Expertin erwartet mehr Zecken: Hyalomma, FSME und Buntzecken machen sich breit

Eine lebendiger Gemeiner Holzbock (Ixodes ricinus) sitzt in der Parasitologie der Universität Hohenheim auf einem schwarzen Stück Karton.

Eine lebendiger Gemeiner Holzbock (Ixodes ricinus) sitzt in der Parasitologie der Universität Hohenheim auf einem schwarzen Stück Karton.

Die Zecken sind los. Parasitologen und das Robert Koch-Institut melden neue Rekorde bei der Zahl der FSME-Infektionen sowie neu aufgespürten Arten in Deutschland und Europa. Ein Trend, der sich wegen veränderter Klimabedingungen wahrscheinlich auch in Zukunft fortsetzt – und die klassische Vorstellung von klar auszumachenden Zeckenrisikogebieten ins Wanken bringen könnte.

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Zwar sei es schwierig, die exakte Anzahl der Zecken und verschiedenen Arten hierzulande zu bestimmen, sagt die Zeckenforscherin Prof. Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim. Es sei auch schwierig zu prognostizieren, ob 2021 ein starkes Zeckenjahr mit besonders vielen aktiven FSME übertragenden Zecken werde, die auf der Suche nach Wirten sind. „Aber es sieht aktuell schon so aus, dass es zu einem Anstieg der Zeckenanzahl kommt“, prognostiziert die Parasitologin im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Riesenzecke Hyalomma taucht inzwischen in Deutschland auf

Hyalomma-Zecken sind eigentlich in Südeuropa, Asien und Afrika verbreitet. Seit einigen Jahren wurden einzelne Tiere auch in mehreren Bundesländern nachgewiesen.

Hyalomma-Zecken sind eigentlich in Südeuropa, Asien und Afrika verbreitet. Seit einigen Jahren wurden einzelne Tiere auch in mehreren Bundesländern nachgewiesen.

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Jedes Jahr werden Mackenstedt und ihrem Team auffällige Zeckenfunde aus ganz Deutschland zugeschickt, die dann am Institutslabor genauer unter die Lupe genommen werden. Wegen des fortschreitenden Klimawandels steige die Wahrscheinlichkeit, dass neue Zeckenarten langfristig nach Deutschland einwandern, erklärt Mackenstedt. Diese könnten dann auch hierzulande noch nicht verbreitete Krankheitserreger mitbringen. Eine solche Gattung hat es bereits 2007 in unsere Breitengrade geschafft: die Hyalomma-Jagdzecke. Der Blutsauger tauchte seit dem Rekordsommer 2018 vermehrt auf und könnte sich bei wärmeren Temperaturen bald noch wohler in Deutschland und Europa fühlen.

Es gibt inzwischen einen konstanten Eintrag durch die Jagdzecke Hyalomma.

Ute Mackenstedt

Parasitologin

Wissenschaftler gehen bislang davon aus, dass die Tiere mit Zugvögeln nach Deutschland kommen, aber die Häutung zur erwachsenen Zecke noch nicht vollständig durchlaufen, da Hyalomma dafür lange Trockenperioden benötigt. „Es gibt inzwischen einen konstanten Eintrag durch die Jagdzecke Hyalomma“, berichtet Mackenstedt. Rund 100 solcher exotischen Hyalomma-Zeckenfunde seien ihr im vergangen Jahr zugeschickt worden.

Die Hälfte von ihnen sei mit Rickettsia-Bakterien infiziert gewesen, die nach einem Stich auch an Menschen weitergegeben werden können. „Die Infektion durch das Bakterium kann man aber in der Regel gut behandeln“, sagt die Zeckenforscherin.

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Die Hyalomma-Zecke ist ursprünglich nur in Teilen Asiens, Afrikas und Südosteuropas verbreitet. Sie ist etwa doppelt so groß wie der hierzulande dominierende Gemeine Holzbock, hat gestreifte Beine und krabbelt aktiv und schnell direkt auf einen für sie attraktiven Wirt zu. Hyalomma-Zecken tragen mehrere Viren im Körper. Beim Festbeißen im Wirt können einige von ihnen auch schwerwiegende Erkrankungen auslösen, etwa das Zecken-Fleckfieber. Auch das Krim-Kongo Hämorrhagische Fieber kann grundsätzlich übertragen werden. Den Erreger konnten Parasitologen in Zeckenfunden hierzulande bislang aber noch nicht nachweisen.

Gefährlich für Hund und Pferd: Buntzecken - sogar auf Sylt

Eine Auwaldzecke auf einem Blatt in einem Garten in Sieversdorf (Brandenburg).

Eine Auwaldzecke auf einem Blatt in einem Garten in Sieversdorf (Brandenburg).

Eine weitere Gattung macht sich deutschlandweit breit. Tausende außergewöhnlich aussehende Zecken aus ganz Deutschland seien im Rahmen einer Citizen-Science-Studie an das Institut für Parasitologie an der Universität Hohenheim geschickt worden, berichtet Mackenstedt. Nach ersten Auswertungen kommt die Zeckenforscherin zu dem Schluss, dass eine Art neuerdings besonders oft in den Proben auftaucht: „Sehr, sehr viele Auwaldzecken“.

„Wir wissen durch die Funde, dass die Auwaldzecken inzwischen in ganz Deutschland verbreitet sind.“ Das sei überraschend, in Niedersachsen hätten Experten zum Beispiel eigentlich nicht mit dieser Gattung der Buntzecken gerechnet. Sogar auf der Insel Sylt sei sie entdeckt worden. „Es ist aber noch unklar, ob es dort bereits eine eigenständige Population gibt oder ob möglicherweise ein Hund diese Zeckenart dort eingeschleppt hat“, berichtet Mackenstedt.

Warum das von Interesse ist? Vor einigen Jahren sei ein Fall bekannt geworden, bei dem ein Mensch von einer Auwaldzecke gestochen und mit FSME infiziert wurde. Das sei bislang noch ein Einzelfall. Diese Zecke steche den Menschen eigentlich nur sehr selten. „Die Auwaldzecke bevorzugt Rinder, Hunde und auch Pferde“, erklärt die Zeckenforscherin. Aber auch auf diese Tiere können Krankheitserreger bei einer Ausbreitung der Buntzecke vermehrt übertragen werden.

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So sieht der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) aus.

So sieht der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) aus.

FSME-Infektionen: So viele wurden noch nie registriert

Für den Menschen gefährlich kann vor allem FSME sein, eine seit 2001 meldepflichtige Erkrankung, die auch eine Hirnhautentzündung auslösen kann. Sie steht für Frühsommer-Meningoenzephalitis. Die Krankheit wird durch ein Virus verursacht, das hierzulande durch Zecken auf den Menschen übertragen wird. Genauer: durch einen Stich des Gemeinen Holzbocks. Wissenschaftler nennen den Parasiten Ixodes ricinus. Diese Zeckenart ist in Deutschland am stärksten verbreitet – und kommt mit Blick auf die Zahlen inzwischen wohl häufiger in Kontakt mit Menschen.

169 Kreise hat das RKI inzwischen als FSME-Risikogebiete definiert. Generell bestehe in Deutschland ein Risiko für eine FSME-Infektion vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, in Südhessen, im südöstlichen Thüringen und in Sachsen, heißt es vom RKI. Einzelne Risikogebiete befänden sich zudem in Mittelhessen, im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Niedersachsen. Daneben steigt Zeckenexperten zufolge aber auch anderswo die Wahrscheinlichkeit, dass FSME-infizierte Zecken unterwegs sind. „Wir wissen nicht genau, wo diese Naturherde sind“, betont Mackenstedt. Es sei beispielsweise eine irreführende Annahme, dass im Norden weniger Zecken vorkommen.

2020 waren die FSME-Zahlen in Deutschland auf einem Rekordhoch – mit 704 gemeldeten Fällen. „Das ist die höchste Anzahl an Infektionsfällen seit Beginn der Berichte“, erklärt Mackenstedt. In Baden-Württemberg und Bayern seien etwa 90 Prozent aller Fälle registriert worden, weniger in den nördlichen Bundesländern. Während in Skandinavien die Anzahl der FSME-Fälle gesunken ist, wurden in Österreich und der Schweiz ebenfalls Höchststände verzeichnet. Es gebe eine noch nicht wissenschaftlich erklärbare Grenze auf der Höhe der Mittelgebirge, also nördlich davon nicht außergewöhnlich viele FSME-Fälle, südlicher gelegen hingegen „exorbitant viele“, wie Mackenstedt sagt.

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Die Gründe für die vermehrten FSME-Infektionen seien noch nicht eindeutig erforscht – und vielfältig. Die veränderten Klimabedingungen könnten ein Faktor sein, da der Gemeine Holzbock empfindlich auf Trockenheit reagiert. „Auch ein menschlicher Faktor könnte eine Rolle spielen“, sagt die Zeckenforscherin. Durch Corona seien viele Reisen ausgefallen. Man blieb im eigenen Land – und ging wegen geringerem Infektionsrisiko nach draußen. „Das kann dazu führen, dass mehr Menschen in den Wald gehen als sonst.“

Typische Lebensräume für Zecken sind unter anderem lichte Wälder und Waldränder sowie Flächen mit hohem Gras oder Büschen. Auch Gärten und städtische Parks bieten gute Bedingungen. Die Wahrscheinlichkeit steigt, an diesen Orten einen FSME-Naturherd zu durchqueren. Und der Gemeine Holzbock wandert. Er geht inzwischen auch in die Berge. Früher war bei 700 Höhenmetern Schluss. Inzwischen gebe es Funde, wo fast 2000 Höhenmeter erreicht wurden. Auch das sei eine klimatische Auswirkung, berichtet Mackenstedt. Der Permafrost taut, die Temperaturen steigen – auch in den höheren Lagen.

Zeckenalarm auch im Winter: FSME-Impfung und Absuchen

Wir wissen eben nicht genau, wo überall FSME-Naturherde sind. Deshalb würde ich persönlich eine Impfung gegen FSME eigentlich immer aus Sicherheitsgründen empfehlen.

Ute Mackenstedt, Zeckenexpertin

FSME-Fälle können inzwischen auch früher auftreten als bislang vermutet – und an Orten, wo Naturherde bislang nicht vermutet wurden. Zeckenforscherin Mackenstedt geht davon aus, dass Zecken überall in Deutschland inzwischen das ganze Jahr über aktiv sind und Wirte suchen. Auch im Dezember, Januar und Februar, nicht nur von Frühjahr bis Herbst. Das betreffe den Gemeinen Holzbock genauso wie die Buntzecke. „Die Wintertemperaturen sind einfach zu hoch. Auch im Winter muss man sich deshalb nach einem Aufenthalt im Freien absuchen“, rät die Expertin.

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Eine zusätzliche Schutzmöglichkeit kann die Impfung gegen FSME bieten. Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Impfung für Personen, die in ausgewiesenen FSME-Risikogebieten wohnen, beruflich gefährdet sind, etwa in der Forst- und Landwirtschaft. Ute Mackenstedt würde noch weiter gehen. „Wir wissen eben nicht genau, wo überall FSME-Naturherde sind. Deshalb würde ich persönlich eine Impfung gegen FSME eigentlich immer aus Sicherheitsgründen empfehlen“, sagt die Parasitologin.

Wer beispielsweise regelmäßig joggen oder wandern gehe oder nach der Pandemie wieder reisen wolle, sollte überlegen, welchem Risiko man sich möglicherweise aussetzt. In Absprache mit dem Arzt müsse eine persönliche Abwägung getroffen werden, ob die Impfung im Einzelfall sinnvoll ist.

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