Informativ oder moralisch verwerflich?

Wie eine Reiseagentur den Tourismus in der Ukraine hochfahren will

Zerstörte Straßen in Butscha. In dem Ort lebte auch Natalja K.

Zerstörte Straßen in Butscha - nun sollen der Tourismus zurückkommen.

Leichen am Straßenrand, die Hände zusammengebunden. Menschen, vom Fahrrad geschossen. Hunde, die an der Seite ihrer toten Frauchen und Herrchen weilen. Die Bilder aus Butscha haben sich am 1. und 2. April dieses Jahres in das weltweite Gedächtnis gebrannt. 458 Leichen wurden bisher gefunden. Die Stadt steht wie auch Irpin und andere Orte für die schlimmsten Kriegsverbrechen, die Russland in der Ukraine verübte.

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Doch in Butscha ist wieder so etwas wie Alltag eingekehrt. Einige Menschen, die geflohen waren, sind zurück. Nun lebt die Stadt, wie es sich nach dem Massaker leben lässt. Und das soll die Welt auch sehen. Zumindest, wenn es nach der ukrainischen Touristen­organisation Visit Ukraine geht. Die hat nämlich den Tourismus in dem osteuropäischen Land wieder­aufgenommen. Sightseeing­touren in Kiew sind aktuell am gefragtesten, aber es sind auch andere im Angebot: etwa die Tour in die „mutigen Städte“ der Ukraine – Städte, die im Krieg zerstört wurden, deren Einwohner und Einwohnerinnen aber Widerstand leisten. Städte wie Butscha oder Irpin.

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Sind Selfies von Influencern vor zerbombten Häusern bald Realität?

Werden wir auf Instagram nun bald Bilder und Selfies sehen von Orten, an denen vor Monaten noch Leichen lagen? Influencerinnen und Influencer, die mit lachendem Gesicht durch die Straßen Butschas spazieren und vor zerbombten Wohnhäusern posieren? „Wir glauben, dass nur durch Fotos der ganzen Welt gezeigt werden kann, was der Aggressor Russland getan hat. Aber auf keinen Fall sollten die Reisenden an solchen Orten Werbung machen“, sagt ein Mitarbeiter bei Visit Ukraine, der nur Oleksii genannt werden möchte, dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

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Touristische Unternehmungen an Orten mit dunkler Geschichte hätten eine Tradition in der Ukraine, etwa in Babyn Jar, wo die Nazis 1941 binnen 48 Stunden 33.000 Juden und Jüdinnen ermordeten, oder in Tschernobyl, in der Sperrzone des Atomkraftwerkes. „So zeigen wir der Welt die Tragödien, die hier passieren“, sagt er.

Touristische Nachfragen nehmen zu – vor allem für Kiew

Die Plattform Visit Ukraine besteht bereits seit 2018, im Zuge der Corona-Pandemie wurde 2021 der Ableger Visit Ukraine Today erschaffen. Auf der Website stellen verschiedene lokale Reiseanbieter, darunter etwa Stadt­führerinnen und Stadtführer, Tourguides und Reiseleiterinnen und Reiseleiter, ihre Angebote vor, Touristinnen und Touristen können direkt über die Seite buchen. Nach dem Überfall Russlands im Februar ruhte der Betrieb vorübergehend, doch bereits seit Mai nahmen die Nachfragen zu, damals vor allem von Ukrainern und Ukrainerinnen. Im Juli habe es 100 Touren gegeben, im August 200, sagt Oleksii. Vor allem die Hauptstadt­region Kiew sei gefragt.

„Die bei uns gekauften Reisen führen hauptsächlich in den Westen der Ukraine, die meisten werden auch von Ukrainerinnen und Ukrainern gekauft“, sagt Oleksii, einer der Anbieter von Touren via Visit Ukraine Today. Es sei der Wunsch vieler Menschen in der Ukraine, den Tourismus weiterzuentwickeln und die Wahrheit darüber zu zeigen, was im Land passiere.

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„Menschen haben Bedürfnis, Spuren des Krieges zu sehen“

Durch die Medien­berichterstattung und Besuche von Politik­prominenz und anderen Bekannten steige auch das Interesse im Ausland, die Schauplätze des Krieges zu besuchen und zu erleben, wie es der Ukraine gehe. „Wir haben festgestellt, dass viele Menschen das Bedürfnis haben, die Spuren des Krieges mit eigenen Augen zu sehen“, sagt Anton Taranenko, CEO von Visit Ukraine, in einer Mitteilung. Die Orte seien „ein Mahnmal unter freiem Himmel“, betont er.

„Solche Reisen sind erst einmal heikel, weil sie viel Fingerspitzen­gefühl von den Anbietern erfordern“, sagt Harald Friedl von der FH Joanneum, der sich mit Ethik im Tourismus beschäftigt. „Es geht darum, wie sensibel und qualifiziert ein Unternehmen ist und wie es auf eine Gruppe vor Ort einwirken kann.“ Es sei ein schmaler Grat zwischen Missbrauch der Einheimischen durch Zur-Schau-Stellen und dem finanziellen Profit, den der Tourismus bringt. „Wichtig ist, dass man sich am Leid der anderen, an der persönlichen Tragödie, nicht ergötzen darf“, sagt Friedl dem RND.

Ukrainische Regierung rät von Reisen ab

„Wir sind der Meinung, dass der Tourismussektor unterstützt werden muss“, entgegnet Oleksii. Wenngleich er einräumt: In der Ukraine ist man, wie andernorts, nicht komplett überzeugt davon, schon jetzt Touristinnen und Touristen an die Kriegsschauplätze zu locken. „Manche sind dafür, manche nicht. Aber wir möchten noch einmal darauf hinweisen, dass dies für uns eine Gelegenheit ist, die Wahrheit über die Ukraine zu erzählen“, sagt der Reise­leiter. Zudem würde das gesamte Geld, das die Agenturen einnähmen, in den Wiederaufbau und die Hilfe für Kriegsopfer gehen.

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Die ukrainische Regierung steht dem Vorhaben noch skeptisch gegenüber. „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für einen Besuch“, sagte Mariana Oleskiw, Vorsitzende der Staatlichen Agentur für Tourismus­entwicklung der Ukraine (SATD), gegenüber CNN. Dem RND sagte sie, dass Sicherheit Priorität habe. „In einem Land, das sich im Krieg befindet, ist kein Ort zu 100 Prozent sicher“. Auch Deutschland hat eine Reisewarnung für die Ukraine ausgesprochen.

Ukraine plant den touristischen Neustart - nach dem Krieg

Der Staat setzt daher auf die Zukunft. „Visit Ukraine in the Future“ heißt ein Programm, das SATD zusammen mit lokalen Partnern aufgelegt hat. Schon vor Monaten konnten Reisende dabei Unterkünfte und Aktivitäten in der Zukunft buchen - allerdings mit dem Risiko, die Reise nicht antreten zu können, weil der Krieg bis zum Reisezeitraum noch nicht beendet ist. Das so gesammelte Geld sei für wohltätige Zwecke und zur Unterstützung der ukrainischen Hotellerie verwendet worden, sagt Oleskiw dem RND.

„Wir wollen, dass sich die Welt daran erinnert, dass die Ukraine ein großartiges Reiseziel ist“, sagt sie. Man wolle nach Kriegsende Menschen in der Ukraine wie aus dem Ausland zeigen, dass die Ukraine ein „unbeugsames Land“ sei. Touristinnen und Touristen sollen „unsere tapferen Bürger“ kennenlernen. „Wir arbeiten an der Schaffung neuer Routen, die Orte der Erinnerung einschließen, um zu zeigen, was in der Ukraine passiert“, so Oleskiw.

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Touren nach Butscha und Irpin können bereits gebucht werden

Aktiv wolle man nicht werben, die Angebote gebe es lediglich auf der Website, sagt Oleksii. „Aber es ist die Entscheidung jedes Einzelnen, ob er fernbleibt oder kommen will – oder erst nach dem Sieg kommen will.“ Wenn ein Ausländer oder eine Ausländerin aber entschieden habe, in die Ukraine zu reisen, sei es die Aufgabe von Visit Ukraine, über Sicherheitsrisiken, Nahrungsmittel­sicherheit und Regeln aufzuklären. Urlaub zwischen Sirenengeheul und Landminen – das bedarf Vorbereitungen. Gleichzeitig betont CEO Taranenko bei CNN, dass es zwar nirgendwo 100 Prozent Sicherheit gebe, Kiew aber eine sichere Stadt sei.

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Während in Kiew täglich touristische Touren stattfinden und Bars und Restaurants geöffnet sind, gibt es derzeit noch keine Ausflüge nach Irpin und Butscha. Sie können zwar bereits gebucht werden, aktuell sei man aber noch im Austausch darüber, wie der Tourismus dort aussehen soll, sagt Oleksii. „Wir wissen nicht, wie die Einwohner reagieren werden“, sagt er. „Ein Teil der Bürger ist der Meinung, dass die Welt so viel wie möglich über die Geschehnisse in der Ukraine sehen und hören sollte, und einige sind gegen jede Einmischung von außen. Wenn jedoch Journalisten und Fotografen kommen, nehmen die Bürger solche Besuche positiv wahr. Sie nutzen die Gelegenheit, über die Gäste der Welt die Tragödie des Landes zu vermitteln.“

Reiseethiker: Reisen in Kriegsgebiete können Solidarität vermitteln

Im Austausch sieht auch Reiseethiker Friedl eine große Chance. „Es können Begegnungsräume geschaffen werden, und Betroffene können ihre Situation darlegen. Das trägt zur Solidarität bei“, sagt er, der selbst schon in zahlreichen Kriegs- und Krisengebieten von Jemen bis Syrien unterwegs war. „Wichtig ist ein respektvoller Umgang miteinander.“ Klassischen „Dark Tourism“ habe es immer gegeben, sagt Friedl. Das sei per se auch nicht verwerflich. Vielmehr sei die Intention relevant, mit der Menschen kommen. So ist es möglich, dass Reisende auf Probleme noch einmal ganz anders aufmerksam machen, dass sie Geld ins Land bringen und die Wirtschaft ankurbeln.

Aber kann dieser respektvolle Umgang garantiert werden? Über Visit Ukraine Today kann sich zunächst einmal jede und jeder für Touren anmelden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Person ein ernsthaftes Interesse am Austausch hat, ob sie sich auf die Menschen vor Ort einlassen möchte oder ob es um Effekt­hascherei geht. „Es gibt einfach Idioten“, sagt Friedl. Er würde daher ein Konzept begrüßen, das im Vorfeld bereits einige Dinge klärt, etwa, dass Handys und Kameras zunächst einmal im Rucksack bleiben und nicht sofort auf Menschen und Orte gerichtet werden. „Man muss da behutsam und sensibel sein“, so der Experte. „Es wird problematisch, wenn Betroffene zu Schauobjekten degradiert werden.“

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Reisen nach Butscha: „Die persönliche Trauer der Opfer wird nicht beeinträchtigt“

Oleksii erklärt, dass man sich des Problems bewusst sei. „Wir setzen uns für moralische und ethische Standards ein“, sagt er. Die Idee der gesamten Plattform sei aus Liebe zum Tourismus, zum Heimatland entstanden. Er stellt klar: „Bei unseren Touren geht es nicht um den Kummer der Menschen. Die Touren werden so gestaltet, dass sie die persönliche Trauer der Opfer nicht beeinträchtigen und den persönlichen Raum der Menschen nicht verletzen“, sagt er. Es gehe darum, ein umfassendes und vollständiges Bild der Ereignisse zu präsentieren. Damit wolle man der Welt die Augen öffnen.

Fünf Millionen Menschen aus dem Ausland sind seit Kriegsbeginn in die Ukraine gekommen. Darunter finden sich Medienschaffende, Freiwillige, Prominente, Verwandte. Nun sollen also die ersten ausländischen Gäste kommen. Rund 200 Touren wird es im August geben, vor allem im Westen der Ukraine und in der Hauptstadt Kiew. Erstmals sind nun auch internationale Reisende dabei: Mehrere haben sich für die Ausflüge angemeldet, darunter allein 15 Amerikaner und Amerikanerinnen, wie Taranenko sagt. Vor dem Krieg, sagt Oleksii, habe der Tourismus 3 Prozent des Brutto­sozial­produktes ausgemacht. Nun gehe es darum, den Tourismus und damit auch die Wirtschaft wieder zu stärken. „Ethisches Reisen“, sagt Friedl, „gibt beiden Seiten ein gutes Gefühl und trägt zur Völkerverständigung bei.“

Auch ohne Bombardierung ist Kiew weiterhin Kriegsgebiet

Die Region Kiew ist derzeit zwar kein umkämpftes Gebiet, dennoch sollten sich Reisende aber bewusst darüber sein, dass sie in ein Kriegsgebiet fahren. Friedl hält es für wichtig, dass Sicherheitsregeln eingehalten werden – nicht nur zum Schutz der internationalen Touristen und Touristinnen. „Wenn durch leichtsinniges Verhalten von Reisenden Ressourcen vor Ort gebunden werden und andernorts fehlen, kann das für die lokale Bevölkerung gefährlich werden“, sagt er. Wichtig sei, dass Reisende nicht zusätzlich Probleme schaffen.

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Und genau hier sieht Charlie McGrath, Inhaber der britischen Organisation Objective Travel Safety, ein Risiko. „Aufgrund der ständigen willkürlichen russischen Angriffe rate ich zu äußerster Vorsicht“, sagt er gegenüber CNN. „Auch wenn der äußerste Westen der Ukraine relativ sicher ist und das Leben weiterzugehen scheint, ist es wie ein Würfelspiel.“

Visit Ukraine hat einige Vorkehrungen getroffen. Weil in den meisten Ländern Reiseversicherungen beim Besuch eines Kriegsgebietes nicht greifen, kooperiert man mit einem lokalen Versicherungs­unternehmen. Zudem wurde eine Schritt-für-Schritt-Anleitung entwickelt, in der es etwa heißt, man solle nicht individuell reisen, weil die Reiseleiter die Sicherheits­situation täglich mehrfach evaluieren. Der Staat, berichtet Oleksii, arbeite gerade an einem speziellen Format, um internationale Reisende wieder in die Ukraine zu holen. Darin soll auch geklärt werden, wie ethisches Reisen an Gedenkstätten möglich ist.

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