Rekonstruktion der Ereignisse

Ein Verrat in 187 Minuten: Wie Donald Trump am Fernseher fasziniert den Kapitolssturm verfolgte

„Wir hatten eine Wahl, die uns gestohlen wurde.“ Im Untersuchungsausschuss des Kongresses wurde jener Videoclip vorgespielt, mit dem sich Donald Trump am 6. Januar 2021 an seine Anhänger wandte. Den im Manuskript vorgesehenen Aufruf zum sofortigen Rückzug verlas er nicht.

„Wir hatten eine Wahl, die uns gestohlen wurde.“ Im Untersuchungsausschuss des Kongresses wurde jener Videoclip vorgespielt, mit dem sich Donald Trump am 6. Januar 2021 an seine Anhänger wandte. Den im Manuskript vorgesehenen Aufruf zum sofortigen Rückzug verlas er nicht.

Washington. Der wilde rechte Mob hatte die Absperrungen um das Kapitol überrannt und war gewaltsam in das Parlament eingedrungen, in dessen Nähe die Polizei zwei Rohrbomben fand. Verzweifelt riefen Agenten des Secret Service in ihrem vom Weißen Haus mitgehörten Funkverkehr um Hilfe und verabschiedeten sich in Todesangst von ihren Familien. Da endlich wandte sich Donald Trump mit einem Tweet an seine marodierenden Anhänger.

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Der amerikanische Präsident hatte jenen 6. Januar 2021, an dem das Wahlergebnis des vorigen Novembers im Kongress offiziell bestätigt werden sollte, mit einer Rede vor dem Südgarten des Weißen Hauses begonnen, in der er die teils bewaffnete Menge aufforderte, zum Kapitol zu gehen und dort „wie der Teufel zu kämpfen“. Anschließend war er widerstrebend zurück in seinen Amtssitz gefahren worden, wo er am Kopfende eines Tisches seines Esszimmers sitzend von 13.25 Uhr bis 16 Uhr auf dem Fernsehen an der Wand die Live-Berichterstattung seines Senders Fox News über die Krawalle verfolgte.

„Hängt Mike Pence!“ forderte der Mob

Vergeblich hatten ihn enge Mitarbeiter und Vertraute mehrfach gedrängt, die Gewalt zu verurteilen. Um 14.24 Uhr meldete er sich endlich bei Twitter. Doch seine Botschaft fiel verheerend aus. „Mike Pence hat nicht den Mut, das zu tun, was heute gemacht werden soll, um unser Land und unsere Verfassung zu schützen“, beklagte er sich, dass sein Stellvertreter das Wahlergebnis nicht einfach für nichtig erklärte. Daraufhin wurde der Mob um das Kapitol richtig wütend. „Hängt Mike Pence!“ forderte die Meute.

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„Das war das Letzte, was in diesem Moment angebracht war“, beschreibt Sarah Matthews, die in der Pressestelle des Weißen Hauses arbeitete, ihre damalige entsetzte Reaktion: „Er hat diesen Leuten grünes Licht gegeben.“ Das empfand Matt Pottinger, der Vize-Sicherheitsberater des Präsidenten, genauso: „Er hat noch Öl ins Feuer gegossen.“ In diesem Moment entschloss sich Pottinger zum Rücktritt.

Belasteten Trump schwer: Ex-Pressesprecherin Sarah Matthews und Ex-Vize-Sicherheitsberater Matt Pottinger bei der Anhörung im Untersuchungsausschuss.

Belasteten Trump schwer: Ex-Pressesprecherin Sarah Matthews und Ex-Vize-Sicherheitsberater Matt Pottinger bei der Anhörung im Untersuchungsausschuss.

Es waren hoch dramatische, schicksalhafte Szenen, die der Untersuchungsausschuss des US-Kongresses am Donnerstag aus unzähligen Zeugenaussagen, Audiomitschnitten und sonstigen Dokumenten rekonstruierte. Für jene 187 Minuten, die zwischen dem Ende der morgendlichen Trump-Rede und einem Video-Aufruf des Präsidenten zur Beendigung des Kapitolsturms am Nachmittag verstrichen, gibt es nämlich keinerlei offiziellen Protokolle. In seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause ließ das Gremium die Abläufe innerhalb des Weißen Hauses am 6. Januar beängstigend lebendig werden.

Trump bearbeitete Senatoren am Handy

Die minutiöse Rekonstruktion, die am Donnerstagabend zur besten Sendezeit von allen großen US-Sendern außer dem rechten Propagandakanal Fox News live übertragen wurde, zeigt: Trump saß während der drei Stunden ebenso fasziniert wie weitgehend untätig vor dem Fernsehen. Er versuchte weder, seinen in Lebensgefahr schwebenden Stellvertreter Pence zu erreichen, noch rief er bei der Führung von Polizei oder Militär an. Stattdessen bearbeitete er per Handy republikanische Senatoren im Kongress, die Zertifizierung der Wahl weiter zu verzögern.

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Nur auf massives Drängen seiner Tochter Ivanka twitterte er später: „Bleibt friedlich!“ Zu diesem Zeitpunkt war die Gewalt am Kapitol längst außer Kontrolle geraten, Vize Pence befand sich mit seinen Personenschützern auf der Flucht, und selbst Fox News berichtete von einer „sehr gefährlichen Situation“. Es dauerte bis kurz nach 16 Uhr, dass Trump sich endlich zu einer Videobotschaft bereiterklärte. Der Ausschuss zeigte erstmals das Rohmaterial dieser Aufnahme. „Ich rufe Euch auf, das Gebiet des Kapitolhügels jetzt zu verlassen“, stand im Manuskript. Stattdessen fantasierte Trump weiter über den angeblichen Wahlbetrug und sagte seinen Anhängern: „Geht nach Hause. Wir lieben Euch. Ihr seid etwas ganz Besonderes.“

„Ich will nicht sagen, dass die Wahl vorbei ist“

Noch am Morgen danach spann er jene Verschwörungslüge, mit der er den Mob aufgehetzt hatte, weiter. Seine Berater hatten eine weitere Videobotschaft vorbereitet, in der Trump sagen sollte, dass die Wahl nun gelaufen sei. Beim Ablesen vom Teleprompter stoppte der Präsident verärgert: „Ich will nicht sagen, dass die Wahl vorbei ist“, insistierte er.

Fest in der Hasnd der Rechten: das oberste Gericht der USA im Frühjahr 2021. In der ersten Reihe sitzend (v.l.n.r.):  Samuel Alito, Clarence Thomas,  John Roberts, Stephen Breyer und Sonia Sotomayor. Dahinter stehend: Brett Kavanaugh, Elena Kagan, Neil Gorsuch und Amy Coney Barrett. In der nächsten Sitzungsperiode folgt die Afroamerikanerin Ketanji Brown Jackson auf Breyer. Nur drei Richt vertreten liberale Positionen: Sotomayor, Kagan und Breyer/Jackson.

Die Revolution der radikalen Robenträger

Einst galt der ehrwürdige Supreme Court als ausgleichende Instanz im amerikanischen Politsystem. Damit ist es seit Donald Trump vorbei. Immer extremer torpedieren die ultrarechten Richter die Grundwerte der liberalen Gesellschaft. Nach Waffenverbot, Abtreibungsrecht und Klimaschutz könnten sie demnächst sogar das gleiche Wahlrecht kippen.

Der 6. Januar sei nicht etwa aus dem Ruder gelaufen, sondern von Trump bewusst inszeniert worden, schlussfolgerte deshalb der Ausschussvorsitzende Bennie Thompson: „Er hat gelogen. Er schikanierte. Er verriet seinen Eid. Er hat versucht, unsere demokratischen Institutionen zu zerstören.“

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Im September will die Kommission einen ersten Bericht vorlegen. Angesichts der erschütternden Zeugnisse dürfte der Druck auf Justizminister Merrick Garland wachsen, der politischen Aufarbeitung des Putschversuches eine juristische Anklage des Ex-Präsidenten folgen zu lassen.

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