Amazon und Gewerkschaften: die zähe Zähmung des globalen Giganten?

In den USA wird die Kritik an Amazon lauter.

In den USA wird die Kritik an Amazon lauter.

In den USA ist ein Briefkasten zum Stein des Anstoßes geworden. Er steht neuerdings auf dem Gelände des Amazon-Lagers in Bessemer, Alabama – und wurde aus Sicht von Gewerkschaften dort platziert, um ihnen bei der Abstimmung über eine Gewerkschaftszugehörigkeit des Standorts Briefwahlstimmen abzugraben. Jetzt zieht der Konflikt Kreise, selbst der US-Präsident hat sich eingeschaltet. Und Gewerkschafter auch in Deutschland fragen sich, ob sie nun endlich bei dem Versandgiganten eine Chance haben.

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In den USA muss sich mehr als die Hälfte einer Belegschaft für eine Gewerkschaftszugehörigkeit aussprechen. Geklappt hat das bislang an keinem US-Standort des Konzerns, der in den Vereinigten Staaten mehr als eine Million Menschen beschäftigt. Und der Briefkasten in Bessemer sorgt vor allem für Schlagzeilen, weil er die Belegschaft in der bis Ende März laufenden Abstimmung verunsichern könnte. „Die Menschen befürchten, dass Amazon rausfindet, wie sie abgestimmt haben. Schließlich weiß Amazon sonst alles, was auf dem Betriebsgelände passiert“, zitieren lokale Medien den RWDSU-Gewerkschafter Stuart Applebaum.

Unterstützung von Joe Biden und Black Lives Matter

Denn dass Amazon mit Gewerkschaften und Gewerkschaftern wenig anfangen kann, ist in den USA kein Geheimnis. Auch in Bessemer sprach sich die Standortleitung wiederholt gegen Arbeitnehmervertretungen aus, verteilte Flyer und sprach Medienberichten zufolge sogar Mitarbeiter auf den Toiletten an. Zuletzt hat sich deshalb Joe Biden eingeschaltet. Eine Abstimmung über Gewerkschaftszugehörigkeit sollte ohne Einschüchterungen und Drohungen der Arbeitgeber erfolgen, erklärte der US-Präsident in der vergangenen Woche. „Die Entscheidung liegt bei den Beschäftigten“, bekräftigte Biden – allerdings ohne Amazon beim Namen zu nennen.

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Rückenwind verschafft den Gewerkschaften indes auch der wachsende Unmut der Beschäftigten: Der Digitalkonzern konnte seine Gewinne zuletzt auf 6,9 Milliarden Dollar pro Quartal steigern, während sich weltweit der BBC zufolge mehr als 20.000 Amazon-Beschäftigte mit dem Coronavirus infizierten. Zugleich knüpfen die Arbeitnehmer neue Bündnisse: In Bessemer lobte zuletzt die RWDSU die Hilfe der Black-Lives-Matter-Bewegung. Dass neue Unterstützer wie die demokratische Kongressabgeordnete Cori Bush den Präsidenten kennen, könnte ebenfalls hilfreich sein. Gegenüber der „Washington Post“ zeigte sich am Dienstag die RWDSU verhalten optimistisch, die laufende Abstimmung zu gewinnen.

Verdi hofft auf die US-Kollegen

Auch bei Verdi in Deutschland blickt man hoffnungsvoll auf den Konflikt in Bessemer, die Gewerkschaft erklärt ausdrücklich ihre Solidarität. „Es geht immerhin um Arbeitskämpfe im Heimatland von Amazon, deren Ausgang kann weltweit Strahlkraft entfalten”, sagt Orhan Akman, Leiter des Fachbereichs Handel bei Verdi. Denn auch im stärker von der Sozialpartnerschaft geprägten Europa ist der Einfluss von Gewerkschaften bei Amazon begrenzt. Verdi bestreikt immer wieder einzelne Standorte in Deutschland. Doch der Druck der Gewerkschaften ist offenbar gering, die Forderung nach dem Eintritt in den Tarifvertrag des Einzel- und Versandhandels sitzt der Konzern einfach aus.

Sprechen Gewerkschaften nur für eine Minderheit?

Während Amazon betont, dass eben die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung vergleichsweise gut seien, erklären sich Gewerkschafter ihre Schwäche anders: „Bei Amazon gibt es eine kapitalistische Ideologie von oben – es geht stets gegen Gewerkschaften, aktive Gewerkschaftsmitglieder und Betriebsräte“, sagt Akman. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht er von behinderten Betriebsratswahlen, Streikbruchprämien und illegaler Arbeitnehmerüberwachung. „Mechanismen, die mit der Kultur und mit der Menschenwürde in unserem Land Deutschland nicht vereinbar sind”, findet der Gewerkschafter.

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Amazon Deutschland bestreitet die Vorwürfe, nennt sie „abstrus“ und verweist auf zahlreiche gewonnene Rechtsstreits. „Wir arbeiten eng mit den Betriebsräten in unseren Logistikzentren zusammen, die von allen Mitarbeitern gewählt werden und die gesamte Belegschaft repräsentieren – im Gegensatz zur Gewerkschaft, die nur für eine Minderheit spricht“, betont der Konzern auf Anfrage des RND.

Doch die Auseinandersetzung in den USA prägt die Gewerkschaft noch auf andere Weise: Verdi lässt sich durchaus vom basisorientierten Vorgehen der US-Gewerkschaften inspirieren, animiert Mitarbeiter zum Austausch über Arbeitsbedingungen und schickt einfache Beschäftigte zu internationalen Konferenzen. Auch vor der Zusammenarbeit mit Basisinitiativen schreckt der Verdi-Gewerkschaftsapparat weniger zurück. Amazon Workers International (AWI) etwa ist ein Zusammenschluss, den Gewerkschafter in Anspielung auf den Kommunisten Leo Trotzki zwischendurch als trotzkistisch gebrandmarkt hatten. Mittlerweile stellt man – so wie in Bad Hersfeld – gemeinsam Betriebsratslisten auf.

Basisinitiativen gewinnen an Bedeutung

Für Arbeitskämpfe im internationalen Konzern bergen solche Kooperationen durchaus Potenzial: „AWI-Aktionen sehen so aus, dass einige streiken, während im Ausland andere Protestaktionen durchführen, etwa indem sie Flyer verteilen oder langsamer gearbeitet wird”, erklärt AWI-Aktivist Andreas Gangl aus Bad Hersfeld. Wie viele Beschäftigte Basisinitiativen wie AWI mobilisieren können, zeigte sich zuletzt bei einem eigentlich traurigen Anlass: An einer virtuellen Trauerkundgebung für den kürzlich verstorbenen AWI-Aktivisten Christian Krähling sollen mehr als 1000 Menschen teilgenommen haben – mehr, als manch Verdi-Streik in der Vergangenheit aufbieten konnte.

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