig das Gehirn verloren hätte.

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Zandberg sprach auch deswegen am 16. Juli in Berlin vor. „Die Entscheidung Deutschlands, von der Kernenergie auf Kohle umzusteigen, steht im Widerspruch zu den gesamt­europäischen Klimazielen. Unserem Kontinent steht ein schwieriger Winter bevor. Putin wird sich darum kümmern. Wenn das Energie­system eines EU‑Landes ins Wanken gerät, werden wir alle die Kosten dafür tragen müssen.“ sagte der medienaffine polnische Oppositions­politiker.

Polen berät über Pachtung deutscher Kernkraftwerke

In dieser Woche nun wurde über die Pacht deutscher Atomkraft­werke sogar in einem polnischen Parlaments­ausschuss beraten. Der Ausschuss für EU‑Angelegenheiten befasste sich mit diesem Thema. Den Vorsitz hatte der Abgeordnete der Regierungs­partei PiS Kacper Plazynski. Er eröffnete die Sitzung mit dem Hinweis, dass die deutsche Energiepolitik enorme Auswirkungen auf das gesamte europäische Stromnetz haben wird.

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„Ein Vertreter des polnischen Ministeriums für Klima und Umwelt wies darauf hin, dass die deutschen Treibhausgasemissionen um etwa 30 Prozent niedriger ausgefallen wären, wenn Deutschland die in den letzten 20 Jahren stillgelegten Kernkraftwerke weiter betrieben hätte. Im Gegensatz dazu hätte die Entscheidung, drei Kernkraftwerke im Jahr 2021 abzuschalten, diese Emissionen um 4,5 Prozent erhöht“, gab der prominente Energieexperte Jakub Wiech seine Eindrücke von der Ausschuss­sitzung wieder.

Polen soll sich bereiterklären, diese AKWs zu übernehmen, um das Klima und die Energie­solidarität zu retten.

Maciej Konieczny,

Lewica/Razem

Im Verlauf der Ausschuss­sitzung wurde vor allem aus dem Oppositions­lager mehrfach die Forderung an die polnische Regierung laut. „Polen soll sich bereiterklären, diese AKWs zu übernehmen, um das Klima und die Energie­solidarität zu retten“, forderte Maciej Konieczny von Lewica Razem.

Der Energieexperte Wojciech Jakóbik hat ebenfalls an dieser Ausschuss­sitzung teilgenommen und hatte den Eindruck, dass die gesamte Diskussion das Ziel hat, zumindest die letzten drei deutschen Atomkraftwerke nicht abzuschalten. Die Abschaltung dieser AKWs könnte die Energie­sicherheit Europas in Gefahr bringen und ergebe klima­politisch gar keinen Sinn. „Die polnische Seite ist überzeugt davon, dass zumindest die Beibehaltung der letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland, eine Sache der Verantwortung für unsere gemeinsame Energie­sicherheit ist. Es geht auch um die Glaub­würdig­keit der Klimapolitik, die durch die Rückkehr zur Kohle besonders gefährdet ist“, meint Jakóbik.

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