Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Anzeige
Deutsches Theater Göttingen Journal

Impfstoff gegen zukünftige Rückfälle

Der tätowierte Mann

Impfstoff gegen zukünftige Rückfälle Bildunterschrift anzeigen Bildunterschrift anzeigen

Meinung

In »Der tätowierte Mann« hast du Interviews, die du mit Überlebenden des Holocausts geführt hast, literarisch verdichtet. Wie kamst du dazu, diese Interviews zu führen?  

Peter Wortsman im Gespräch zu seinem Theaterstück »Der tätowierte Mann«

Als in New York geborener Sohn österreichisch-jüdischer Flüchtlinge aus Wien, kam es mir immer so vor, als wäre ich im Schatten von Flammen geboren, als ob alles Bedeutsame und Folgenschwere schon vor meiner Geburt geschehen wäre und dass ich eigentlich kein Recht auf eigene Erlebnisse hätte, weil man sie immer als belang- und folgenlos bewerten würde im Vergleich zu dem, was meine Eltern erlebt hatten. Zwar sind sie rechtzeitig ausgewandert und damit vom Schlimmsten verschont geblieben, aber manche Familienangehörigen sind in den Lagern umgekommen. Dies war der Hintergrund all der Alpträume in meiner Kindheit, in denen ich von gesichtslosen, schwarz-gestiefelten SS-Wächtern gejagt wurde. Später, als erwachsener Schriftsteller nach einem Lebenssinn suchend, wollte ich unbedingt einen Blick in die Hölle werfen. 1974 hatte ich, dank eines Stipendiums der Thomas J. Watson Foundation, endlich die Gelegenheit, ein Jahr in Wien zu verbringen, wo ich Überlebende der KZs aufsuchte. Das Thema war damals noch tabu und es war schwer, Zeitzeugen zu finden, die bereit waren, von ihren Erlebnissen zu erzählen. 
  

Impfstoff gegen zukünftige Rückfälle-2

Damit hattest du vermutlich viele Stunden Gespräche auf Tonbändern. Warum hast du dich dann entschieden, einen einzigen Mann sprechen zu lassen?

Tatsächlich habe ich viele Stunden Gespräche mit vielen Überlebenden auf Tonbändern aufgenommen. Sämtliche Interviews sind jetzt in der Peter Wortsman Collection of Oral History im U.S. Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. zu finden. Die Zeitzeugenaussagen waren überwältigend. So viel Trauer. So viele Tragödien. Lange wusste ich nicht, was ich damit anfangen soll und vor allem wie ich die grausame Wahrheit auf verständliche Weise würdigen kann. Mit sechs Millionen kann man sich unmöglich identifizieren. Schließlich sind die vielen Berichte in einem einzigen verschmolzen. Der alte Mann ist eine Art von Jedermann geworden, in dessen Worten das ganze Grauen einem heutigen Publikum dramatisch greifbar gemacht werden kann.

Wenn du für Menschen heute das Grauen mit deinem Theatertext greifbar machst, ist das für dich ein Teil der Erinnerungskultur oder des kollektiven Gedächtnisses oder spielt für dich etwas anderes eine wichtigere Rolle?

Nach dem Krieg bekamen die Überlebenden des Grauens, wie meine Eltern, monatlich eine bescheidene Summe Geld, die sogenannte Wiedergutmachung. Meiner Meinung nach ein höchst fragwürdiger Begriff, als ob man jemals den Massenmord und die unsäglichen Verbrechen abrechnen und entgelten und das begangene Übel wieder gutmachen könnte. Das, was mal geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden, es gehört zu dem, was wir alle gemeinsam geerbt haben. Es geht hier nicht um deutsche Schuld und Sühne, sondern um eine kollektive Anerkennung dessen, was die Menschheit, und im Besonderen die sogenannte zivilisierte Welt, unter bestimmten Umständen zu tun im stande ist. Eine Art von Impfstoff gegen zukünftige Rückfälle. Im Theater, so wie im Traum, löst sich der Einzelne in die Menge auf, um danach etwas verändert wieder bei sich zu sein. Die Kunst kann nicht heilen, sie kann uns bestenfalls unter die Haut gehen und mit Wahrheit wachrütteln.

Die Fragen stellte Sonja Bachmann. 
  

Der tätowierte Mann

Uraufführung Peter Wortsman

Regie, Bühne und Kostüme Kevin Barz Video Johannes Wagner Musik Paul Brody Dramaturgie Sonja Bachmann Mit Anna Paula Muth, Paul Wenning

Nächste Vorstellungen 3. Dezember und 21. Januar / dt.2