Paritätischer Wohlfahrtsverband mahnt

Jeder sechste Niedersachse ist arm

Birgit Eckhardt, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Niedersachsen.

Birgit Eckhardt, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Niedersachsen.

Hannover. Über allen guten wirtschaftlichen Daten Niedersachsens dürfe man nicht vergessen, dass es im Land immer noch Armut gebe, mahnt die Landesvorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Birgit Eckhardt im HAZ-Gespräch. „Wirtschaftlich geht es so gut wie nie, dennoch haben wir immer noch eine Armutsquote von 16 Prozent. Das sind 1,2 Millionen Menschen, das heißt: Jeder sechste Niedersachse ist arm“, sagt Eckhardt. Schon längst habe sich die Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt, staatliche Maßnahmen dagegen seien zu oft mit bürokratischen Hürden verstellt.

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So greife etwa der Versuch des Landes kaum, mit einer Arbeitsplatzprämie Arbeitgeber zu gewinnen, einen Langzeitarbeitlosen einzustellen. In Hannover etwa sei geplant gewesen, hier 250 Stellen zu schaffen, doch es seien nur 40 möglich. „Es werden nur solche Stellen gefördert, die zusätzlich sind, die wettbewerbsneutral sind und für die es ein öffentliches Interesse gibt.“ Die Programme müssten ganz anders gefasst werden und die Langzeitarbeitslosen gezielter an den Arbeitsmarkt heranführen – „mit erheblichen Anstrengungen, diese Menschen zu qualifizieren“, sagt Eckhardt.

Schnell entsteht ein Teufelskreis

Aber selbst unter den Menschen mit Jobs wachse die Zahl der Niedriglöhner, „die an den Tafeln auftauchen und mit denen wir in vielfacher Form in Kontakt kommen, nicht nur bei der Schuldnerberatung“. Ein riesiges Problem in diesem Personenkreis sei die Wohnungsnot. „Da setzt sich oft ein Teufelskreis in Bewegung, erst keine Wohnung mehr, dann keine Arbeit, nicht selten auch Drogen- und Suchtprobleme.“

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Das deprimierende sei, dass sich am Mangel von preiswerten Wohnungen so schnell nichts ändere, obwohl die Wohnungsnot zu der sozialen Frage werde. „Inzwischen ist es so, dass viele für die Miete mehr als 30 Prozent des Lohnes aufbringen müssen. Da braucht man etwa bei 1000 Euro netto und zwei Kindern schon aufstockende Sozialhilfe.“

Bedrückend bleibt nach Eckhardts Worten auch die Armut von Kindern. Da brauche man eine Grundsicherung, denn Hilfen etwa aus dem Bundesteilhabegesetz reichten nicht hinten noch vorne. „Ein guter Schulranzen kostet heute an die 300 Euro. Da kommen Sie mit 120 Euro aus dem Gesetz nicht hin“. Auch gesellschaftliche Teilhabe sei für Kinder aus prekären Verhältnissen ganz wichtig – aber für Kinder, deren Eltern Sozialhilfe beziehen, „nicht drin“. Die Gesellschaft könne es nicht hinnehmen, dass Kinder aus prekären Verhältnissen dauerhaft in ihren Kreisen blieben. „Aus prekären Verhältnissen schaffen nur 15 Prozent der Kinder das Abitur, aus bürgerlichen Familien sind es 65 Prozent“, sagt die Vorsitzende des Paritätischen.

Mehr Hilfe für Frauenhäuser

Noch mehr Hilfe verdienen nach Eckhardts Worten Frauen, die Opfer von familiärer (meist männlicher) Gewalt geworden seien. Zwar habe das Land die Förderung der 42 niedersächsischen Frauenhäuser erhöht, doch begönnen jetzt Kommunen die Zuschüsse zu kürzen – „mit der Begründung, die Häuser bekämen doch jetzt mehr Geld vom Land“. Das sei falsch und nicht hinnehmbar. Größer müssten auch die Tagessätze für die Kinder dieser Frauen seien, die nicht selten von der häuslichen Gewalt traumatisiert seien und echte Hilfe bräuchten. „In so einer Situation reicht nicht ein Kita-Platz und eine Spielecke.“ Die Kommunen müssten verpflichtet werden, besondere Schutzräume zu schaffen. Eklatant sei auch der Mangel an behindertengerechten Frauenhäusern. „Die wenigsten sind barrierefrei.“

Von Michael B. Berger

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