Erdhäuser werden zum Trend: Wohnen wie im Auenland?

Erdhäuser bestehen meist aus Stahlbeton, sind jedoch mit einer dicken Erdschicht umgeben oder direkt in die Erde eingebaut.

Erdhäuser bestehen meist aus Stahlbeton, sind jedoch mit einer dicken Erdschicht umgeben oder direkt in die Erde eingebaut.

Wer sich langsam an die ungewohnte Hausform herantasten will, mietet sich am besten für einige Tage im Feriendorf Auenland im thüringischen Eisfeld ein. Inmitten von Wiesen und dichtem Tannenwald führen hier schmale Steinwege zu den erdbedeckten Unterkünften; abends spiegeln sich die untergehende Sonne und die urigen Laternen in den halbrunden Glastüren, durch die sich die einzelnen Häuser begehen lassen. Im Inneren warten ein gemütlicher Wohnbereich samt Kaminofen, ein Schlafzimmer und ein Bad. Die Möbel, die Türrahmen und Türen zwischen den einzelnen Räumen bestehen aus hellem Holz; es gibt kaum eine gerade Wand. Die im Feriendorf angedeutete Bauweise, die vor allem Liebhaber der Tolkien-Saga begeistern dürfte, ist jedoch mehr als ein ausgefallenes Urlaubskonzept. Denn richtig umgesetzt, bedient ein sogenanntes Erdhaus den Wunsch vieler Bauherren nach mehr Naturnähe.

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Die Idee: Anders als bei den meisten Immobilien spielt bei ihnen der Baustoff Erde eine große Rolle. Dabei bestehen die Häuser selbst meist aus Stahlbeton, sind jedoch mit einer dicken Erdschicht umgeben oder direkt in die Erde eingebaut, was sich beispielsweise bei einer Hanglage anbietet. Auch wenn es sich bei den Erdhäusern bisher noch um einen Nischenmarkt handelt, ist auch hier der allgemeine Nachhaltigkeitstrend zu spüren: “Speziell in den letzten zwei bis drei Jahren haben Erdhäuser sehr an Bedeutung gewonnen, und zwar international”, sagt der schweizerische Architekt Peter Vetsch. Er gilt als Pionier auf dem Gebiet der Erdhäuser und hat bereits über 90 von ihnen auf der ganzen Welt realisiert. Seine Kunden sind meist besonders umweltbewusste Menschen aus allen Schichten.

Natürliche Bauform mit vielen Vorteilen

Gegenüber herkömmlichen Bauten warten die teilweise recht futuristisch anmutenden Gebäude mit mehreren Vorteilen auf. “Auf der bis zu drei Meter dicken Erdschicht ist fast alles möglich”, sagt er, “man kann Bäume darauf pflanzen, einen Spielplatz oder einen Garten anlegen.” Dass das erdbeladene Dach so belastbar ist, liegt an der speziellen Bauweise der Häuser. Organische Formen herrschen hier vor, viele Räume sind abgerundet und die Decken bestehen aus Gewölben, die das Gewicht der Erde auf Wände und Säulen und damit auf den Boden ableiten. Zudem dient der Erdmantel als natürliche Isolation: “Im Sommer braucht es keine Klimaanlage; im Winter muss fast nicht geheizt werden”, sagt Vetsch. In seinen Bauwerken sorgt zudem ein Lehmputz für einen Temperatur- und Feuchtigkeitsausgleich. Lärm oder Zugluft von außen sind ebenfalls kein Problem. Und dadurch, dass das Äußere des Baus von drei Seiten mit Erde umschlossen ist, ist es geschützt vor Umwelteinflüssen – und entsprechend langlebiger.

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Erde und Lehm als Baumaterialien

Eventuelle Nachteile sieht Vetsch einzig für Hausbesitzer, die viele breite Möbel und großformatige Bilder mitbringen wollen. Denn aufgrund der organischen Formen ist es oft nicht leicht, eine freie Wandfläche zu finden, die groß genug zum Aufstellen bzw. -hängen ist. Die Sorge vieler Interessenten, dass es im Inneren eines Erdhauses so dunkel ist wie in Frodos Hobbithöhle, sei dagegen nur ein Vorurteil, sagt Vetsch, “meist von Menschen, die noch nie in einem Erdhaus waren”. Stattdessen bringen große Fensterflächen und in manchen Räumen auch Oberlichter viel Helligkeit in die Räume.

Darüber hinaus sorgen die gewölbeartigen Decken dafür, dass selbst der Zauberer Gandalf aus Mittelerde sich nicht den Kopf stoßen würde – denn diese können an ihrer höchsten Stelle bis zu dreieinhalb Meter hoch sein und garantieren so ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit. Was die Ausstattung der Innenräume betrifft, steht jeglichem Komfort nichts im Wege: von der hochglänzenden Einbauküche über einen kuschligen Kamin bis hin zum großzügigen Balkon.

Auch Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen, hat sich im "Auenland schon umgesehen.

Auch Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen, hat sich im "Auenland schon umgesehen.

Das Erdhaus ist jedoch keinesfalls eine neue Erfindung: Sein Vorläufer, die Wohnhöhle, war bereits in der Altsteinzeit überall auf der Welt zu finden. Meist grub man sie in Felsgestein oder legte sie unterirdisch an, so wie es etwa bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen üblich war. Auch Lehm, mit dem die Wände im Erdhausinneren verkleidet sind, zählt zu den ersten überhaupt genutzten Baumaterialien. Seit über 9000 Jahren bauen die Menschen mit Lehm, indem sie etwa Holzgerüste damit verkleiden, das Material zu Stampflehm verdichteten oder es zu Ziegelsteinen brannten.

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Nachdem andere Materialien den Lehm abgelöst hatten, verlor er zunächst an Bedeutung. In den 1980er Jahren entdeckte man ihn als umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Baustoffen wieder. Seither kommt er – aus ökologischen und ästhetischen Gründen – immer häufiger zum Einsatz, wie der Interessensverband “Dachverband Lehm e.V.” auf seiner Webseite mitteilt: Aktuell seien vor allem farbige Lehmputze stark nachgefragt, heißt es dort. Zumindest den Bauten von Peter Vetsch merkt man die historische Vergangenheit durchaus noch an: “Der Raum wirkt für sich”, sagt der Architekt. “Ohne dass viel Dekoration nötig ist, bieten die Erdhäuser eine archaische, organische und lebendige Atmosphäre.” Ein wenig Auenlandflair kann also auch im modernen Erdhaus aufkommen – vor allem, wenn sein Bewohner es entsprechend rustikal und gemütlich einrichtet.

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