Putins Krieg zurück in der Hauptstadt

Kiew nach den russischen Luftangriffen: „Ich will nicht im Bunker sterben“

Feuerwehrleute sind nach russischen Luftangriffen an einer Einschlagstelle im Zentrum der Hauptstadt Kiew m Einsatz.

Feuerwehrleute sind nach russischen Luftangriffen an einer Einschlagstelle im Zentrum der Hauptstadt Kiew m Einsatz.

Kiew. Die Woche in Kiew beginnt mit einer Feuerkugel am Himmel. Gegen 8.30 Uhr Ortszeit am Montagmorgen saust sie durch die Luft, vom Zimmer eines Hotels im Stadtzentrum ist sie deutlich zu erkennen. Kurz darauf ertönt ein dumpfes Detonationsgeräusch. Dann noch eins. Bumm. Bumm. Schon eine Stunde vorher haben die Luftalarm-Sirenen zu heulen begonnen, hat die Warn-App auf den Handys „Uwaha, Uwaha“ – „Achtung, Achtung“ - gerufen.

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Doch nach den vielen Wochen, in denen zwar der Osten und Süden des Landes heftig beschossen wurden, das Kiewer Gebiet aber fast gar nicht, hat den Alarm in der Hauptstadt zunächst fast niemand mehr ernst genommen. Nun aber ist der von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Angriffskrieg zurück in der ukrainischen Hauptstadt. Siebeneinhalb Monate nach dem Beginn des russischen Einmarschs.

Mindestens fünf Tote bei russischen Raketenangriffen auf Kiew

Die Angriffe auf Ziele im ganzen Land hätten sich gegen zivile Infrastruktur gerichtet, teilten ukrainische Behörden mit.

Menschen, die noch am Wochenende entspannt durch die sonnig-herbstliche Metropole flanierten, eilen in Bombenschutzkeller. „Hallo, uns geht es gut. Wo seid ihr?“, gehört zu den Sätzen, die am häufigsten in die Handys gesprochen werden. Es werden Wasserkanister aufgestellt und Stullen verteilt. Oben auf der Straße versorgen Sanitäter derweil blutüberströmte Menschen, die es nicht rechtzeitig ins Innere eines Gebäudes geschafft haben, löschen Feuerwehrleute brennende Autos, sichern Polizisten zerstörte Häuser.

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Im ganzen Land herrscht am Montagvormittag Luftalarm

Allein in Kiew sterben nach Angaben von Bürgermeister Witali Klitschko mindestens 5 Menschen, 52 werden verletzt. Viele waren gerade auf dem Weg zur Arbeit, als die russischen Geschosse angeflogen kamen. Auch viele andere Regionen geraten an diesem Morgen unter heftigen Beschuss. Im ganzen Land herrscht am Vormittag Luftalarm.

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Landesweit gebe es elf Tote, sagt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Russland versuche, die Ukraine zu vernichten, so der Staatschef. „Wir haben es mit Terroristen zu tun.“ International reagieren Politiker entsetzt auf diese neue Eskalation aus Moskau.

Putin ordnete die Raketenangriffe an, nachdem am Samstag eine Explosion die 19 Kilometer lange Krim-Brücke erschüttert hatte. Das Bauwerk verbindet Russland und die 2014 von Moskau annektierte Schwarzmeer-Halbinsel. Nachdem Putin am Sonntagabend den ukrainischen Geheimdienst für den Anschlag verantwortlich gemacht hatte, stieg international die Nervosität vor einer möglichen weiteren Eskalation.

Menschen suchen Schutz im Eingang einer U-Bahn-Station in Charkiw nach einem Raketenangriff.

Menschen suchen Schutz im Eingang einer U-Bahn-Station in Charkiw nach einem Raketenangriff.

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Strom und Wasser fällt in einigen Städten aus

Das westukrainische Lwiw (Lemberg) ist teilweise ohne Strom, die Großstadt Charkiw im Osten in einigen Gebieten auch ohne Wasser. Russland habe bei seinen jüngsten Angriffen gezielt Energieanlagen ins Visier genommen, sagt Selenskyj. Die Kiewer sind gebeten, am Abend elektronische Geräte abzustellen. Nur so ließe sich die Spitzenbelastungszeit ohne weitere Abschaltungen überstehen, schreibt der stellvertretende Chef des Präsidialbüros, Kyrylo Tymoschenko.

In der Hauptstadt ist der Luftalarm nach mehr als fünfeinhalb Stunden vorbei - so lange hat er dort noch nie gedauert in diesem Krieg. Erleichtert kehren viele Menschen aus den Kellern zurück auf die Straße - andere hatten gar nicht erst Schutz gesucht. „Ich will nicht in einem Bunker sterben“, sagt ein junger Mann, der rauchend auf dem Bürgersteig steht. „Dann schon lieber hier auf der Straße.“

Eine Hotelmitarbeiterin teilt in einem Luftschutzkeller in Kiew belegte Brote aus.

Eine Hotelmitarbeiterin teilt in einem Luftschutzkeller in Kiew belegte Brote aus.

Schnell kehrt das Leben zurück in die Millionen-Metropole. Passanten führen Hunde aus, fahren E-Roller, holen sich einen Kaffee, ein Croissant, ein Sandwich. Fast scheint es, als wollten die Kiewer demonstrativ zur Schau tragen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen von den russischen Angriffen.

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„Mich schockiert das hier nicht mehr“

Er habe sein Café die ganze Zeit lang offen gelassen, erzählt Barista Juri, und den im Hinterraum wartenden Menschen Kaffee gekocht - wenn auch mit zitternden Händen. Er sei mittlerweile abgehärtet, sagt der junge Mann und lächelt: Er kommt aus der von Russland besetzten ostukrainischen Stadt Donezk, die schon seit acht Jahren umkämpft ist. „Mich schockiert das hier nicht mehr.“

+++ Alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Wenige Hunderte Meter weiter klafft ein großes Einschlagsloch mitten auf einer Straßenkreuzung. An den umstehenden Gebäuden fehlen die Fenster, der Bürgersteig ist voller Glassplitter. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte haben den Bereich mit weiß-roten Plastikbändern abgesperrt. An parkenden Autos sind die Windschutzscheiben zertrümmert. Frauen in orangen Warnwesten kehren Schutt beiseite.

Auf einer Parkbank in der Sonne - nur wenige Meter von einem beschädigten Kinderspielplatz entfernt - sitzt der Rentner Ihor. Seine Tochter lebe mit den Enkeln im französischen Nizza, erzählt er. Sie sei schockiert von den jüngsten Angriffen auf Kiew und noch schockierter, als sie erfuhr, dass ihr Papa schon wieder draußen auf Parkbänken herumsitzt - statt sicherheitshalber im Keller abzuwarten.

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„Na, es ist doch so schönes Wetter“, sagt der ältere Mann auf die Frage, warum er sich den Sonnen-Spaziergang trotz Putins jüngster Angriffe auf sein Viertel nicht habe nehmen lassen. „Außerdem ist das hier meine Heimat. Das ist mein Leben.“

RND/dpa

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