Tausendundeine schlaflose Nacht: Warum kann ich nicht schlafen?

Auf dem Weg zu einer „harten Nacht“: Wachsein im Bett.

Auf dem Weg zu einer „harten Nacht“: Wachsein im Bett.

Es war eine ziemlich banale Situation, als Anders Bortne erkannte, dass es so nicht weitergehe könne. In seinem Haus in Oslo bezog der Norweger die Ehebetten frisch und bemerkte: Auf der Seite, auf der seine Ehefrau schläft, sah die Matratze aus wie eine Matratze, die seit Jahren benutzt wird. Etwas abgenutzt eben. Auf seiner Bettseite jedoch wirkte alles fast wie neu, nahezu unbenutzt. Kein Wunder, denn Bortne litt zu dem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren unter Schlafstörungen und verbrachte nachts mehr Zeit im Wohn- als im Schlafzimmer.

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Überwältigt von dem Anblick der unterschiedlich aussehenden Matratzen, erschrocken von den Informationen, die er anschließend im Internet unter den Stichworten Schlafmangel und Langzeitschäden fand, und ermattet von jahrelangem Schlafdefizit machte Bortne einen Termin bei seinem Hausarzt aus. Das war der Beginn einer ausgiebigen Recherche und Selbsterkundung. Davon erzählt sein Buch „Schlaflos. Wie ich nach tausend Nächten endlich Ruhe fand“, das auf Deutsch vor Kurzem im Mairisch Verlag erschienen ist. Die Widmung lautet: „Für alle, die schlafen können. Und für all die anderen.“

Schlechter Schlaf wird zur Volkskrankheit

Diese „anderen“, diejenigen, die nur schwer ein- oder selten durchschlafen, die sich nachts im Bett wälzen und vielleicht erst gegen Morgen einschlummern, werden immer mehr. Einer kurz vor der Corona-Krise veröffentlichten Mitteilung der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge klagt jeder Dritte in Deutschland über schlechten Schlaf, jeder Zehnte leidet unter Schlafstörungen. Die DAK berichtet in ihrem sogenannten Präventionsradar, dass auch ein Drittel der Schüler mit Schlafstörungen kämpfe und zu wenig schlafe.

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Besonders alarmierend ist, wie schnell und stark die Zahl derjenigen, die Probleme mit dem Schlafen haben, in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Der DAK-Gesundheitsreport von 2017 konstatiert: „Seit 2010 sind die Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren um 66 Prozent angestiegen.“

Schlechter Schlaf ist, ähnlich wie Rückenschmerzen, zur Volkskrankheit geworden. Fragt man Freunde oder Familienangehörige, wie es ihnen denn so gehe, heißt es oft: „Nicht so gut. Ich hatte wieder eine harte Nacht.“ Damit ist dann nicht gemeint, dass der- oder diejenige zu lange und bei zu viel Wein oder Bier mit Freunden die Nacht zum Tag gemacht hat. Sondern dass er oder sie nicht gut geschlafen hat und sich jetzt übermüdet und oftmals richtig krank fühlt.

Fünf Stunden? Die meisten brauchen mehr

„Die übermüdete Gesellschaft. Wie Schlafmangel uns alle krank macht“ heißt denn auch ein Bestseller des Berliner Schlafforschers Ingo Fietze. Leistungsvermögen, Konzentration und Reaktionsgeschwindigkeit lassen nach, wenn man nicht ausreichend schläft. Das ist nicht nur ein ganz persönliches Problem, sondern hat gesellschaftliche Folgen: Übermüdete Lkw- oder Pkw-Fahrer zum Beispiel können gefährlich für die Allgemeinheit werden, weil ihr Unfallrisiko durch schlechten oder zu wenig Schlaf steigt.

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Der Topmanager alter Schule, der sich brüstet, wie Napoleon Bonaparte mit vier, fünf Stunden Schlaf auszukommen, mag einigen Menschen vielleicht noch Bewunderung abnötigen. Die meisten jedoch brauchen mehr und sind froh, wenn sie mindestens sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht bekommen.

Die Gründe für das Schlafdefizit sind vielfältig: Stress im Job oder in der Familie, Schichtarbeit, die Überzeugung, im Feierabend für den Chef oder die Kollegen erreichbar sein zu müssen, die Angewohnheit, bis spät in den Abend am Rechner oder Handy herum zu daddeln. Dazu kommt eine weit verbreitete Angst, in der Freizeit irgendetwas verpassen zu können.

Die Corona-Krise schafft neue Sorgen

Anders Bortne hat in den Jahren, in denen er unter besonders heftiger Schlaflosigkeit litt, ein mehr als ausgefülltes Leben geführt: Der Musiker, Autor, Comiczeichner und Vater von zwei kleinen Kindern, arbeitete zu der Zeit auch noch als Redenschreiber. In einem Interview sagte er über sich selbst, dass er ständig fürchte, etwas zu verpassen. Gesundheitsexperten schätzen Fomo, die „Fear of Missing Out“ (also Angst, etwas zu verpassen), als ernsthaftes Problem ein; Fomo gilt als erste Social-Media-Krankheit.

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Der Ausbruch der Corona-Pandemie und das durch den Shutdown im Frühjahr und den aktuellen Lockdown insgesamt etwas ruhigere Leben mit weniger sozialen Kontakten und mitunter mehr zeitlicher Flexibilität im Homeoffice haben nicht zu besserem Schlaf geführt. Im Gegenteil: Jeder Zehnte gab in einer TK-Befragung an, in der Corona-Krise nachts schwer zur Ruhe zu kommen. Diese Menschen, kann man vermuten, machen sich Sorgen – um ihre eigene Gesundheit oder um die von Angehörigen, um ihre berufliche und finanzielle Situation, darum, wie die Krise sich in den kommenden Monaten weiterentwickeln könnte.

Derzeit läuft eine groß angelegte internationale Studie, deren vorläufige Daten – so der Schlafforscher Christian Benedict – die Ergebnisse der deutschen TK-Befragung zum Corona-Schlaf wohl bestätigen dürfte. Der Hamburger Hirnforscher, der am Institut für Neurowissenschaften an der Universität Uppsala in Schweden tätig ist, macht für die generellen Schlafprobleme indes mehrere Gründe aus.

Je älter und je übergewichtiger Menschen seien, desto höher sei das Risiko, schlecht zu schlafen. In einer alternden Gesellschaft wie in Deutschland, in der rund ein Viertel der Erwachsenen als stark übergewichtig gilt, gibt es demnach signifikant viele Menschen mit potenziellen Schlafproblemen.

Wer abschalten will, muss ausschalten

Dazu kommt unser „digitaler Lebensstil“, sagt Benedict, Autor des Buches „Schlaf ist die beste Medizin“. Einerseits haben wir rund um die Uhr Zugang zu Unterhaltung, können mitten in der Nacht zum Beispiel Serien streamen. Andererseits seien wir jedoch auch rund um die Uhr verfügbar: „Die Berufswelt ist stressiger geworden“, sagt der 43-Jährige. Er empfiehlt dringend, das Smartphone auch mal abzuschalten: „Das Schlafzimmer ist eine Tabuzone für das Handy, denn es ist nun mal ein Schlafräuber.“ Jede Art von Stress störe das Schlafen: „Das A und O für guten Schlaf ist Entspannung.“

Für Entspannung könne man etwa sorgen, indem man vor dem Zubettgehen noch eine Runde um den Block gehe, einen Tee trinke und die Aufgaben des nächsten Tages aufschreibe – und zwar am besten regelmäßig jeden Abend. „Das Hirn lernt dadurch ein schlafförderliches Muster“, sagt der Neurowissenschaftler.

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Tipps, wie man solch eine Schlafhygiene entwickeln kann, gibt es reichlich. Um den schlechten Schlaf ist in den vergangenen Jahren ein riesiger Markt entstanden: Ratgeber, Yogakurse, Matratzen und jede Menge rezeptfreie Pillen und Gute-Nacht-Tees versprechen den Geplagten eine ruhigere Nacht. Außerdem greifen zahlreiche Menschen – gerade ältere und besonders häufig Frauen – regelmäßig und über einen langen Zeitraum zu verschreibungspflichtigen Mitteln. Die Zahl derjenigen, die in Deutschland von Schlaftabletten abhängig sind, schätzen Experten auf eine bis 1,5 Millionen. Vor allem Frauen von 65 Jahren an sind davon betroffen.

Und ewig kreisen die Gedanken

Bei vielen Menschen haben sich die Schlafprobleme zu einem beständigen Thema in ihrem Leben entwickelt. Die Angst vor Schlaflosigkeit erschwert das Einschlafen, die Gedanken kreisen oft darum, ob die kommende Nacht die ersehnte Erholung bringen wird. Ob die Temperatur des Schlafzimmers richtig ist, der Raum genau so dunkel, wie man es braucht, die Geräusche von der Straße oder aus der Nachbarwohnung nicht zu laut . Und wenn der Partner, die Partnerin schnarcht, ist das zusätzlich schlafraubend.

Auch Autor Anders Bortne kennt diese Angst vor einer weiteren schlaflosen Nacht nur zu genau. Seit anderthalb Jahrzehnten plagt er sich mit seiner Insomnie, seiner Schlafstörung, hat alle möglichen und unmöglichen Mittel dagegen ausprobiert. Verschwunden sind seine Probleme nicht, nur könne er heute besser damit leben, schreibt er. Er habe in seinem Leben Routinen etabliert, und er rät, sich darüber klar zu werden, welche eigentlichen Ängste hinter der Angst vor Schlaflosigkeit stecken könnten. Bortne würde gern tief und erholsam durchschlafen können, denn: „Schlaf ist Gnade.“


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