Reportage aus dem umkämpften Land

Drei Monate Krieg: Wie Russland die Ukraine in Schutt und Asche legt

Nach den wochenlangen Angriffen sind weite Teile von Mariupol zerstört.

Nach den wochenlangen Angriffen sind weite Teile von Mariupol zerstört.

An einem Frühlingsabend weht Klaviermusik aus einem Wohnblock und vermischt sich mit entferntem Artilleriefeuer – surrealer Soundtrack in einem von Bomben zerstörten Viertel in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk. Ob im Norden, Süden, Westen oder Osten – in der Ukraine scheint der seit mehr als drei Monaten andauernde Krieg nie weit weg zu sein.

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Die Menschen in den Städten und Dörfern nahe der Front verstecken sich vor dem ständigen Beschuss in Kellern und kämpfen ohne Strom oder Gas – und oft auch ohne fließendes Wasser – ums Überleben. Aber selbst in Gebieten ohne schweren Beschuss heulen die Luftschutzsirenen als ständige Erinnerung daran, dass jederzeit eine russische Rakete einschlagen kann. Ausgangssperren und Kontrollpunkte sind allgegenwärtig, ebenso wie frische Gräber, Flüchtlinge und vom Krieg gezeichnete Landschaften, während Moskau seine Angriffe im Osten und Süden der Ukraine verstärkt.

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„Die Stadtbewohner versuchen, zu einem normalen Leben zurückzukehren, aber bei jedem Schritt stoßen sie entweder auf einen Bombenkrater oder ein zerstörtes Haus oder ein Grab im Hof“, sagt Andrij Pustowoj telefonisch aus Tschernihiw im Norden. „Zwar kocht niemand mehr Essen über einem Lagerfeuer oder trinkt Wasser aus einem Fluss, aber zu einem normalen Leben ist es noch ein weiter Weg.“

Tschernihiw lag zu Beginn der Krieges auf der Route der russischen Truppen auf ihrem Vormarsch nach Kiew. Es wurde schwer bombardiert, und nach Angaben von Bürgermeister Wladislaw Atroschenko ist die Hälfte der Gebäude beschädigt oder zerstört. Mindestens 700 Einwohner wurden getötet, ein Teil des Stadtparks ist heute ein Friedhof. Die Straßen seien jetzt größtenteils leer, die Hälfte der Geschäfte noch nicht wieder eröffnet und die öffentlichen Verkehrsmittel funktionierten noch nicht richtig, sagt der 37-jährige Ingenieur Pustowoj.

Der Zugverkehr nach Kiew wurde erst im Mai wieder aufgenommen, doch die Vertriebenen haben keine Eile, zurückzukehren. „Das Schlimmste ist, dass Russland und Belarus weiter in der Nachbarschaft von Tschernihiw bleiben, was bedeutet, dass einige der Einwohner, die zu Beginn des Krieges weggegangen sind, vielleicht nicht zurückkehren“, sagt Atroschenko.

Auf den Straßen von Kramatorsk, die Schaufenster mit Brettern vernagelt oder mit Sandsäcken geschützt, sind nur wenige Menschen zu sehen. Die Stadt im Osten wurde mehrmals getroffen, am schlimmsten am 8. April, als eine Rakete nahe dem Bahnhof einschlug, wo sich rund 4000 Leute zur Evakuierung versammelt hatten.

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Von einem Augenblick zum anderen verwandelte sich der Platz in einen Ort des Grauens: Leichen lagen auf dem blutverschmierten Pflaster inmitten verstreuten Gepäcks, 57 Menschen wurden getötet und mehr als 100 verletzt.

Kramatorsk ist eine der größten Städte im industriell geprägten Donbass in der Ostukraine, die nicht von russischen Truppen erobert wurde. Die Region ist seit 2014 Schauplatz von Kämpfen zwischen den von Moskau unterstützten Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen. Anderswo im Donbass bietet sich ein noch düstereres Bild.

Rjisa Rybalko floh aus dem Dorf Nowomychailiwka, wo sie wegen des ständigen Beschusses zunächst in einem Keller und dann in einem Luftschutzbunker einer Schule lebte. „Wir konnten drei Monate lang die Sonne nicht sehen“, sagt sie. „Wir sind fast blind, weil wir drei Monate im Dunkeln waren.“ Ein Dorfbewohner fuhr sie mit ihrer Familie in die Stadt Kjurachowe, wo sie auf einen Bus nach Westen wartet.

In der benachbarten Provinz Luhansk verließ die 83-jährige Lida Tschuhaj die schwer getroffene Stadt Lyman nahe der Front. „Asche, Trümmer, die nördlichen Stadtteile, die südlichen Stadtteile, alles in Ruinen“, erzählt sie in einem Zug, der von Pokrowsk nach Westen fährt. „Buchstäblich alles steht in Flammen: Häuser, Gebäude, alles.“

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Tschuhaj und anderen aus Lyman zufolge wurde ein Großteil der Stadt durch die Bombardierung in Schutt und Asche gelegt. Wer noch dort ist, versteckt sich in Schutzräumen. „Sie haben alles zerstört“, sagt Olha Medwedewa, die Tschuhaj im Zug gegenüber sitzt. „In dem fünfstöckigen Gebäude, in dem wir wohnten, ist alles weggeflogen – die Fenster, die Türen.“ In den Städten, die weiter von der Front entfernt liegen, sind so oft Luftschutzsirenen zu hören, dass nur wenige darauf achten.

Nachdem es den russischen Truppen in den ersten Wochen der Invasion nicht gelungen war, Kiew zu erobern, zogen sie sich in den Osten zurück, und die Einwohner strömten wieder in die Hauptstadt. Die nächtliche Ausgangssperre wurde um eine Stunde verkürzt, und die öffentlichen Verkehrsmittel fuhren länger. An den Tankstellen bilden sich lange Schlangen und die ukrainische Währung, die Hrywnja, hat sich von 27 zu Beginn des Krieges auf 37 im Vergleich zum Dollar abgeschwächt.

„Die Ukraine wird zerstört – nicht nur von russischen Bomben und Raketen“, sagt Wolodymyr Sidenko, Experte bei der Denkfabrik Razumkov Centre in Kiew. „Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts und die drastische Reduzierung der Einnahmenseite des Haushalts sind bereits heute für jeden Ukrainer spürbar. Und das ist erst der Anfang.“

Doch die Nationaloper in Kiew hat in der vergangenen Woche ihre Aufführungen in Kiew wieder aufgenommen, wobei die Zuschauer über den schnellsten Weg zum Luftschutzbunker informiert wurden. Russische Opern sind auf dem Programm nicht zu finden. Und einige Restaurants, Cafés und Geschäfte in Städten wie Odessa und Saporischschja haben wieder geöffnet.

Nach Lwiw in der Westukraine, rund 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, kamen mehr als 300 000 Kriegsflüchtlinge. Täglich kommen rund 1000 weitere am Bahnhof an.

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„Wir beurteilen die Intensität der Kämpfe im Osten nicht nach den Nachrichten, sondern nach den Flüchtlingsströmen, die in den vergangenen Wochen wieder zugenommen haben“, sagt die 35-jährige Chemielehrerin Alina Guschtscha, die als Freiwillige am Bahnhof Neuankömmlingen hilft. Hotels, Campingplätze, Universitäten und Schulen haben schon lange keinen Platz mehr, und die Stadt errichtete im Stadtpark provisorische Unterkünfte, die Frachtcontainern ähneln.

„In den Monaten des Krieges habe ich gelernt, mich über jeden Tag ohne Beschuss und Bombardierung zu freuen“, sagt die 59-jährige Halina Schtscherbin vor ihrem Wohncontainer, wo sie mit ihrer Tochter und zwei Enkelinnen lebt. Kramatorsk verließen sie einen Tag vor dem tödlichen Raketenangriff.

Auch Lwiw wird regelmäßig von Russland bombardiert, weil es das Tor für westliche Militärhilfe ist. Seine architektonischen Schätze in der Altstadt wie die Boim-Kapelle und die Lateinische Kathedrale sind mit Blechen oder Sandsäcken geschützt.

Auch in den Städten der Südukraine, nicht weit von der 2014 von Moskau annektierten Krim, flammt der Krieg immer wieder auf. Teile der Stadt Mykolajiw werden häufig angegriffen, die Straßen sind meist leer und die Geschäfte geschlossen. In einigen Vierteln sind die Narben des Krieges deutlich zu sehen: Explosionsspuren auf den Bürgersteigen, ausgebrannte Geschäfte, Granatsplitter in Mauern. Das russisch besetzte Cherson liegt nur 58 Kilometer östlich.

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Im Dorf Welyka Kostromka südlich der Stadt Krywyj Rih versuchen die verbliebenen Einwohner trotz des gelegentlichen Beschusses weiterzumachen. Mindestens 20 Häuser wurden kürzlich beschädigt, drei davon sind zerstört. Eine Frau und ihre drei Kinder kamen knapp mit dem Leben davon. Stunden später ist ein Bauer schon wieder auf seinem Kartoffelfeld und begutachtet einen kleinen Bombenkrater. Dann zuckt er mit den Schultern und harkt darüber.

RND/AP

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