Größter Schritt seit 20 Jahren

Europäische Zentralbank erhöht Leitzins um 0,75 Prozentpunkte

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, spricht bei einer Pressekonferenz (Archivbild).

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, spricht bei einer Pressekonferenz (Archivbild).

Frankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat angesichts der rekordhohen Inflation den Leitzins deutlich erhöht. Die Notenbank kündigte in ihrer Sitzung an diesem Donnerstag in Frankfurt eine Anhebung der Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte an.

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Angekündigt hatte die EZB eine Anhebung um 0,5 Prozentpunkte. Experten gingen jedoch im Vorfeld der Sitzung bereits von einem größeren Schritt der Notenbank aus. Auch die Fachleute verweisen auf die extrem hohe Inflation, die die Währungshüter nach der Zinswende im Juli nun zum Handeln zwinge. Im August hatte die Inflation in der Eurozone mit 9,1 Prozent den höchsten Wert seit Einführung des Euro erreicht. Volkswirte rechnen für die nächsten Monate mit einem weiteren Anstieg.

Inflation in Deutschland: Rate nähert sich 8-Prozent-Marke​

Die Verbraucherpreise in Deutschland ziehen wieder deutlich an. Volkswirte halten in den kommenden Monaten sogar zweistellige Teuerungsraten für möglich.

Die Teuerungsrate im Euroraum wird im laufenden Jahr nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) noch deutlich höher ausfallen als vor drei Monaten erwartet. Die Notenbank rechnet inzwischen mit 8,1 Prozent Inflation im Gesamtjahr 2022. In ihrer Juni-Prognose hatte die EZB noch eine Teuerungsrate von 6,8 Prozent für das laufende Jahr vorhergesagt.

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Für das kommende Jahr rechnet die Notenbank im Jahresschnitt nun mit einer durchschnittlichen Preissteigerung von 5,5 Prozent (Juni-Prognose: 3,5 Prozent). Für 2024 sagt die EZB eine Inflationsrate von 2,3 (2,1) Prozent voraus.

Die Notenbank strebt für den gemeinsamen Währungsraum mittelfristig ein stabiles Preisniveau bei einer jährlichen Teuerungsrate von 2 Prozent an. Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nochmals kräftig anzogen. Die Inflation sei „nach wie vor deutlich zu hoch“ und werde „voraussichtlich für längere Zeit über dem Zielwert bleiben wird“, teilte die EZB mit.

Die Wirtschaft im Euroraum wird nach einem starken ersten Halbjahr der neuesten EZB-Vorhersage zufolge in diesem Jahr um 3,1 (Juni-Prognose: 2,8) Prozent zulegen. 2023 soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Währungsraum demnach um 0,9 (2,1) Prozent wachsen und ein Jahr später um 1,9 (2,1) Prozent.

Im Juli wurden Zinsen erstmals seit elf Jahren angehoben

Nach langem Zögern hatten die Euro-Währungshüter bei ihrer Sitzung am 21. Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euroraum wieder angehoben. Zur Freude von Millionen Sparern beendete der EZB-Rat auf einen Schlag die Phase der Negativzinspolitik: Geschäftsbanken müssen nun nicht mehr 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Dieser Einlagensatz liegt aktuell bei null Prozent. Viele Banken nahmen dies zum Anlass, sogenannte Verwahrentgelte für ihre Kunden abzuschaffen.

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Die EZB hatte die hohe Inflation lange als vorübergehend interpretiert und hat deutlich später als andere viele andere Zentralbanken die Zinswende eingeleitet. Die US-Notenbank Fed beispielweise hat ihre Leitzinsen bereits mehrfach nach oben geschraubt, dabei zweimal um jeweils 0,75 Prozentpunkte.

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Den Leitzins, zu dem sich Kreditinstitute bei der EZB Geld leihen können, hatten die Währungshüter im Juli von null Prozent auf 0,5 Prozent angehoben. Ökonomen halten ein deutlich höheres Zinsniveau für notwendig, um die Inflation wirksam zu bekämpfen. Mit höheren Zinsen kann die Notenbank steigenden Teuerungsraten entgegenwirken.

Es besteht das Risiko, dass die Phase hoher Inflation noch länger anhält und die aktuelle Teuerungswelle nur langsam abebbt.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel

„Wir brauchen im September eine kräftige Zinsanhebung“, mahnte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel nach Bekanntwerden der neuesten Inflationsdaten. „Und in den folgenden Monaten ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen.“ Für immer mehr Menschen werde die hohe Inflation zu einer enormen Belastung. „Es besteht das Risiko, dass die Phase hoher Inflation noch länger anhält und die aktuelle Teuerungswelle nur langsam abebbt“, warnte der Bundesbankpräsident. „Daher ist es dringend notwendig, dass der EZB-Rat bei seiner nächsten Sitzung entschlossen handelt, um die Inflation zu bekämpfen. Andernfalls könnten sich die Inflationserwartungen dauerhaft über unserer Zielmarke von zwei Prozent festsetzen.“

Dax schwächelte vor Leitzinsentscheidung

EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte bei der internationalen Zentralbankenkonferenz im amerikanischen Jackson Hole Ende August gemahnt, mit Entschlossenheit gegen die hartnäckig hohe Teuerung vorzugehen. „Je länger die Inflation hoch bleibt, desto größer ist die Gefahr, dass die Öffentlichkeit das Vertrauen in unsere Entschlossenheit und Fähigkeit verliert, die Kaufkraft zu erhalten“, warnte Schnabel.

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Unter den Währungshütern gibt es allerdings auch Sorge, mit einer zu schnellen Normalisierung der zuvor jahrelang ultralockeren Geldpolitik die Konjunktur zu bremsen, die ohnehin mit Lieferengpässen und den Folgen des Ukraine-Krieges etwa auf dem Energiemarkt zu schaffen hat. Die EZB behält sich daher vor, über Anleihenkäufe hoch verschuldeten Eurostaaten unter die Arme zu greifen.

Vor der Leitzinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) blieb für den Dax die runde Marke von 13.000 Punkten am Donnerstag eine zu hohe Hürde. Nur im frühen Handel lugte der Leitindex darüber, fiel dann aber zurück. Gegen Mittag verbuchte er ein Minus von 0,23 Prozent auf 12.885,82 Punkte.

RND/sic/dpa

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