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Vorerbe, Nacherbe, Ersatzerbe oder Schlusserbe?

Erklärungen zur gesetzlichen Erbfolge

Vorerbe, Nacherbe, Ersatzerbe oder Schlusserbe? Bildunterschrift anzeigen Bildunterschrift anzeigen

Sich bei der Abfassung des Testamentes professionelle Unterstützung zu nehmen, kann den Erben Streit und Anwaltskosten ersparen. FOTO: ADOBESTOCK

Das deutsche Zivilrecht hat international einen guten Ruf. Seine Grundlage, das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), ist ein Exportschlager. Es ist geprägt durch eine hohe begriffliche Präzision, viele Rechtsfragen lassen sich durch einen Blick ins Gesetz beantworten. Allerdings ist der Preis dafür eine hohe Abstraktion und eine Sprache, die für Laien oftmals unverständlich ist.

Was es beim Formulieren des Testamentes zu beachten gilt

Der fünfte Teil des BGB, in dem das Erbrecht abgehandelt wird, macht da keine Ausnahme: Wer kennt schon den Unterschied zwischen Vorerbe und Nacherbe, Ersatzerbe und Schlusserbe? Was unterscheidet das Vermächtnis vom Vorvermächtnis und wie verhält sich dazu das Vorausver-mächtnis? Für den Juristen ist vollkommen klar, was jeweils gemeint ist; umgangssprachlich werden die Begriffe Erbe und Vermächtnis allerdings oft synonym verwendet, obwohl sie völlig unterschiedliche Bedeutungen haben.

Wer sich daran macht, sein Testament ohne Unterstützung zu formulieren, läuft daher Gefahr, unbewusst und ungewollt Schaden anzurichten. Für denjenigen, der seine Gedanken niederschreibt, ist klar, was er meint. Für die Nachwelt gilt das oftmals nicht. Der Verfasser ist nur leider dann, wenn es darauf ankommt, nicht mehr erreichbar. 
  

Vorerbe, Nacherbe, Ersatzerbe oder Schlusserbe?-2
FOTO: PRIVAT

Zwei Fälle aus der Praxis: Erblasser E hat in seinem Testament „meiner Lebensgefährtin L“ einen Geldbetrag in Höhe von 50.000 Euro vermacht. Als E viele Jahre nach Abfassen des Testaments verstirbt, sind er und die L schon längere Zeit nicht mehr zusammen, da L sich von E getrennt hatte. Stehen L trotzdem die 50.000 Euro zu? Der Sohn des E (von dem L die Zahlung der 50.000 Euro verlangt) argumentiert, im Testament stehe eindeutig „meiner Lebensgefährtin“, wodurch zum Ausdruck gebracht wurde, dass das (Fort-) Bestehen der Beziehung die Geschäftsgrundlage des Vermächtnisses sei. L argumentiert hingegen, den Worten „meiner Lebensgefährtin“ lasse sich eine solche Bedingung keineswegs entnehmen, zumal es E nach der Trennung ja freigestanden hätte, das Testament zu ändern. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Die Anwälte freuen sich!

Zweiter Fall: „Mein Sohn erhält die Wohnung, meine Tochter das Haus.“ Wenn die Wohnung 400.000 Euro wert ist und das Haus 600.000 Euro, könnte man an eine Quotelung 40 zu 60 denken. Oder wollte der Erblasser, der zu Lebzeiten immer sehr auf Gerechtigkeit bedacht war, dass Sohn und Tochter gleichbehandelt werden? Sollten sie also jeder Erbe zur Hälfte werden? Dann wäre der Sohn, wenn das Erbe nur aus den Immobilien besteht, berechtigt, von seiner Schwester einen Ausgleich von 100.000 Euro zu verlangen. Wo soll diese aber das Geld hernehmen? Und was ist, wenn die Wohnung, etwa durch eine neugebaute Schnellstraße, nach Errichtung des Testamentes erheblich an Wert verloren hat? Solles auf den Wert zum Zeitpunkt der Errichtung des Testamentes ankommen ode rauf den Zeitpunkt des Erbfalls?

Wer seinen Erben Streit- und Anwaltskosten ersparen will, ist daher gut beraten, sich bei der Abfassung seines Testamentes professionelle Unterstützung zu nehmen. Dr. Patrick Riebe, Rechtsanwalt und Notar, Fachanwalt für Erbrecht, Fachanwalt für Steuerrecht 
www.langmack-riebe.de

Wer erbt, wenn ich kein Testament habe?

Erklärungen zur gesetzlichen Erbfolge

Wenn kein Testament vorliegt, greift in Deutschland die gesetzliche Erbfolge. Danach gehen zum Beispiel Geschwister und Enkelkinder häufig leer aus – ebenso unverheiratete Partnerinnen und Partner.

Das Netzwerk Deutscher Erbrechtsexperten e.V. (NDEEX) erklärt die Erbfolge: Im Erbrecht werden die Verwandten der verstorbenen Person in Ordnungen aufgeteilt. Verwandte erster Ordnung sind die eigenen Kinder sowie Enkelkinder. Verwandte zweiter Ordnung sind Eltern, Geschwister sowie Nichten und Neffen. Die Verwandten dritter Ordnung schließlich sind Großeltern sowie Onkel und Tanten. Verwandte näherer Ordnungen schließen Verwandte entfernterer Ordnungen von der Erbfolge aus. Das bedeutet: Sofern eine Frau Kinder oder Enkelkinder hinterlässt, erben ihre Eltern und Geschwister nichts. Außerdem erben zunächst die Personen mit einer direkten Verbindung.

Eheleute haben ein Sondererbrecht: Sie erben, obwohl sie mit der verstorbenen Person nicht verwandt waren, und zwar ein Viertel des Erbes, sofern Kinder, Enkel oder Urenkel vorhanden sind.

Wenn das nicht der Fall ist, aber noch andere Verwandte leben, erhalten sie die Hälfte. Unverheiratete Paare kommen in der gesetzlichen Erbfolge nicht vor. Stattdessen erben die Verwandten der verstorbenen Person gemäß der gesetzlichen Erbfolge.

„Wer das vermeiden will, sollte ein Testament errichten“, erklärt Michaela Porten-Biwer, NDEEX-Mitglied und Fachanwältin für Erbrecht.

Probleme und Konflikte

„Da die gesetzliche Erbfolge Quoten vorsieht, kommt es in der Praxis häufig zur Bildung von Erbengemeinschaften, zum Beispiel bestehend aus drei Geschwistern, die zu gleichen Teilen erben. In diesen Konstellationen gibt es oft Streit über die Nutzung, Verwaltung und Verwertung des Nachlasses – beispielsweise, wenn es darum geht, was mit dem Elternhaus passieren soll. Außerdem entspricht die gesetzliche Erbfolge häufig nicht den Wünschen der verstorbenen Person“, weiß Michaela Porten-Biwer. „Insofern ist es für die meisten Menschen sinnvoll, ein Testament zu verfassen oder sich zumindest einmal mit der gesetzlichen Erbfolge zu befassen.“ ots