Statistiker legen Prognose vor

Deutschland wird immer älter, und die Zahl der Erwerbstätigen sinkt

Die Zahl der Älteren in Deutschland steigt, die Zahl der Geburten geht zurück (Symbolbild).

Die Zahl der Älteren in Deutschland steigt, die Zahl der Geburten geht zurück (Symbolbild).

Berlin. Deutschland wird immer älter und damit wachsen die Herausforderungen in den Bereichen Erwerbstätigkeit und Pflege. So wird bis zum Jahr 2035 voraussichtlich die Zahl der Menschen, die 67 oder älter sind, um vier Millionen auf dann 20 Millionen steigen. Dagegen wird die Zahl der Erwerbsfähigen in den kommenden 15 Jahren um 1,6 bis 4,8 Millionen sinken.

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Das Durchschnittsalter steigt und liegt jetzt mit knapp 45 Jahren schon fünf Jahre höher als im Jahr der deutschen Einheit 1990. Die Lebenserwartung liegt aktuell bei 78,5 Jahren für Männer und 83 Jahren für Frauen.

Zu diesen Kernaussagen kommt die neue Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung, die das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag in Berlin vorstellte und die bis in das Jahr 2070 hineinreicht. Demnach wird die Zahl der ab 80-Jährigen bis Mitte der 2030er-Jahre relativ stabil bleiben und zwischen fünf und sieben Millionen betragen. Danach wird sie jedoch massiv zunehmen und zu einer wesentlich höheren Nachfrage nach Pflegekräften führen.

„Hat es seit 50 Jahren nicht gegeben“: Verband warnt vor Zusammenbruch des Pflegesystems

Hilferuf aus der Pflege: Nach Angaben des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe ist die Personalsituation so dramatisch wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Die Vorsitzende Bienstein warnt vor einem Zusammenbruch des Systems. Eine sichere und qualitativ hochwertige Pflege sei schon jetzt „kaum mehr möglich“.

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„Die Pflegebedürftigkeit wird in Ost- und Westdeutschland rapide ansteigen“, sagte Destatis-Bevölkerungsexperte Kasten Lummer voraus. Die Zahl der 80-Jährigen und Älteren werde im Jahr 2070 zwischen acht und zehn Millionen betragen, und schon heute kämen 55 Prozent aller Pflegebedürftigen aus dieser Altersgruppe.

Allerdings wird der Alterungsprozess nicht überall in Deutschland gleich ablaufen. In den westdeutschen Flächenländern und in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen steigt die Zahl derjenigen, die 67 und älter sind, stärker, nämlich bis 2040 um 28 bis 35 Prozent. Im Osten fällt dieser Zuwachs an älteren Menschen mit 10 bis 17 Prozent wesentlich geringer aus, aber nicht weil die Entwicklung besser ist, sondern weil dort die Bevölkerung schon jetzt deutlich älter ist.

Aktuell gehören in Deutschland 51,4 Millionen Menschen der Gruppe der Erwerbsfähigen im Alter von 20 bis 66 Jahren an, das sind 62 Prozent. Selbst bei weiterer hoher Zuwanderung aus dem Ausland wird es laut Prognose bis Mitte der 2030er Jahre zu einer Abnahme in dieser Gruppe von 1,6 Millionen Personen kommen. Bei niedriger Zuwanderung könnte das Minus sogar 4,8 Millionen betragen. Je nach Szenario wird so der Anteil der Erwerbsfähigen auf 54 bis 57 Prozent sinken.

Risiken für Arbeitsmarkt

„Unser Arbeitsmarkt steuert zweifelsohne auf ein großes Risiko zu“, sagte dazu Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsagentur, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Bereits jetzt sei fast jeder vierte Beschäftigte über 55 Jahre alt. „Die Arbeits- und Fachkräftesicherung ist das dominierende Zukunftsthema für den Arbeitsmarkt und den Wirtschaftsstandort Deutschland“, betonte Terzenbach.

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Die Unternehmen würden heute schon in fast allen Bereichen händeringend nach Personal suchen und trotz der wirtschaftlichen Unsicherheiten wachse die Beschäftigung deutlich. „Wir werden Ende des Jahres voraussichtlich noch auf knapp 35 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte kommen“, sagte der Arbeitsmarktexperte. Das sei ein Rekord. Aber in den nächsten Jahren müssten alle Kräfte gebündelt werden, um ein solches Niveau halten zu können.

Terzenbach sagte, um den Arbeits- und Fachkräftebedarf langfristig decken zu können, müssten verschiedene Stellschrauben bewegt werden. Neben weiterer Einwanderung müsse auch das vorhandene Potenzial im Land voll ausgeschöpft werden. Ein wesentlicher Hebel sei die Qualifizierung. „Allein 1,6 Millionen junge Erwachsene unter 35 haben in Deutschland keine abgeschlossene Berufsausbildung“, sagte der Arbeitsmarktexperte und fügte hinzu: „Je höher die Qualifikation, desto geringer ist das Risiko arbeitslos zu werden.“

Die Bevölkerung wächst durch Flucht und Zuwanderung

Ende 2021 lebten in Deutschland 83,2 Millionen Menschen, und die Zahl wird in diesem Jahr vor allem aufgrund der kriegsbedingten Zuwanderung aus der Ukraine auf gut 84 Millionen steigen. Aber ohne Zuwanderung würde die Bevölkerungszahl schon seit längerer Zeit schrumpfen, weil schon seit 1972 die Zahl der Gestorbenen die der Geborenen übersteigt. Gerade im laufenden Jahr gingen die Geburtenzahlen im bisher vorliegenden Zeitraum bis August um 8 Prozent gegenüber 2021 zurück.

Als Grund vermuten die Statistiker die Corona-Impfkampagne, die 2021 zunächst auf über 60-Jährige und besonders gefährdete Gruppen orientiert war. „Wahrscheinlich wollten viele junge Paare zunächst abwarten, wie sich die Pandemie entwickelt“, sagte Destatis-Referentin Olga Pötzsch. Zudem habe es lange Zeit keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission für Schwangere gegeben.

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