Trump drohen Verluste – der US-Präsident muss um seine Stammwähler bangen

Donald Trump, Präsident der USA, begrüßt seine Anhänger bei seiner Ankunft auf dem Minneapolis Saint Paul International Airport.

Donald Trump, Präsident der USA, begrüßt seine Anhänger bei seiner Ankunft auf dem Minneapolis Saint Paul International Airport.

Washington. Für Shawna Jensen war es im März so weit. Sie hatte genug. Und in einem Video-Chat mit fünf Freundinnen gab sie ihren Entschluss bekannt: “Hey Leute, ich muss euch was erzählen”, sagte sie, während sie im texanischen Fort Worth in ihrem Wohnzimmer neben dem Kamin am Laptop saß. Die anderen Frauen, allesamt weiße, republikanische Vorstadt-Mütter, starrten sie an.

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"Ich werde dieses Jahr nicht für Trump stimmen", verkündete Jensen schließlich. "Ich bringe es nicht übers Herz. Ich kann nicht jemanden wählen, der sich anderen Menschen gegenüber so widerlich verhält." Das zu erzählen, hat die Amerikanerin viel Überwindung gekostet. In ihren Kreisen genießt Präsident Donald Trump nämlich weiterhin große Unterstützung. Dass sie dem Demokraten Joe Biden den Vorzug geben will, ist wie ein Bruch in der Biografie.

Ähnlich geht es auch anderen. Entgegen eindeutiger politischer Haltungen in der Familie und im Freundeskreis - und mitunter trotz einer lebenslangen Parteimitgliedschaft - sind sie zu der Überzeugung gelangt, dass Trump dem Land nicht guttut. Das wiederum könnte bei der Wahl in wenigen Wochen eine maßgebliche Rolle spielen. Denn wie selten ein US-Präsident zuvor, ist Trump fast vollständig von seinen Stammwählern abhängig.

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“Es muss eine andere Lösung geben”

Die genaue Zahl der Amerikaner, die derzeit wie Jensen denken, lässt sich nur schwer schätzen. Falls es am Ende knapp werde sollte, könnte aber schon ein kleiner Anteil derer, die vor vier Jahren für Trump gestimmt hatten, den Ausschlag geben - zumal in den umkämpften Staaten. Während seiner Amtszeit hat Trump kaum etwas dafür getan, seine Basis zu erweitern. Wenig deutet darauf hin, dass er in neuen Wählergruppen neue Anhänger gewonnen hätte.

In zwei Dutzend Interviews in drei der Swing States sowie in Texas schilderten ehemalige Trump-Anhänger der Nachrichtenagentur AP die Beweggründe für ihren Sinneswandel. "Alles, was ich zu wissen glaubte, existiert nicht mehr", sagt der 22-jährige Zach Berly, der sich in der Schule und am College für die Republikaner engagiert und 2016 stolz für Trump gestimmt hatte. Diesmal will er das nicht tun. "Es muss eine andere Lösung geben", sagt er.

In vielen ländlichen Regionen kann Trump noch immer auf seine bisherigen Unterstützer zählen. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew war die Zahl seiner Anhänger in Vorstädten aber schon bei den Zwischenwahlen 2018 zurückgegangen. Wenn sich dieser Trend fortgesetzt haben sollte, hätte er hier eine offene Flanke, die Biden für sich nutzen könnte.

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Trump-Wähler aus diversen Gründen enttäuscht

Wählerinnen und Wähler wie Jensen sind klar in der Minderheit. Trumps Zustimmungswerte innerhalb der eigenen Partei liegen laut einer Umfrage der AP bei 86 Prozent. Bei vielen Themen - etwa in der Migrationspolitik oder bezüglich der Ablehnung von Abtreibungen - liegt der Präsident mit der Mehrheit der Republikaner auf einer Linie. Auch seine polternde Art kommt bei vielen gut an.

Gleichzeitig ist Jensen aber auch kein Einzelfall. Im ganzen Land gibt es Menschen, die in Trump nicht mehr den Politiker sehen, für den sie ihn 2016 gehalten hatten. Einige waren nach eigenen Angaben schon von seiner Rede zur Vereidigung enttäuscht. Für andere war ausschlaggebend, dass er bestimmte Länder als "Drecklöcher" verunglimpfte oder wie er auf die Vorwürfe im Ukraine-Skandal reagierte. In den vergangenen Monaten wandten sich viele wegen seines Umgangs mit der Corona-Krise und den jüngsten Protesten gegen Rassismus von ihm ab.

Für Dee Stoudemire brachte Trumps Vorgehen im Syrien-Konflikt das Fass zum Überlaufen. Seit der Präsident entgegen den Empfehlungen seiner militärischen Berater den Rückzug aus dem Land beschlossen habe, könne sie ihn nicht mehr unterstützen, sagt die 64-Jährige aus Jacksonville in Florida. "Wenn du einen Anführer hast, der in weltpolitischen Dingen nicht auf seine Militärchefs hören kann und will, dann hast du ein Problem."

Im persönlichen Umfeld könne die Abkehr vom Präsidenten durchaus für Spannungen sorgen, betont Stoudemire. Die meisten ihrer Freunde seien Republikaner. "Wir reden nicht viel über die Wahl. Denn unsere Freundschaft ist zu wichtig", sagt sie.

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“Er hat nichts getan, um uns zu helfen”

Fast alle, mit denen die AP sprach, hatten schon 2016 Zweifel gehabt. Trotzdem wählten sie Trump, vor allem weil er als Außenseiter versprochen hatte, in Washington aufzuräumen. "Ich war super stolz an dem Tag, als ich aus der Wahlkabine rauskam", sagt Jensen. Sie habe damals wirklich geglaubt, Trump werde den "Sumpf austrocknen". "Wir wollten, dass sich alles verändert."

Mit der Zeit sei die Ernüchterung aber immer größer geworden. Zugleich habe sie die Art des Präsidenten sehr gestört, andere Menschen schlechtzumachen. "Es hat mich geärgert, wie er sich über Leute lustig gemacht hat", sagt sie. Neben Fox News habe sie in den vergangenen vier Jahren dann zunehmend auch andere TV-Sender wie MSNBC eingeschaltet und dadurch in manchen Punkten ihre Haltung geändert.

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Vor allem aber sei sie zu der Überzeugung gelangt, dass Trump versagt habe, als es besonders darauf angekommen sei, sagt Jensen - nämlich als die Pandemie die USA erreicht habe. "Er hat nichts getan, um uns zu helfen."

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Vier Jahre nachdem sie für ihn gestimmt hatte, trat Jensen der Facebook-Gruppe "Former Trump Supporters" ("Ehemalige Trump-Unterstützer") bei. Auch persönlich hat sie sich nach eigener Einschätzung verändert. "Ich denke, ich hatte vorher eine sehr enge Sichtweise, sah mich immer im Recht", sagt sie. Heute sei sie aufgeschlossener für die Standpunkte anderer Leute.

RND/AP

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