Frankreichs neues #MeToo: Aufschrei über Inzestenthüllungen

Ein Mann liest das Buch „La Familia Grande“ von Camille Kouchner. Der renommierte französische Politikwissenschaftler Olivier Duhamel, der in einem am Buch des Inzests an einem seiner Stiefsöhne beschuldigt wird, kündigte am 4. Januar an, alle seine Funktionen aufzugeben.

Ein Mann liest das Buch „La Familia Grande“ von Camille Kouchner. Der renommierte französische Politikwissenschaftler Olivier Duhamel, der in einem am Buch des Inzests an einem seiner Stiefsöhne beschuldigt wird, kündigte am 4. Januar an, alle seine Funktionen aufzugeben.

Paris. Es ist, als hätte es nur einen Funken gebraucht, um eine Explosion herbeizuführen. Frankreich ist wütend, es ist ein Aufstand derer, die bisher geschwiegen haben. Seit den Enthüllungen der Juristin Camille Kouchner über ihren bekannten Stiefvater brachen im Land zahlreiche Opfer sexualisierter Gewalt ihr Schweigen. Die mutmaßlichen Täter sind bekannte Persönlichkeiten der Pariser Elite aus Politik und Gesellschaft. Und es geht um nicht weniger als Pädophilie und Inzest, aber auch sexuelle Übergriffe unter Studierenden. Die Vorwürfe kommen mit einer solchen Wucht, dass auch die Regierung nicht mehr die Füße still halten kann.

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Kouchner veröffentlichte im Januar ein Buch - „La Familia grande“ („Die große Familie“) heißt es. Darin wirft sie ihrem Stiefvater und bekannten Pariser Politologen Olivier Duhamel vor, vor über drei Jahrzehnten gegenüber ihrem damals minderjährigen Zwillingsbruder sexuell übergriffig geworden zu sein. Duhamel war zwar nicht direkt auf die Vorwürfe eingegangen, hatte aber nach deren Bekanntwerden seine Funktionen niedergelegt. Kouchner löste mit ihrer Schilderung eine Debatte über Missbrauch aus, die in Frankreich in ihrer Intensität mit der weltweiten Me-Too-Welle vor einigen Jahren vergleichbar ist.

In der Pariser Intellektuellen-Elite sollen die Missbrauchsvorwürfe längst bekannt gewesen sein. Und: Über Jahre dezent ignoriert worden sein. Was folgte, waren weitere Rücktritte - zuletzt nahm der Direktor der Elite-Uni Sciences Po, Frédéric Mion, seinen Hut, nachdem er die Affäre zunächst einfach aussitzen wollte. Doch am Ende war der Druck wohl zu groß, unter den Studierenden regte sich massiver Protest. Mion hatte zuvor eingeräumt, dass er schon vor Jahren von Vorwürfen gegen Duhamel erfahren hatte.

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„Vanessa, wir glauben dir“

Die Autorin und Verlegerin Vanessa Springora hatte bereits im vergangenen Jahr mit Vorwürfen gegen einen gefeierten Schriftsteller Pädophilie in der Literatur- und Intellektuellenszene angeprangert. Der Schock saß tief, Aktivistinnen schrieben an Pariser Hauswände: „Vanessa, wir glauben dir.“ Doch nun haben Kouchners Enthüllungen die Wut zum Überkochen gebracht.

Im Netz teilten zuletzt zahlreiche Opfer unter dem Schlagwort #MetooInceste ihre Missbrauchserfahrungen innerhalb ihrer Familien - berichteten von Schuldgefühlen und Machtlosigkeit. Einer Schätzung des Umfrageinstituts Ipsos zufolge basierend auf einer Umfrage sind zehn Prozent der Menschen im Land Opfer von Inzest. Die Mehrheit der Opfer sind demnach Frauen. Die aktuellen Vorwürfe treffen bekannte Schauspieler genauso wie Politiker - und beschäftigen mittlerweile auch die Justiz.

Im Fokus steht in der Debatte auch eine gesetzliche Regelung, die es möglich macht, dass Volljährige nach Sex mit Minderjährigen milde bestraft oder gar freigesprochen werden. Das ist möglich, weil das Gesetz in Frankreich bei sexuellen Handlungen mit unter 15-Jährigen eine Zustimmung des Kindes als entlastenden Faktor berücksichtigt. Es obliegt den Gerichten zu beurteilen, ob der oder die Minderjährige in der Lage gewesen sei, in die sexuelle Beziehung einzuwilligen.

Ein kleiner Fortschritt reicht nicht

Das will Frankreichs Regierung nun ändern und ein sogenanntes Schutzalter einführen. Wer in Deutschland zum Beispiel einvernehmlichen Sex haben möchte, muss mindestens 14 Jahre alt sein. „Ein Akt der sexuellen Penetration, der von einem Erwachsenen an einem Minderjährigen unter 15 Jahren durchgeführt wird, wird als eine Vergewaltigung gewertet werden“, stellte Frankreichs Justizminister Eric Dupond-Moretti jüngst klar. Es gebe eine Wende in der Gesellschaft, das Gesetz müsse dahingehend geändert werden. Zuvor hatte Präsident Emmanuel Macron Druck gemacht.

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„Nachdem die Opfer die Kraft und den Mut gefunden haben, die Augen der Gesellschaft weit zu öffnen, können Sie, die die Gesetze machen, nicht die Einzigen bleiben, die sie teilweise verschließen“, heißt es in einem offenen Brief an die Regierung, den etwa Sängerin Carla Bruni, Schauspielerin Juliette Binoche und Fußball-Nationaltrainer Didier Deschamps unterzeichnet haben. Ihnen gehen die Versprechungen der Regierung nicht weit genug. „Wir können uns nicht mit Ihren kleinen Fortschritten zufrieden geben, dafür sind unsere Erwartungen viel zu hoch.“

Studentinnen prangern sexistisches Verhalten an

Doch der Aufschrei in Frankreich geht über das bisherige Tabuthema Inzest hinaus. Zuletzt berichteten Studentinnen von sexualisierter Gewalt an der Elite-Hochschule Sciences Po. Sie gilt im Land als „Hochschule der Macht“ - Macron gehört ebenso zu den Absolventen wie Topmanager der Wirtschaft. Unter dem Hashtag #SciencesPorcs – ein Wortspiel mit dem französischen Wort für Schwein - porc - teilen sie ihre Erlebnisse.

Die Studentinnen prangern sexistisches Verhalten und sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung, an und werfen der Univerwaltung vor, die Täter - Studenten oder Professoren - zu schützen. Bisherige Maßnahmen seien offenbar nicht ausreichend gewesen, reagierte nun etwa die Sciences Po in Straßburg. „In der Tat muss das Schweigen gebrochen werden und diese Tatsachen werden keineswegs auf die leichte Schulter genommen.“ Die Wut im Land - sie indes hält an.

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RND/dpa

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