Selbst impfen oder andere vorlassen? Das große Dilemma der US-Politiker

Joe Biden, gewählter Präsident der USA, erhält seine erste Dosis des Corona-Impfstoffs.

Joe Biden, gewählter Präsident der USA, erhält seine erste Dosis des Corona-Impfstoffs.

Washington. Als die ersten Coronavirus-Impfungen in den USA möglich wurden, krempelten etliche Kongressmitglieder die Ärmel hoch. Vizepräsident Mike Pence und der designierte Präsident Joe Biden ließen sich ebenfalls impfen - live im TV. Damit sind sie zwar nicht alleine: Benjamin Netanjahu in Israel und Andrej Babis in Tschechien bekamen die ersten Impfdosen in ihren Ländern. Doch die meisten Regierungs- und Staatschefs hielten sich bislang zurück. So wird besonders in den USA debattiert, ob Politiker unter den ersten Geimpften sein sollten.

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Den Impfstoff so früh wie möglich zu bekommen, hat für viele US-Politiker pragmatische Gründe: Ein Impfschutz garantiert, dass die Parlaments- und Regierungsarbeit kontinuierlich weitergehen kann. Und das öffentliche Vertrauen in die Impfungen wird gestützt. Heikel bleibt die Sache trotzdem, denn es sind noch nicht genügend Impfdosen für alle hergestellt und Millionen ältere US-Bürgerinnen und Bürger sowie Mitarbeiter des Gesundheitswesens warten auf ihre Spritzen.

Das Dilemma beschreibt Utibe R. Essien von der University of Pittsburgh: „Wir wollen garantieren, dass jeder diesen Impfstoff als sicher empfindet und sieht, wie bekanntere Mitglieder der Gesellschaft ihn bekommen, aber auch sicherstellen, dass die Leute nicht sagen "was ist mit uns?"“

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Beispiel Kanada: Da hat Premierminister Justin Trudeau gesagt, kein Problem damit zu haben, erst später dran zu sein. „Wenn die Zeit gekommen ist für gesunde Menschen zwischen 40 und 50, ihren Impfstoff zu bekommen, wenn wir an der Reihe sind, werde ich so weit vorne in der Schlange sein wie möglich“, sagte er dem Fernsehsender CP24. Er wolle den Menschen zwar zeigen, dass die Impfstoffe sicher seien und man den Ärztinnen und Ärzten vertrauen könne. „Aber es gibt viele gefährdete Menschen, die diese Impfstoffe viel schneller erhalten müssen als ich, und wir werden sicherstellen, dass sie sie zuerst bekommen, denn das ist die Priorität.“

“Die Kanadier haben der Regierung mehr vertraut”

In seinem Land sei die Skepsis gegenüber öffentlichen Gesundheitsvorschriften nicht so hoch wie in den USA, sagt der kanadische Historiker Robert Bothwell. Deshalb laste auf den Politikern dort auch nicht so ein hoher Druck, sich impfen zu lassen. „Die Kanadier haben der Regierung mehr vertraut“, sagt Bothwell.

Pandemie und Gesundheitsvorschriften sind in den USA zum Streitthema der Parteien geworden. Während die Demokraten Gesundheitsvertreter wie den Chef-Immunologen Anthony Fauci gelobt haben und sich für die Beschränkungen der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens aussprachen, waren einige Republikaner gegen solche Maßnahmen. Entsprechend groß sind nun die Bedenken, ob sich viele US-Amerikanerinnen und Amerikaner impfen lassen werden. Wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP vor der Zulassung der Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna ergab, plante nur die Hälfte der US-Bevölkerung, sich immunisieren zu lassen.

Dazu sagt Experte Essien aus Pittsburgh: „Ich hoffe, dass die Leute sagen, "dieser Senator wurde geimpft, dieser Kongressabgeordnete wurde geimpft, und ich vertraue vielleicht nicht dem öffentlichen Gesundheitssystem, aber ich vertraue ihnen".“

Die politische Debatte hält derweil an. Die linke demokratische Abgeordnete Ilhan Omar, die ihren Vater wegen des Virus verloren hat, nannte es verstörend, Kongressmitglieder bei den Impfungen in der ersten Reihe zu sehen, während die meisten Menschen im Gesundheitssektor, Ältere und Kranke noch warten müssten.

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Bereuen Politiker ihre frühen Impfungen am Ende?

Dagegen bekam der republikanische Abgeordnete Michael McCaul aus Texas bereits eine Impfung verabreicht und sagte danach, das Mittel werde helfen, die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. Im Verlauf der Pandemie hatten mehrere konservative US-Politiker wirtschaftliche und gesellschaftliche Beschränkungen zur Eindämmung des Virus eher abgelehnt.

So manchem Demokraten stößt ihr Verhalten jetzt sauer auf. Val Demings aus Florida kritisierte, ihre republikanischen Kollegen hätten sich geweigert, Maske zu tragen, Abstand zu Sozialkontakten zu halten und seien auf „Superspreader“-Events gegangen. Nun drängelten sie sich bei den Impfungen vor - das sei unverschämt.

Ob Politiker ihre frühen Impfungen am Ende nicht bereuen werden, darüber sorgt sich der im Staat Minnesota als Senator tätige Matt Klein. Zwar wurde er auch schon immunisiert - aber nicht, weil er Politiker ist, sondern weil er als Arzt Covid-19-Patienten behandelt. Viele Politiker wollten der Öffentlichkeit mit ihrer Impfung zeigen, dass der Impfstoff sicher sei, sagt Klein, „aber ich fürchte, dass das stattdessen Unmut schaffen wird“. Zuerst sollten die Menschen an der Corona-Front geimpft werden.

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RND/AP

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