Newsletter „Klima-Check“

Gutes Klima am Roten Meer?

Allein der Anblick weckt Fernweh: Ein Badestrand in Scharm el Scheich, Ägypten. Das Klima spielt in den nächsten Wochen die entscheidende Rolle im Gipfelort.

Allein der Anblick weckt Fernweh: Ein Badestrand in Scharm el Scheich, Ägypten. Das Klima spielt in den nächsten Wochen die entscheidende Rolle im Gipfelort.

Liebe Leserinnen und Leser,

waren Sie schon mal zum Badeurlaub in Ägypten? 30 Grad am Strand, die verlockende Aussicht auf Schnorcheln im Roten Meer – wer würde da nicht in Ferienlaune kommen? Tatsächlich werden Mitte November Zehntausende Menschen in Richtung Urlaubsparadies Scharm el Scheich aufbrechen. Aber nicht verspätet in die Herbstferien, sondern zur Rettung des Weltklimas. In dem beschaulichen Touristenort mit rund 35.000 Einwohnern und Einwohnerinnen findet die nächste Weltklimakonferenz statt.

Vom 6. bis 18. November verhandeln die Länder der Erde dort, wie die Erderhitzung begrenzt und die Anpassung an den Klimawandel gelingen kann. In Scharm el Scheich werden über 45.000 Delegierte, Vertreter von NGOs, Klimaaktivisten und Journalisten aus aller Welt erwartet. Auf sie warten große Aufgaben – die Erde erhitzt sich immer weiter. Die COP 27, wie der 27. Klimagipfel auch genannt wird, soll vor allem die bisher versprochenen Milliarden an Klimafinanzierung für Schwellen- und Entwicklungsländer zusichern, die am meisten unter der Klimakrise leiden.

In unserem Faktencheck der Woche erklären wir: Was bedeutet das konkret? Und wie groß sind die Aussichten auf Erfolg, während Russlands Krieg in der Ukraine, die Energiekrise und unsichere Lebensmittelversorgung in vielen Teilen der Welt die Nachrichtenlage bestimmen?

 

Faktencheck der Woche

COP 27: Worum geht es in Ägypten?

Der ägyptische Vorsitz will sich um vier Ziele bemühen, um die Konferenz zum Erfolg zu führen:

  • Klimaschutzmaßnahmen verstärken, um die Welt doch noch auf einen 1,5-Grad-Pfad zu führen.
  • Anpassung an den Klimawandel soll an vorderster Stelle der globalen Maßnahmen stehen.
  • Fortschritte bei der Bereitstellung von jährlich 100 Milliarden US-Dollar Klimafinanzierung für vom Klimawandel besonders betroffene Staaten erzielen.
  • Die Zusammenarbeit von Regierungen, dem Privatsektor und der Zivilgesellschaft stärken.
Rekordhochwasser: Die Einwohner Pakistans kämpfen mit den Folgen einer verheerenden Flutkatastrophe, die rund ein Drittel des Landes unter Wasser gesetzt hat.

Rekordhochwasser: Die Einwohner Pakistans kämpfen mit den Folgen einer verheerenden Flutkatastrophe, die rund ein Drittel des Landes unter Wasser gesetzt hat.

Wie schlimm ist die Klimakrise?

Im Pariser Klimaabkommen 2015 – auf der COP 21 – haben sich die Unterzeichner darauf geeinigt, die Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst aber 1,5 Grad zu begrenzen. Der wissenschaftliche Grund: Bei 1,5 Grad ist die Wahrscheinlichkeit hoch, sogenannte Kipppunkte im Klimasystem der Erde zu überschreiten, ab denen sich der Klimawandel verselbständigen könnte, ohne dass der Mensch dann noch etwas dagegen unternehmen könnte.

Doch die Emissionen sinken nicht, sie steigen – bis Ende des Jahrhunderts könnte die Erde laut aktuellem Bericht des UN-Klimasekretariats auf eine Erhitzung von 2,5 Grad zusteuern. Also ein Grad mehr, als in Paris vereinbart. Das hätte verheerende Folgen für Mensch und Umwelt: Schon heute leiden viele Länder unter den Folgen der Klimakrise wie Starkregen und Überschwemmungen, Dürre, Hitzewellen und Ernteausfällen.

Besonders schlimm trifft es die Staaten des Globalen Südens. Pakistan zum Beispiel, wo derzeit aufgrund von Starkregenfällen nach einer großen Dürre ein Drittel des Landes unter Wasser steht. Das Land hat ähnlich wie Gastgeber Ägypten aber weniger zum Klimawandel beigetragen als die Industriestaaten im globalen Norden. Deutschland etwa ist der sechstgrößte Verursacher der Treibhausgasemissionen.

Fragen und Antworten: Was bringt die 27. Weltklimakonferenz?

Weltklimagipfel im Touristenziel: Bei der COP 27 im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich geht es um die Umsetzung der Klimafinanzierung.

Streit ums Klima: Um welche Diskussionspunkte wird es gehen?

Da die reichen Industrieländer maßgeblich für die Klimakrise verantwortlich sind, sollen sie Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern bezahlen, zum Beispiel im Bereich erneuerbare Energien. 2009 in Kopenhagen (COP 15) haben die Industriestaaten der Welt zugesagt, ab 2020 insgesamt 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr an Klimafinanzierung zu mobilisieren. Dieses Versprechen wurde aber nie eingehalten.

Ähnlich sieht es mit dem auf der Vorgängerkonferenz in Glasgow (COP 26) vereinbarten Vorhaben aus, dass die Staaten ihre nationalen Klimabeiträge bis zur COP 27 überarbeiten. Nur 24 Länder (von insgesamt 196) haben angepasste Pläne zur Emissionsreduktion vorgelegt, obwohl sich alle einig waren, dass dies nun geschehen müsse. Ägypten fordert die säumigen Staaten auf, ihre nationalen Minderungsziele zu überprüfen und aufzustocken.

Deutschland bei der COP 27: Was will die Bundesregierung auf dem Gipfel erreichen?

Außenministerin Annalena Baerbock, zuständig für internationale Klimapolitik, dämpft schon im Vorfeld die Erwartungen: Ein Erfolg sei für sie, wenn die Klimakonferenz angesichts der angespannten Weltlage überhaupt stattfindet. Es sei „in diesen Zeiten nicht automatisch gegeben, dass es ein Abschlussdokument gibt“, sagte die Grünen-Politikerin Mitte Oktober.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) besucht während ihrer Zentralasienreise eine Bergbauanlage in Usbekistan. Eines ihrer nächsten Reiseziele ist Ägypten.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) besucht während ihrer Zentralasienreise eine Bergbauanlage in Usbekistan. Eines ihrer nächsten Reiseziele ist Ägypten.

Je näher der Gipfel rückt, desto kämpferischer gibt sich die Bundesregierung: Es sei Teil der deutschen Verantwortung, Lösungen zu finden und internationale Solidarität zu zeigen, heißt es zu den Verhandlungszielen aus Regierungskreisen.

Weltklimakonferenz in Ägypten: Was sagen die NGOs?

Druck auf die Ampel, den Gipfel zum Erfolg zu führen, machen auch die Umweltverbände. BUND und die Deutsche Umwelthilfe erwarten von der Bundesregierung, sich auf der Weltklimakonferenz in Ägypten für den weltweiten Ausstieg aus Öl und Gas einzusetzen – und Klimafinanzierung für ärmere Staaten sicherzustellen. Human Rights Watch kritisiert die Menschenrechtslage im Gastgeberland. Vor Beginn des Gipfels wurden mehr als 300 Menschen festgenommen.

Und wie stehen die Klimaschützer von „Fridays for Future“ zur COP?

Die wohl berühmteste Klimaaktivistin Greta Thunberg wird dem Gipfel in Scharm el Scheich fernbleiben. Das liegt nicht nur daran, dass Ägypten von Schweden aus nur mit dem Flugzeug gut erreichbar ist. Thunberg nennt die Konferenz im Vorfeld ein „Forum für Greenwashing“. Die Klimagipfel seien „nicht wirklich dazu gedacht, das ganze System zu ändern“, sondern ermutigten stattdessen zu allmählichem Fortschritt, sagte die 19-Jährige bei einer Fragerunde zur Vorstellung ihres neuen Buches in London. Die Ikone der Klimabewegung kritisiert darüber hinaus eingeschränkte Möglichkeiten für zivilgesellschaftliche Beteiligung in Ägypten.

Wird nicht zur COP 27 reisen: Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Wird nicht zur COP 27 reisen: Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Zweifel am Sinn der Klimakonferenzen hat auch die deutsche Aktivistin und Mitbegründerin der „Fridays for Future“-Bewegung Luisa Neubauer. Bestenfalls werde die COP keine totale Katastrophe, hofft sie im RND-Interview.

Auch die Ankündigung von Coca-Cola, die COP 27 zu finanzieren, sorgt für Empörung: Der Konzern gehört zu den größten Müllverursachern und Treibhausgasemittenten des Planeten. Aktivisten wittern Greenwashing – und haben eine Petition gestartet, um künftige Werbepartnerschaften zu verhindern.

Greenwashing-Vorwürfe: Warum sponsert Coca-Cola den Weltklimagipfel?

Wenn Werbepartnerschaften für Empörung sorgen: Der Getränkegigant Coca-Cola ist ein riesiger Abfallproduzent – und Hauptsponsor des Weltklimagipfels.

Ziele der COP 27: Was wäre ein Erfolg der Konferenz?

Der Gipfel kann die Klimakrise wieder oben auf die Tagesordnung setzen. Trotz der Greenwashing-Vorwürfe gibt sich Ausrichter Ägypten optimistisch, im Laufe der Konferenz eine Reihe bilateraler Klimaschutz-Initiativen vorstellen zu können.

Der Klimawissenschaftler Mojib Latif fordert genau das: „Nach einem Vierteljahrhundert Klimadiplomatie“ müssten sich die Länder im Sinne einer „Allianz der Willigen“ zusammenschließen, die wirklich vorangehen wollen, sagt er im „Klima und wir“-Podcast des RND. Die Bildung eines „Klima-Clubs“ hatte Kanzler Olaf Scholz (SPD) Ende Juni mit den Staats- und Regierungschefs der G7 auf dem Gipfel in Schloss Elmau versprochen. In Ägypten sollen die Gespräche dafür vorangehen.

Dabei steht die Welt an einem Scheidepunkt: „Energiekrise und Klimakrise erfordern dieselben Antworten“, sagt Wolfgang Obergassel, Forscher für internationale Klimapolitik am Wuppertal-Institut. Einerseits lege das Mitte Mai von der EU-Kommission vorgestellte „Re-Power-EU Programm“ die Grundlagen, um energieautark zu werden. Andererseits würden in Reaktion auf die Energiekrise durch den russischen Angriffskrieg im Rekordtempo fossile Infrastrukturen wie Gasfelder, Pipelines und Flüssiggasterminals genehmigt und gebaut, „die in ihrer Betriebsdauer das 1,5-Grad-Ziel unmöglich machen“.

Obergassel hofft, dass die Konferenz einen politischen Moment schafft, bei dem Entscheidungsträger Rechenschaft über ihre Klimapolitik ablegen müssen.


Im Vorfeld der COP 27 in Scharm el Scheich wurde in Ägypten die größte Plastikmüllpyramide der Welt enthüllt: ein riesiges Bauwerk aus 18 Tonnen Abfall. Die Initiative 100YR Cleanup will in den nächsten 100 Jahren groß angelegte Müllsäuberungsaktionen finanzieren und die Verantwortung für das Problem des Einwegplastiks übernehmen. Die Pyramide steht in der westlichen Wüste Ägyptens vor den Toren Kairos.

Im Vorfeld der COP 27 in Scharm el Scheich wurde in Ägypten die größte Plastikmüllpyramide der Welt enthüllt: ein riesiges Bauwerk aus 18 Tonnen Abfall. Die Initiative 100YR Cleanup will in den nächsten 100 Jahren groß angelegte Müllsäuberungsaktionen finanzieren und die Verantwortung für das Problem des Einwegplastiks übernehmen. Die Pyramide steht in der westlichen Wüste Ägyptens vor den Toren Kairos.

 

Verbrauchertipp der Woche

Während im warmen Ägypten die Klimakonferenz läuft, halten Deutschland die Energiekrise und die Sorge vor einem kalten Winter in Atem. An welchen Stellschrauben Sie in Ihren eigenen vier Wänden drehen können, hat mein Kollege Sebastian Hoff in fünf praktischen Tipps zusammengefasst.

 

Der RND-Klima-Podcast

Bei all den bedrückenden Nachrichten von Klimakrise, Krieg und Pandemie kann man schnell negativ auf die Welt blicken. Resignation hilft uns aber nicht weiter. Ob Angst vor drohenden Extremwettern oder Wut über eine unzureichende Klimapolitik – an diesen Gefühlen könne man wachsen, sagt die Psychologin Lea Dohm, Gründerin der Psychologists for Future. In der neuen Folge des „Klima und wir“-Podcasts verrät sie, wie unsere Gefühle uns dabei helfen, ins Handeln zu kommen. Und warum gemeinschaftliches Handeln gegen die größte Krise unserer Zeit am meisten Hoffnung macht.

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Die gute Nachricht

In Brasilien hat der linke Kandidat Lula da Silva die Präsidentenwahl gewonnen. Hauchdünn zwar mit 50,9 Prozent, aber die Nachricht vom Sieg des Ex-Präsidenten über den rechtsextremen Amtsinhaber Jair Bolsonaro (49,1 Prozent) sorgt trotzdem für Aufatmen unter Umweltschützerinnen und Umweltschützern. Auf ihm ruhen nun die Hoffnungen des Restes der Welt, dass die Abholzung im Amazonasregenwald gestoppt wird, schreibt RND-Lateinamerika-Korrespondent Tobias Käufer. Schließlich hat Lula im Wahlkampf eine „Null-Abholzungs-Strategie“ angekündigt.

 

Aktuelle Hintergründe

 

Bild der Woche

31.10.2022, Berlin: Ein zerstörtes Fahrrad liegt auf der Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf. Drei Tage nach dem Unfall mit einem Betonmischer in Berlin ist die lebensgefährlich verletzte Radfahrerin für hirntot erklärt worden. Die 44-Jährige war am vergangenen Montag in der Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf von dem Lastwagen erfasst und überrollt worden. Der Unfall hat für bundesweites Aufsehen und Diskussionen gesorgt. Denn ein Spezialfahrzeug, das helfen sollte, die Verletzte unter dem Lkw zu befreien, stand nach Angaben der Feuerwehr in einem Stau auf der Stadtautobahn. Dieser soll durch eine Aktion der Klima-Protestgruppe «Letzte Generation» ausgelöst worden sein. Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein zerstörtes Fahrrad liegt auf der Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf. Die Klimaproteste der „Letzten Generation“ hatten Medienberichten zufolge offenbar doch keine Auswirkungen auf den Unfalltod einer Radfahrerin in Berlin. Das Spezialfahrzeug, das in dem durch die Proteste verursachten Stau feststeckte, sei laut eines internen Vermerkes der Feuerwehr gar nicht benötigt worden. Die Notärztin hatte sich für einen anderen Weg entschieden, die eingeklemmte Frau zu befreien. Die 44-Jährige war am vergangenen Montag in Wilmersdorf von einem Lastwagen erfasst und überrollt worden. Der Unfall hat bundesweit für Aufsehen und Diskussionen gesorgt.

 

Termine

Sonntag und Montag, 6. und 7. November: Der wohl wichtigste Termin in diesem Jahr: Die Weltklimakonferenz COP 27 im ägyptischen Scharm el Scheich beginnt. Am Sonntag wird sie eröffnet, ab Montag beginnen dann Staats- und Regierungschefs mit ihren Diskussionen.

Mittwoch, 9. November: Konferenz zu Klimaschutz und Energiesicherheit im Krankenhaus. Die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) hat ein Expertengremium einberufen und ein Strategiepapier zu nachhaltiger Gesundheitsversorgung definiert.

Donnerstag, 10. November: „Building Smart“-Forum zur Transformation der Bauwirtschaft. Themen sind unter anderem Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

 

Über die Ergebnisse der Klimakonferenz halten wir Sie natürlich auch nächste Woche wieder mit dem Klima-Check-Newsletter auf dem Laufenden.

Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gern direkt bei unserem Redaktionsteam: klima@rnd.de Wir freuen uns auf Ihr Feedback!

Mit klimafreundlichen Grüßen,

Maximilian Arnhold

 

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