TV-Kritik zu Talkshow

So schlug sich Klamroth als Plasberg-Nachfolger bei „Hart aber fair“

Erstmals als „Hart aber fair“-Moderator im Einsatz: Louis Klamroth hat am Montag seine erste Sendung als Nachfolger von Frank Plasberg moderiert.

Erstmals als „Hart aber fair“-Moderator im Einsatz: Louis Klamroth hat am Montag seine erste Sendung als Nachfolger von Frank Plasberg moderiert.

Nach acht Wochen Pause heißt es wieder: „Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft.“ Die ARD-Talkrunde „Hart aber fair“ ist zurück – mit einem neuen Gesicht. Nach 21 Jahren unter der Leitung von Moderator Frank Plasberg hat am Montagabend erstmals dessen Nachfolger Louis Klamroth Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft begrüßt. Dabei lässt der 33-Jährige – lässig in schwarzem T-Shirt, Sakko und weißen Sneakern gekleidet – seiner Ankündigung, dem „erfolgreichen und unverwechselbaren Konzept“ der Sendung treu bleiben zu wollen, direkt Taten folgen.

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Das Thema

Das Jahr beginnt mit einer neuen Welle von Preiserhöhungen bei Strom und Heizung. Die Lebensmittelpreise klettern auf Rekordniveau. Geht das jetzt immer so weiter? Wie stark entlasten die Preisdeckel und Hilfen vom Staat? Oder droht vielen der Verlust von Wohlstand auf Dauer? Der Bund unterstützt in bislang nie gekanntem Ausmaß. Und dennoch: Laut ARD-Deutschlandtrend finden 52 Prozent der Deutschen, die Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung gehen nicht weit genug. Klamroth will von seinen Gästen wissen: „Ein Land wird ärmer – wer zahlt die Krisenrechnung 2023?“

Es geht um Wärme und Mitgefühl.

„Wir sind füreinander da“: Wie und warum Menschen nicht nur in Krisen zusammenrücken

Sie machen Fremden eine Freude, sie knüpfen Freundschaften, sie treten füreinander ein: Beispiele aus der ganzen Bundesrepublik zeigen, dass Menschen in stürmischen Zeiten füreinander da sind. Und dass echter Zusammenhalt keine Momentaufnahme sein muss.

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Die Gäste

Der Bundesvorsitzende der SPD, Lars Klingbeil, betont die schwierige Situation für die Regierung. Man habe bereits viel abgefedert, um den Menschen im Land zu helfen. Er räumt aber auch ein, dass die Ampel durch Streitigkeiten zum aktuellen Unsicherheitsgefühl im Land beigetragen hat. Der „heiße Herbst“ sei zwar abgewendet worden, dennoch mahnt er: „Vor uns liegen zwei weitere harte Jahre.“

Jens Spahn, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU, betitelt das Handeln der Ampelkoalition als „halb gar“. Er macht vor allem die immer wieder aufflammenden Streitigkeiten zwischen Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) für das aktuell fehlende Vertrauen in die Bundesregierung verantwortlich. Er beobachtet einen starken Wohlstandsverlust in der Bevölkerung und ordnet fair ein: An der aktuellen Krise ist nicht die Ampel, sondern Putin Schuld.

Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, sieht die unteren Einkommensgruppen als große Verlierer der aktuellen Krisen. Diese seien „doppelt so hoch belastet“ wie die Reichen des Landes. Sie fordert auch deshalb eine zeitlich befristete Reichensteuer. Ein baldiges Absinken der Inflation hänge maßgeblich von den Energiepreisen ab. „Es sollte jetzt aber nichts passieren“, warnt sie und zeichnet das Schreckensszenario eines Angriffs auf eine norwegische Gaspipeline.

Die „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann gibt der Regierung die Note Vier minus für ihr Energiekrisenmanagement. Die Ampel hätte viel Glück gehabt, etwa mit dem aktuell milden Winter. Die vollen Gasspeicher seien dennoch „ein Erfolg der Regierung“. Ganz im Gegensatz zur Umsetzung der zahlreichen Entlastungsmaßnahmen – von denen viele so komplex seien, „dass man das als normaler Mensch zum Teil gar nicht mehr verstanden hat“.

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Der zweifache Familienvater Engin Kelik arbeitet hauptberuflich als Metallarbeiter, verdient rund 2300 Euro netto. Er macht sich große Sorgen über die kommenden Monate. „Ich glaube, es liegt eine schwere Zukunft vor uns.“ Er wisse nicht mehr, wie und wo er noch sparen könne. „Die Mehrkosten sind eine unglaubliche Herausforderung für mich.“ Geschenke seien an Weihnachten kaum infrage gekommen. Er sei inzwischen so verzweifelt, dass er nun sogar einen dritten Job in Betracht ziehe.

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Das Duell des Abends

Einen Schlagabtausch liefern sich Klingbeil und Spahn, als der CDU-Politiker die lange diskutierte und am Ende wieder gestrichene Gasumlage anspricht. „Ich würde übrigens aus vorheriger Erfahrung nie kritisieren, wenn etwas schnell entschieden wird und dann korrigiert werden muss“, sagt der ehemalige Gesundheitsminister mit einer gehörigen Portion Selbstreflexion – oder doch nur aus Schutz vor dem schnellen Corona-Konter? Sein (vorsichtiger) Angriffsversuch: Die Regierung habe im vergangenen Jahr immer „sehr spät entschieden“.

Klingbeil gibt seinem „geschätzten Kollegen Spahn“ recht, mit der Gasumlage „eine Schleife zu viel gedreht“ zu haben, um dann aber zum Gegenschlag auszuholen: „Es gab aus der Union den Vorschlag, den Gashahn abzudrehen, um es Putin zu zeigen.“ Der SPD-Chef setzt trotz Spahns „Das stimmt nicht“ fort und resümiert: „Gott sei Dank sind wir diesen Weg nicht gegangen.“ Dies hätte am Ende zahlreiche Jobs in der Industrie gekostet, ist er sich sicher.

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Der SPD-Chef gibt sich danach aber wieder diplomatisch einsichtig, viele Entscheidungen hätten zu lange gedauert. Dann macht er es seinem CDU-Kollegen nach und flüchtet sich in die Deckung: „Es war eine Situation, für die es kein Drehbuch gab.“

Der interessanteste Satz

Als Familienvater Kelik die große Frage stellt, ob alle Preissteigerungen wirklich mit dem Krieg in der Ukraine zu erklären sind, schaltet sich die Topökonomin Schnitzer ein. Die gestiegenen Preise für Brötchen seien mit den hohen Gaspreisen zu erklären, dass die Margarine mehr koste, läge an den fehlenden Sonnenblumenprodukten aus der Ukraine. Doch dann wird sie deutlich: „Wo man eigentlich sehr viel genauer hinschauen müsste, ist, ob diese Höhe der Preissteigerungen gerechtfertigt ist.“ Den indirekten Vorwurf, die Unternehmen würden aus der Krise Profit schlagen, formuliert sie anschließend direkt: „Und da würde ich denken, da hat der ein oder andere schon so ein bisschen was mitgenommen.“

Der krasseste Satz

Nachdem Wirtschaftsweise Schnitzer voraussagt, dass voraussichtlich erst in zwei Jahren mit einer spürbaren Entlastung der Inflation zu rechnen sei, horcht Moderator Klamroth beim krisengebeutelten Metallbauer nach: Reicht eine Entspannung der Lage in zwei Jahren? „Ob das reicht?“, fragt dieser rhetorisch zurück, um dann schonungslos auszusprechen, was viele Millionen Betroffene in diesem Augenblick denken und fühlen dürften. „Da ist das Schiff nicht kurz vorm Sinken, sondern dann bemühen wir uns nur noch darum, das Wrack zu bergen.“

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Der witzigste Moment

Angesichts des mit vielen Sorgen und großem Leid verbundenen Themas sind lustige Augenblicke in der Sendung Mangelware. Und dennoch dürfte der neue Jungmoderator Klamroth zumindest für ein paar Schmunzler beim TV-Publikum gesorgt haben, als er Klingbeil mit einem Umfrageergebnis konfrontiert, wonach 58 Prozent der Menschen hierzulande finden, dass es eher ungerecht zugeht. Unverblümt fragt er den SPD-Chef, ob er da schon mal denke: „Ach scheiße, wir machen doch schon so viel. Aber irgendwie scheint es nicht anzukommen?“ Das S-Wort in der ARD-Hauptsendezeit. Das bringt auch den sonst schlagfertigen Klingbeil kurz aus dem Konzept. Es dauert ein paar Augenblicke, bis der verdutzte SPD-Chef zur Antwort ansetzt.

 News Bilder des Tages Pre-Conference zum SPD Zukunftscamp im Willy-Brandt-Haus Aktuell, 19.06.2021, Berlin, Lars Klingbeil der SPD Generalsekretaer im Portrait bei der Pre-Cronference des SPD Zukunftscamp im Willy-Brandt Haus in Berlin Berlin Berlin Deutschland *** Pre Conference to the SPD Future Camp in the Willy Brandt House Current, 19 06 2021, Berlin, Lars Klingbeil the SPD Secretary General in the portrait at the Pre Cronference of the SPD Future Camp in the Willy Brandt House in Berlin Berlin Germany

„Wir müssen raus aus dem Dornröschenschlaf“

SPD-Chef Lars Klingbeil will Deutschland eine Radikalkur bei der Modernisierung der Infrastruktur verordnen. In der neu aufgeflammten Atomdebatte mahnt er die FDP, ihre politische Energie auf die Erneuerbaren zu lenken.

Fazit

Es ist ein intensiver, hauptsächlich sachlich geführter Talk ohne große Aufreger und Ausreißer. Für Feuer sorgt hauptsächlich die Diskussion um eine vom Landwirtschaftsminister Cem Özdemir befürwortete Mehrwertsteuersenkung auf Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte. Sowohl der SPD-Chef als auch die Wirtschaftsweise zeigen sich skeptisch. „Sie helfen damit den Leuten mit geringem Einkommen doch viel mehr“, interveniert die „Spiegel“-Journalistin, woraufhin Klingbeil zu bedenken gibt: Mehrverdiener würden davon ungerechterweise ebenfalls profitieren und speziell Unternehmen könnten diese Situation für sich ausnutzen. Die Ökonomin in der Runde gibt ihm recht und sieht als einzigen Ausweg höhere Gehälter für Geringverdiener sowie ein höheres Bürgergeld. Und auch Spahn sieht Steuerentlastungen für kleine und mittlere Einkommen als geeignete Stellschraube.

Der Star der Sendung, Neumoderator Klamroth, gibt ein gutes Debüt und präsentiert sich als würdiger Nachfolger von Vorgänger Frank Plasberg. Er ist von vornherein Taktgeber. Er lässt seine Gäste ausreden, interveniert aber auch („Herr Spahn, Herr Spahn, Herr Spahn, Herr Spahn, Herr Spahn, Herr Spahn, erlauben Sie: Ich stelle mich einmal dazwischen“), hakt bei wichtigen Aussagen nach und leitet sauber an die übrigen in der Talkrunde weiter. Dabei setzt er auch eigene Akzente. Statt einer Stimme aus dem Off stellte der Moderator selbst die Kernstandpunkte seiner Runde vor. Die Ökonomin Schnitzer spricht er gendernd als „Wirtschaftsweisin“ an.

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Und vor allem den in den Diskussionen eher ruhigen Metallbauer vergisst Klamroth nicht, holt ihn immer wieder ins Gespräch zurück. Der dankt es ihm mit schonungslos ehrlichen Fragen und Aussagen, die der Sendung die nötige Tiefe angesichts des ernsten Themas geben und emotional aufzeigen, wie das Leben derzeit von Millionen Bürgerinnen und Bürgern mit all ihren Ängsten und Sorgen aussieht. Kurz: Diese Premiere macht Lust auf mehr.

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