„Iss, was du willst!“: Warum man aufs Bauchgefühl setzen sollte
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Wer gesund essen möchte, muss nicht zwangsläufig auf sein Lieblingsessen verzichten.
© Quelle: picture alliance / dpa
Leipzig. Bevor der Sommer kommt, soll der (Winter-)Speck weg: Doch der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop ist sich sicher, dass die Diäten, die jetzt wieder in Zeitungen und Zeitschriften angepriesen werden, viel versprechen und wenig halten.
Nullnummer Diät – kann man das so absolut sagen?
Ja! Das kann man. Es gibt rund 500 Diäten – und alle wirken gleich. Nämlich nicht! Die Erklärung dafür ist ganz simpel: In der Zwangshungerzeit sorgt die negative Energiebilanz für ein Abschmelzen von Fett, Wasser und Muskeln. Und nach der Diät dauert es nicht lange, bis man das Gewicht wieder drauf hat.
Der befürchtete Jo-Jo-Effekt …
… Es ist sogar noch schwerwiegender: Denn häufig werden die Leute mit jedem Diätjahr dicker, weil ihr Körper für den jeweils nächsten Notfall immer größere Reserven anlegt. Da kommen nicht selten über die Jahre dann 20 bis 30 Kilo dazu.
Es gibt rund 500 Diäten – und alle wirken gleich. Nämlich nicht!
Ernährungswissenschafter Uwe Knop
Hat Corona diesen Diätwahn zusätzlich befeuert oder haben die Menschen während der Pandemie einfach mehr gegessen?
Das ist unterschiedlich. Fakt ist, dass Corona das Thema Essen bei den Menschen noch mehr in den Mittelpunkt gerückt hat – vor allem durch Homeoffice und Kurzarbeit. Die einen haben vor allem auf den Lieferservice gesetzt, die anderen beschäftigten sich intensiver mit ihren Mahlzeiten. Sie fragten danach, was ihnen guttut. Diese zunehmend bewusste Ernährung ist ein positiver Prozess.
Zählen Sie das Intervallfasten auch zu den verzichtbaren Diäten?
Nein, Intervallfasten ist keine Diät, weil dabei primär keine negative Energiebilanz angestrebt wird. Es geht beim Intervallfasten darum, eine bestimmte Zeit nichts zu essen, damit man echten, körperlichen Hunger bekommt. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, welche Zeitspanne man für sich wählt. Wichtig ist, dass der Stoffwechsel angekurbelt wird.
Uwe Knop, Jahrgang 1972, ist Ernährungswissenschaftler und Buchautor. Statt auf noch eine sinnlose Trenddiät hereinzufallen, die in Jo-Jo-Kilos endet, plädiert der Experte für einen selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Körper. Willkommen Genuss, ciao Diätfrust. Sein aktuelles Buch: „Intuitiv Intervallfasten“ ist im Polarise-Verag erschienen und kostet 14,95 Euro.
© Quelle: Marina_Stoettwig
Man soll also essen, wenn man Hunger hat?
Genau! Wenn man wirklich Hunger hat. Es geht um ein individuelles, intuitives Intervallfasten – denn der Körper weiß ganz genau, was er wann braucht. Man sollte also lieber auf sein Bauchgefühl hören als auf irgendwelche Ernährungsratschläge.
Und dann klappt es automatisch mit dem Abnehmen?
Nein, das allein reicht natürlich nicht. Vorher – und das ist die Voraussetzung für einen langfristigen Erfolg – muss man alte Verhaltensweisen auf den Kopf stellen und seine Einstellung ändern. Hilfreich sind dabei die Fragen: Was esse ich wann und warum? Frühstücke ich zum Beispiel, obwohl ich gar keinen Hunger habe, nur weil ich irgendwann mal gelesen habe, dass das gesund sein soll? Oder esse ich viel Rohkost, weil es gut sein soll, obwohl ich Probleme mit der Verdauung habe? Das alles ist dauerhaft der falsche Weg.
Also lieber Pizza als Vollkornbrot?
Wenn Ihnen das besser schmeckt – ja! Es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel, da ist sich die Fachwelt einig. Darüber wird zwar überall geschrieben, aber der wissenschaftliche Beweis fehlt. Es geht vielmehr um das individuelle Körpergefühl. Was schmeckt mir? Worauf habe ich Lust? Und vor allem: Was vertrage ich gut? Bei dem Lieblingsgericht muss ein tiefes Stöhnen der Zufriedenheit aus dem Bauch kommen.
Und was ist mit dem Kalorienzählen?
Jeder muss selbst herausfinden, wie hoch sein Energiebedarf ist – am einfachsten erst mal auf Basis des durchschnittlichen Standardbedarfs für Frau oder Mann – und seine individuelle Kaloriengrenze setzen, die ungefähr 500 kcal unter dem Energiebedarf liegen sollte. In kleinen Schritten führt diese Umstellung zum dauerhaften Erfolg – wenn der neue Essstil langfristig beibehalten wird.
Lässt sich der Prozess beschleunigen – zum Beispiel mit Sport?
Ja, zum einen sollte man, wenn möglich, überall im Alltag Bewegung einbauen – Treppe statt Fahrstuhl, Fahrrad statt Auto usw. Zum anderen hilft auch regelmäßiges Krafttraining, die Muskelmasse zu erhalten. Mit ein paar Hanteln oder Liegestützen und Kniebeugen kann man langfristig schon viel bewirken.
Das klingt nach viel Geduld …
In der Tat! Wer jetzt mit der Umstellung anfängt, arbeitet an der Bikinifigur fürs nächste Jahr. Aber gleichzeitig auch an der Bikinifigur der nächsten Jahre, die dauerhaft bleiben soll. Denn das ist das große Ziel, das reduzierte Wunschgewicht auch langfristig zu halten.