30. Geburtstag des Kinder- und Jugendtelefons Göttingen

Prof. Christian Pfeiffer spricht über die Entwicklung des Jugendschutzes

Prof. Christian Pfeiffer

Prof. Christian Pfeiffer

Göttingen. Wenn die Göttinger "Nummer gegen Kummer" ihren Geburtstag begeht, begrüßt die Vereinsvorsitzende Gisela Wetzel-Willert Kollegen aus Hamburg, Bremen oder Hildesheim. Klaus Hoppe, Vorsitzender des Dachverbandes, hob in seinem Grußwort hervor, dass auch das Kinder- und Jugendtelefon an seine Grenze stößt. Zwar gibt es seit 2002 eine Online-Beratung, doch kristallisiere sich heraus, "dass wir der Schnelllebigkeit der Schnelllebigkeit der Zeit nicht folgen können und wollen".

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Bürgermeisterin Helmi Behbehani (SPD), die im Namen der Stadt eine "weiterhin erfolgreiche Arbeit" wünschte, hatte etwas Pech mit ihrem Grußwort: Kurz nachdem sie konstatiert hatte "Das Wetter hält", begann es zu regnen, und es folgte der Umzug vom Kirchhof in die Kirche. Hier beleuchtete der Kriminologe Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und von 2000 bis 2003 für die SPD niedersächsischer Justizminister, die Geburtsstunde des Jugendschutzes in Deutschland - am 22. Oktober 1978.

Astrid Lindgren hält aufrüttelnde Rede in der Paulskirche

In der Frankfurter Paulskirche hielt eine schwedische Kinderbuchautorin, die gerade mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden war, eine aufrüttelnde Rede. Astrid Lindgren berichtete von einer Mutter, die ihren Sohn bat, im Garten einen Stock zur eigenen Züchtigung zu suchen. Der Junge kam weinend zurück, hatte keinen Stock gefunden, dafür einen Stein gebracht: "Den kannst du ja nach mir werfen" – die Mutter nahm ihren Sohn daraufhin in den Arm, bemerkte ihren Irrweg und hob den Stein als stete Mahnung auf.

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„Ich fuhr rechts ran“, berichtete Pfeiffer, der die Liveübertragung der Rede im Autoradio verfolgt hatte, „das ist eine Botschaft, die man als Kriminologe aufgreifen kann“. In Schweden wurde dank Lindgren Kinderzüchtigung bereits 1979 verboten und die Nachricht auf Vorschlag der Autorin auf Milchpackungen verbreitet. Pfeiffer: „Eine geniale Idee.“ In Deutschland dauerte es nach der Paulskirchen-Rede noch 22 Jahre, bis die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechts in ein Gesetz gegossen wurde.

Christian Pfeiffer und Kollegen messen „Hiebe und Liebe“

Die Entwicklung hierzulande macht Mut: Pfeiffer und Mitstreiter haben in den vergangenen Jahren „Hiebe und Liebe“ gemessen und am Beispiel „Liebe“ (Wie oft bist du in der Kindheit in den Arm genommen, gelobt oder getröstet worden?) lässt sich ein eindeutiger Trend ablesen – in den 30er- bis 50er-Jahren berichteten noch 40 bis 50 Prozent von „intensiver Liebe“, heute sind es 71 Prozent, bei den Jugendlichen sogar 75 Prozent.

Weitere Erkenntnisse der Wissenschaftler: Innerfamiliäre Gewalt ist deutlich zurückgegangen. Rechtsextremismus erwächst unter anderem aus der Prügelerfahrung zu Hause (was die „Ärzte“ und ihren Song „Schrei nach Liebe“ bestätigt). Selbstmorde in der Familie werden durch Liebesentzug und Schläge „produziert“, so Pfeiffer: „Nur sagt das keiner am Grab des Kindes.“ Und schließlich das Phänomen der greisen Eltern, die von den eigenen Kindern misshandelt werden: „Jeder kriegt im Alter das, was er verdient. Wer seine Kinder gezüchtigt hat, kriegt es voll zurück.“

„Massenimport“ von Flüchtlingen als Herausforderung

Eine Herausforderung bezüglich des Kampfes gegen innerfamiliäre Gewalt zeichne sich, so Pfeiffer, durch den „Massenimport“ von Flüchtlingen ab. Hier müsse das Kinder- und Jugendtelefon zukünftig dringend einen sprachmächtigen Service für Flüchtlingskinder anbieten. Das Schlusswort aber hatte Astrid Lindgren: Ob sich ein Mensch destruktiv oder liebevoll entwickle, „das entscheiden die, denen das Kind anvertraut ist – ob sie Liebe zeigen oder dieses nicht tun“, sagte sie in der Paulskirche.

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Von Eduard Warda

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