Kampf gegen Putins wichtigste Einnahmequelle

Das Öl-Monopoly: Wie ein Boykott und ein Preislimit wirken

Die Anlagen der Erdölraffinerie auf dem Industriegelände der PCK-Raffinerie GmbH sind abends beleuchtet.

Die Anlagen der Erdölraffinerie auf dem Industriegelände der PCK-Raffinerie GmbH sind abends beleuchtet.

Frankfurt am Main. Von Montag an will die EU kein russisches Erdöl mehr über den Seeweg importieren. Wir erläutern, was dies für die Versorgung mit dem wichtigsten Rohstoff und für die Preise an den Tankstellen bedeutet.

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Hohe Spritpreise: Das Rekordjahr steht schon fest.

Jetzt steht es auch rein rechnerisch fest: 2022 ist das teuerste Tankjahr aller Zeiten.

Wie ist die aktuelle Lage beim Rohöl?

Schwer überschaubar. Es geht um ein ganzes Bündel an Faktoren, die alle miteinander verknüpft sind. Auch erfahrene Experten und Analysten tun sich schwer, die Entwicklung einzuschätzen. Fest steht nur, dass die EU von Montag an kein Rohöl mehr, das auf dem Seeweg kommt, importieren will. Eine solche Entscheidung allein würde aber die Gefahr bergen, dass Preise in die Höhe schießen, was mit einem Abstand von wenigen Tagen Heizöl und Kraftstoff auch hierzulande deutlich verteuern würde.

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Was wird gegen einen Preisschub unternommen?

Insbesondere auf Dringen der USA soll eine Preisobergrenze für russisches Öl festgelegt werden. Dies wurde auf der Ebene der G7-Staaten vereinbart. Lange wurde innerhalb der EU-Staaten gestritten, wo dieses Limit liegt. Nun sollen es offenbar 60 Dollar pro Fass (159 Liter) werden. Die Obergrenze soll international durchgesetzt werden, indem für Schiffstransporte, Finanzierungen und Versicherungen Restriktionen eingeführt werden: Diese Dienstleistungen sollen für Tanker nur gewährt werden, wenn das Öl an Bord für weniger als die 60 Dollar verkauft wird. EU und G7 können solche Beschränkungen durchsetzen, weil ein Großteil der Dienstleistungen von europäischen Firmen abgewickelt wird und weil viele Öltanker, die russisches Öl transportieren, von griechische Reedereien gestellt werden. Mit der Kombination aus Preislimit und Importboykott sollen Putins Einnahmen aus dem Ölgeschäft gestutzt werden.

Woran hängt es noch?

Ein wichtiger Punkt ist, dass Polen und die baltischen Länder dem Paket mit den 60 Dollar zugestimmt haben, obwohl sie eigentlich einen noch niedrigeren Deckel gefordert hatten, aber als Gegenleistung nun weitere Sanktionen gegen Russland verlangen. Darüber haben EU-Diplomaten noch am Freitag verhandelt.

Wird der Preisdeckel überhaupt wirken?

Da ist derzeit eine der spannendsten Fragen. Russisches Öl kostet ohnehin schon erheblich weniger als die Referenzsorte Brent (aktuell rund 87 Dollar pro Fass) Nach den Erhebungen des Rohstoff-Informationsdienstes Argus Media wurde zuletzt russisches Öl mit dem Ziel Asien (China und Indien) für rund 73 Dollar verkauft. Für Rohöl, das aus Westrussland verschifft wurde und für Europa bestimmt sein dürfte, wurden aber nur 48 Dollar verlangt. Gut möglich, dass hier die Preisobergrenze bereits vor ihrer Einführung zieht. Wobei Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag hingegen betonte, die Obergrenze spiele gar keine Rolle, da der Marktpreis sowieso darunter liege. Noch ist aber nicht klar, wie Russland reagieren wird, wenn Importboybott und Preislimit endgültig beschlossene Sache sind. Der Kreml hatte zuvor mehrfach gedroht, dass Länder die sich an Obergrenze von EU/G7 halten, überhaupt kein Öl mehr erhielten.

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Was bedeutet das für die EU-Länder?

Auch das ist unklar. Ein Lieferstopp könnte sich auch auf Pipelineöl beziehen. Das würde vor allem Ungarn, Tschechien und die Slowakei betreffen, die von Russland komplett abhängig sind, weil sie über keine Seehäfen verfügen, wo Öl aus anderen Staaten angelandet werden könnte.

Wie sieht es für Deutschland aus?

Deutschland will sich wie viele EU-Staaten ohnehin Anfang Januar von russischen Öllieferungen komplett unabhängig machen. Für die Raffinerien im Westen gibt es keine Probleme, da sie über niederländische und belgische Häfen versorgt werden. Die Raffinerie in Leuna, die dem französischen Total-Konzern gehört, hat bereits auf Öl umgestellt, das aus anderen Ländern stammt und über eine Pipeline von Rostock nach Leuna gepumpt wird. Komplizierter ist es mit der Raffinerie in Schwedt, die bislang über die russische Druschba-Rohrleitung versorgt wurde. Die Kapazität der Rostocker-Pipeline genügt nicht, um auch noch die Anlagen in Brandenburg auszulasten.

Gibt es eine Alternative?

Der Rohstoff könnte per Rohrleitung aus Danzig kommen. Die Bundesregierung verhandelt mit der polnischen Seite seit Monaten über Lieferungen. Nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) steht hier eine Einigung kurz bevor. Gut möglich, dass dabei auch noch über die von Polen geforderten zusätzlichen Sanktionen verhandelt wird.

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Ist die Versorgung gesichert?

Es gibt zahlreiche Warnungen vor Engpässen bei der Versorgung weiter Teile Ostdeutschlands mit Kraftstoff, wofür Schwedt bislang zuständig war. So hat Sören Pellmann von der Linkspartei kürzlich gegenüber dem RND vor einem massiven Anstieg der Spritpreise in Ostdeutschland gewarnt. Brandenburgs Landesregierung sieht hingegen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Versorgung mit Mineralölprodukten gesichert ist. Schon vor Monaten gab es Notfallpläne, die darauf hinausliefen, Kraftstoff auf der Schiene von West nach Ost zu transportieren.

Welche Rolle spielt bei all dem die Opec+?

Das Kartell der Erdölförderer, zu dem auch Russland gehört, trifft sich am Sonntag, um kurzfristig zu entscheiden, wie es mit dem Fördermengen weitergeht, was wiederum eng mit den Preisobergrenzen und ihren Folgen verknüpft ist. Bislang wurde erwartet, dass bestehende Beschlüsse umgesetzt werden, dass also die Förderung im Dezember um eine weitere Million Fass pro Tag reduziert wird, um die Preise hochzuhalten, die zuletzt wegen der weltweit lahmenden Konjunktur nachgegeben hatten.

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Was bedeutet das alles für Autofahrer?

Zuletzt waren die Spritpreise massiv gesunken. Für Steffen Bock vom Vergleichsportal Clever Tanken, hängt nun vieles davon ab, „in welchem Umfang die hiesigen Raffinerien Rohöl ersetzen können oder ob Produktionsausfälle drohen“. Wobei die Problematik mit Schwedt noch dadurch verkompliziert wird, dass Rohöl benötigt wird, das dem russischen mit seinem hohen Schwefelgehalt ähnlich ist. Bock macht aber auch darauf aufmerksam, dass die Opec+ eine weitere Reduzierung der Fördermengen beschließen könnte, was Preise treiben würde. Längerfristig kommt zudem ins Spiel, dass von Anfang Februar an auch noch ein Embargo für Diesel aus Russland in Kraft treten soll. Der Wirtschaftsforscher Jens Südekum erwartet, dass dies „größere Auswirkungen“ haben könnte. Europa ist hier von Importen aus Russland noch stark abhängig.

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