Klimaschützerin Vanessa Nakate: „Der globale Süden wird aus dem Bild gelöscht“

Die Klimaaktivistin Vanessa Nakate auf einer Demonstation Anfang Oktober in Italien.

Die Klimaaktivistin Vanessa Nakate auf einer Demonstation Anfang Oktober in Italien.

Frau Nakate, Sie haben kürzlich das Dorf Lützerath in Nordrhein-Westfalen besucht, das am Rand der riesigen Kohlegrube von RWE liegt. Warum?

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Was in Deutschland passiert, hört nicht in Deutschland auf. Deutschland treibt den Anstieg der globalen Emissionen voran, aber es sind Gemeinschaften wie meine in Uganda, die mit den direkten Folgen der Klimakrise leben müssen.

Was ging Ihnen beim Anblick der Grube durch den Kopf?

Den Kohleabbau zu sehen war sehr verstörend. Es fühlte sich an, als wären wir auf einem anderen Planeten. In einigen der leeren Dörfer zeigten mir die anderen Klimaaktivistinnen Bilder, wie es dort früher aussah, mit Häusern, Bauernhöfen und Kirchen. Es wird noch persönlicher und beunruhigender, wenn man selbst sieht, wo diese Kohlemine liegt und dass dort tatsächlich noch Menschen leben. Wenn man weiß, dass der Weg, auf dem man geht, das Nächste ist, was zerstört wird. In ein paar Jahren wird alles verschwunden sein.

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Was bedeutet das?

Wir können die Dinge, die wir verlieren, nicht zurückbekommen. Wir können uns nicht an verlorene Dörfer oder Traditionen anpassen – wenn sie einmal weg sind, sind sie weg.

Wir können keine Kohle essen, wir können kein Öl trinken, und wir können kein Erdgas einatmen.

Deutschland hat die Verantwortung dafür, die Menschen und den Planeten zu schützen. Aber die Ausweitung solcher Kohleminen stellt das Pariser Abkommen infrage. Wenn mein Land von extremen Überschwemmungen heimgesucht wird, ist das auf Aktivitäten wie diese zurückzuführen. Wir können keine Kohle essen, wir können kein Öl trinken, und wir können kein Erdgas einatmen.

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An Rande der Kohlegrube: Vanessa Nakate (r.) und die Klimaaktivistin Leonie Bremer stehen am Kohletagebau Garzweiler in Lützerath.

An Rande der Kohlegrube: Vanessa Nakate (r.) und die Klimaaktivistin Leonie Bremer stehen am Kohletagebau Garzweiler in Lützerath.

Klimawandel vernichtet Lebensgrundlagen

Wie wirkt sich die Klimakrise auf Ihr Heimatland Uganda aus?

In meiner Heimat Uganda ist die Klimakrise Realität. Der globale Temperaturanstieg verändert die Wettermuster, das führt zum Beispiel zu extremen Regenfällen. Im westlichen Teil des Landes, in Gemeinden wie Kasese, gab es seit 2019 immer wieder massive Überschwemmungen. Die Menschen dort leben noch immer in Lagern, weil ihre Häuser zerstört wurden.

Und im östlichen Teil des Landes, in den Gebieten von Mountain Elgon etwa, gab es Erdrutsche, bei denen Menschen ums Leben gekommen sind. Die Klimakrise in Uganda bedeutet Nahrungsmittel- und Wasserknappheit, sie vernichtet Häuser und Lebensgrundlagen.

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In meiner Schule hat man die Klimakrise nie als etwas dargestellt, das unsere heutige Existenz bedroht.

Warum haben Sie sich entschieden, Klimaschützerin zu werden?

In meiner Schule hat man die Klimakrise nie als etwas dargestellt, das unsere heutige Existenz bedroht. Natürlich hatte ich die Nachrichten von den Überschwemmungen gesehen, aber ich habe nie eine Verbindung zum Klimawandel hergestellt. Nach den Katastrophen in Ostafrika im Jahr 2018 wollte ich das Leben der Menschen in meiner Gemeinde verbessern. Ich wollte herausfinden, mit welchen Herausforderungen die Menschen konfrontiert sind.

Als ich verstanden habe, dass der Klimawandel eines der größten Probleme ist – und zwar nicht nur für meine Gemeinde, sondern für Uganda und die ganze Welt – beschloss ich, für das Klima zu kämpfen. Dazu haben mich auch die Fridays-for-Future-Klimastreiks von Greta Thunberg inspiriert.

Aus dem Bild geschnitten

Rausgeschnitten: Die Klimaaktivistin Vanessa Nakate (v. l.), zusammen mit Luisa Neubauer, Greta Thunberg, Isabelle Axelsson und Loukina Tille. Die AP zeigte nur einen Bildausschnitt ohne Nakate.

Rausgeschnitten: Die Klimaaktivistin Vanessa Nakate (v. l.), zusammen mit Luisa Neubauer, Greta Thunberg, Isabelle Axelsson und Loukina Tille. Die AP zeigte nur einen Bildausschnitt ohne Nakate.

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2020 haben Sie auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos über die afrikanische Perspektive auf den Klimawandel gesprochen. Die Nachrichtenagentur AP schnitt Sie dann aus einem Bild heraus, das Sie unter anderem mit Greta Thunberg und Luisa Neubauer zeigte. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Ich habe meinen Wert als Aktivistin infrage gestellt und mich gefragt, ob das, was ich sage, auch gehört wird. Denn nicht nur mein Bild, auch ein Teil meiner Botschaft, wurde entfernt.

Ich komme aus einem Land und einem Kontinent, der die Klimakrise nicht verursacht hat.

Mir ist dabei klar geworden: Ich komme aus einem Land und einem Kontinent, der die Klimakrise nicht verursacht hat. Afrika ist nur für 3 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, und doch leiden die Menschen dort bereits unter einigen der schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise. Meine Erfahrung auf dem Weltwirtschaftsforum war ein Beleg dafür, dass der globale Süden zwar an vorderster Front der Klimakrise steht, auf den Titelseiten der Zeitungen aber nicht zu finden ist.

Medien sind in der Verantwortung

Was muss sich ändern?

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Ich erwarte von den internationalen Medien, dass sie wahrheitsgetreu über die Klimakrise berichten. Dazu gehört auch, dass sie Aktivisten und Aktivistinnen aus den am stärksten betroffenen Gebieten eine Plattform bieten und ihren Stimmen Raum geben.

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Hat sich die Art Ihres Aktivismus nach Davos verändert?

Früher habe ich mich darauf konzentriert, von den Staats- und Regierungschefs der Welt Maßnahmen zu fordern. Seit Davos nutze ich meine Plattform, um über Dinge zu sprechen, die die Menschen verstehen sollten: die Überschneidung von Klimagerechtigkeit und Rassismus, der Gleichstellung der Geschlechter und Armutsbekämpfung. Denn beim Klimawandel geht es nicht nur um das Wetter. Es geht nicht nur um Statistik. Es geht um die Menschen.

Ohne Gleichberechtigung gibt es auch keine Klimagerechtigkeit.

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Die grausame Realität der Klimakrise

Wie hängen Klimakrise und Rassismus zusammen?

Wie gesagt: Die Menschen im globalen Süden haben die Klimakrise nicht verursacht, aber sie sind mit den schwersten Auswirkungen konfrontiert. Das ist die grausame Realität des Klimawandels. Sie können nicht über ihre Geschichten erzählen, über ihre Erfahrungen sprechen, weil sie buchstäblich aus dem Bild gelöscht werden. Das betrifft übrigens nicht nur Schwarze und Indigene im globalen Süden. Auch in den USA oder England sehen wir, wie People of Color, die direkt neben Kohlekraftwerken wohnen, unmittelbar Wasser- oder Luftverschmutzung ausgesetzt sind.

Die Klimagerechtigkeit ist eine Frage der Gleichberechtigung. Ohne Gleichberechtigung gibt es auch keine Klimagerechtigkeit.

Sind bei der UN-Klimakonferenz denn nun mehr Aktivistinnen und Aktivisten aus dem globalen Süden vertreten?

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Es war sehr schwierig und viel Arbeit sicherzustellen, dass Aktivistinnen und Aktivisten aus den meistbetroffenen Gebieten am Weltklimagipfel teilnehmen. Es gab Schwierigkeiten bei der Akkreditierung, bei der Finanzierung und bei der Impfung. Viele Aktivistinnen und Aktivisten aus dem globalen Süden können nicht bei der COP 26 dabei sein.

Platz neben Greta: Vanessa Nakate beim Jugendklimagipfel in Mailand.

Platz neben Greta: Vanessa Nakate beim Jugendklimagipfel in Mailand.

Staatenlenker müssen Krise ernst nehmen

Was sind Ihre Erwartungen an den Weltklimagipfel in Glasgow?

Da ich aus einer Gemeinschaft komme, die an vorderster Front der Klimakrise steht, muss ich mich wirklich an die Hoffnung klammern. Wir versuchen, den globalen Temperaturanstieg bei 1,5 Grad zu begrenzen, aber erleben bereits das Schlimmste der Klimakrise bei 1,2 Grad.

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Von der COP erhoffe ich mir, dass unsere Staats- und Regierungschefs mehr Maßnahmen ergreifen. Ich möchte sehen, dass die Staats- und Regierungschefs wirklich für den Schutz der Menschen und des Planeten kämpfen.

Womit sollen sich die Staats- und Regierungschefs beschäftigen?

Ich hoffe, dass die Verluste und Schäden der Klimakrise ein zentraler Diskussionspunkt auf der COP 26 sein werden. Wir brauchen Klimafinanzierung, um das anzugehen. Und die sollte nicht in Form von Darlehen, sondern in Form von Zuschüssen erfolgen.

Auch die Ausbildung von Mädchen sollte gefördert werden, damit mehr Mädchen zur Schule gehen können. Project Drawdown listet 100 sinnvolle Dinge auf, die wir tun können, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Die Aufklärung von Mädchen über Familienplanung steht auf dem fünften Platz.

Das Interview in voller Länge hören Sie im RND-Podcast „Klima und wir“ auf Spotify und überall dort, wo es Podcasts gibt. Für mehr Klima- und Umweltnews, abonnieren Sie gern auch unseren Instagram-Kanal.

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Über ihre Erfahrungen als Klimaschützerin berichtet Vanessa Nakate auch in ihrem Buch „Unser Haus steht längst in Flammen“ (Rowohlt-Verlag/16 Euro).

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