Freiwillige im Krieg in der Ukraine

Mit Mozart gegen Putins Wagner-Söldner

Ukrainische Zivilisten erhalten in Lemberg eine Schießausbildung.

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Klassische Musik und kriegerischer Wahnsinn – das hat man bisher für ein Hirngespinst Hollywoods gehalten, wie im Film „Apocalypse Now“ von Kultregisseur Francis Ford Coppola, wo ein durchgeknallter US-Colonel Hubschrauber-Napalm-Attacken gegen vietnamesische Dörfer fliegen lässt, während aus den Lautsprechern der fliegenden Todesmaschinen Richard Wagners „Ritt der Walküren“ dröhnt.

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Doch es scheint, als stelle Russlands Krieg gegen die Ukraine Hollywood in den Schatten. Bekanntermaßen steht Hitlers Lieblingskomponist Richard Wagner auch namentlich Pate für jene Söldnerarmee, die der russische Neonazi Dmitri Utkin, Kampfname „Wagner“, mit dem Segen des Kreml als privates Sicherheits- und Militärunternehmen gründete.

Die Wagner-Gruppe hinterließ bereits von Libyen über Mali bis Zentralafrika eine Spur des Grauens und ist im Eroberungskrieg gegen die Ukraine längst zu Putins letzter Hoffnung geworden. Auch wenn Kiew gerade bekannt gab, mit Hilfe eines von den USA gelieferten Raketenwerfers Himars das Wagner-Hauptquartier in der Stadt Poposna in der ostukrainischen Region Luhansk zerstört zu haben, so bleibt die kriegserprobte und skrupellose Söldnerarmee militärisch für Kiew einer der wirkmächtigsten Gegner.

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Lesen Sie auch: Ein Söldner der Wagner-Gruppe packt aus.

Marat Gabidullin mit Waffe und in Uniform: Erstmals gibt nun ein Kämpfer in einem Buch tiefe Einblicke in die Kriege und Strukturen der Schattenarmee des Kreml.

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Dem zu großem Pathos und zu deutschnationalem Chauvinismus neigenden Wagner, der obendrein ein Antisemit war, steht als Namensgeber auf ukrainischer Seite Mozart gegenüber – als Komponist weltgewandter, verspielter, heiterer Musik. Mozart-Gruppe nennt sich die von Andy Milburn gegründete Gruppe.

Milburn, ein pensionierter Oberst des Marine Corps, der 31 Jahre beim US-Militär verbracht hat, sammelte fachkundige Freiwillige, um Zivilisten auszubilden, die in Kiews Zivilschutztruppen kämpften, während sie ihre Hauptstadt verteidigten. Die Mozart-Gruppe, die jetzt im Donbass ansässig ist, besteht aus 20 bis 30 Freiwilligen aus den USA, Großbritannien, Irland und anderen westlichen Ländern.

Klar ist, dass Mozart als Name kein Zufall ist – sondern eine ironische Antwort auf die russischen Paramilitärs sein soll: Zwei der bedeutendsten Komponisten stehen sich da als Namenspatrone gegenüber, beide hinterließen der Menschheit etwas Großartiges – steht das nicht im krassen Widerspruch zu diesem schmutzigen Krieg?

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Gegenüber dem britischen „Guardian“ räumt Milburn ein, dass es zunächst „ein wenig ambivalent in Bezug auf die Verwendung des Namens“ gewesen sei, aber schließlich habe sich Mozart „jetzt als Marke durchgesetzt“.

Milburn: „Ich wollte nicht mit der Wagner-Gruppe in Verbindung gebracht oder verglichen werden. Wir sind kein Gegenstück zur Wagner-Gruppe; was wir tun, ist ein bisschen anders“, so der Amerikaner. Hier würden keine bezahlten, menschlichen Tötungsmaschinen rekrutiert, die Mozart-Gruppe bestehe aus sorgfältig geprüften Rekruten und werde größtenteils von privaten US-Spendern finanziert.

Ziel sei es, unerfahrenen ukrainischen Soldaten einen fünf- oder zehntägigen Crashkurs in grundlegender Waffenhandhabung, Treffsicherheit, in Manöver- und Schlachtfeldtaktiken anzubieten, die im Bedarfsfall auch deutlich länger dauern könnten. Nebenbei werde auch humanitäre Hilfe geleistet, es würden Hygieneartikel und Lebensmittel in Städte an der Front geliefert, schutzbedürftige Menschen würden aus Kampfgebieten evakuiert – so zumindest die Selbstdarstellung.

Schätzungen der USA: Bis zu 80.000 russische Soldaten getötet oder verletzt

Das Pentagon schätzt die russischen Opferzahlen im Krieg in der Ukraine – und sieht die Ukraine derzeit im Vorteil.

„Ich habe einen einwöchigen taktischen Medizinkurs gemacht, nachdem ich während der Covid-Sperre einen schweren Fahrradunfall hatte. Ich habe das ihnen erzählt und sie haben mich zum Sanitäter gemacht“, sagt ein 42-jähriger Soldat, der sich gegenüber dem „Guardian“ als „Bison“ ausgibt.

„Bison“ erzählt, ein Maschinenbauingenieur aus Dnipro zu sein, der sich nach Kriegsbeginn am 24. Februar ein Jagdgewehr gekauft habe, um an Schießübungen teilzunehmen.

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„Der kann jetzt schon mehr als die meisten Mediziner der ukrainischen Armee“, sagt Dathan, der 23 Jahre als Feldscher beim irischen Militär in Ländern wie Syrien und dem Kosovo gedient hat und im Mai der Mozart-Gruppe beigetreten ist. „Wenn man Sanitäter nach ihrer Qualifikation fragt, sagten sie: ‚Nun, ich habe diese Tasche bekommen und jetzt bin ich der Sanitäter‘“, sagt Dathan. Mehr Wissen sei oft nicht vorhanden.

Eine Frau hält ein Gewehr in der Hand, während sie an einer Schulung für ukrainische Kampfsanitäter und -sanitäterinnen teilnimmt. Täglich nehmen bis zu 100 Personen an dem Kurs teil.

Eine Frau hält ein Gewehr in der Hand, während sie an einer Schulung für ukrainische Kampfsanitäter und -sanitäterinnen teilnimmt. Täglich nehmen bis zu 100 Personen an dem Kurs teil.

Die ukrainischen Truppen werden von der Mozart-Gruppe in Nähe der Frontlinie ausgebildet, da die Kommandeure nicht riskieren können, dass ihre Soldaten zu lange vom Schlachtfeld entfernt sind, falls die Russen vorrücken.

Was den Ukrainern an Erfahrung fehle, das machten sie durch Enthusiasmus und Entschlossenheit wett. „Sie sind optimistisch, sie hören zu, sie sind aufmerksam und vor allem haben sie einen großartigen Sinn für Humor“, sagt Milburn, der Mozart-Gründer.

Die Mozart-Ausbilder sind eigenen Angaben zufolge sehr daran interessiert, sich vom Zustrom von Kriegstouristen und Möchtegernkämpfern zu unterscheiden, die zu Beginn des Konflikts in teuren, neuen Militäroutfits Kiew fluteten. „Kampfmultiplikatoren“ nennen sich die Ausbilder, die es als sinnvoller erachten, Hunderte von Ukrainern auszubilden, anstatt selbst zu riskieren, in den Kämpfen schnell getötet oder von Putin als verurteilte Todeskandidaten vorgeführt zu werden.

Zudem heißt es auf der Website der britischen Regierung, dass diejenigen, die reisen, „um zu kämpfen oder anderen Kriegsteilnehmern zu helfen“, bei der Rückkehr nach Großbritannien strafrechtlich verfolgt werden könnten. Das gilt auch in anderen westlichen Ländern.

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Westliche Waffensysteme oft falsch eingesetzt

Besonders aufgefallen ist den Mozart-Leuten um Andy Milburn, dass westliche Waffensysteme oft falsch eingesetzt werden, weil es den Ukrainern an Ausbildung und Erfahrungen mangelt.

So berichtet Alex, ein Brite, dass viele der 178.000 Dollar teuren Panzerabwehr-Waffensysteme vom Typ Javelin („Wurfspeer“) bereits vor dem ersten Einsatz unbrauchbar geworden sind, weil so simple Dinge wie die Batterie für das Visier leer waren. Dabei sei die Behebung des Makels ganz einfach. „Sie bekommen nicht die Ausbildung, die sie brauchen“, so Alex.

Ich werde ruhiger, je mehr ich trainiere.

„Bison“, Teilnehmer einer militärischen Ausbildung durch die Mozart-Gruppe

„Ich werde ruhiger, je mehr ich trainiere“, sagt „Bison“ auf die Frage, ob er sich Sorgen mache, an die Front zu gehen. Von den 15 Freunden, die er seit 2014 durch Kämpfe im Konflikt verloren hat, sind zehn in diesem Jahr gestorben, erzählt Nestor, ein 26-jähriger ukrainischer Soldat, ebenfalls aus Dnipro – er ist einer der wenigen, die seit 2014 im Donbass kämpfen.

Andy Milburn wünscht sich, er hätte mehr Kontakt zur US-Regierung. Denn die westlichen Regierungen halten sich stark zurück, was den Kontakt zu Gruppen wie Mozart betrifft – um nicht in diesen Krieg hineingezogen zu werden.

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Dabei betont Milburn, dass es um Ausbildung und Hilfe gehe. Sollten sich Freiwillige doch an Kämpfen beteiligen, sind sie nicht mehr Teil der Mozart-Gruppe, erklärt Milburn. „Hier verläuft klar unsere rote Linie.“

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